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01.05.2016

19:14 Uhr

Hoffnung für Aleppo

Moskau bestätigt Verhandlungen über Waffenruhe

Nach neun Tagen Dauerangriffen besteht Hoffnung auf eine Atempause für die Menschen in Aleppo. Der russische Generalleutnant Sergej Kuralenko sprach am Sonntag von „aktiven Gesprächen“. Details nennt er jedoch nicht.

Die Bewohner der syrischen Stadt Aleppo kämpfen jeden Tag erneut mit der Angst vor Luftanschlägen. Reuters

Luftanschläge in Aleppo

Die Bewohner der syrischen Stadt Aleppo kämpfen jeden Tag erneut mit der Angst vor Luftanschlägen.

Moskau/BeirutNach tagelangem Beschuss könnte es russischen Angaben zufolge auch für das nordsyrische Aleppo eine Feuerpause geben. Es werde darüber verhandelt, das bereits für Damaskus geltende „Regime der Ruhe“ auf die Provinz Aleppo auszudehnen, zitierten russische Nachrichtenagenturen am Sonntag General Sergej Kuralenko.

Die Feuerpause rings um die Hauptstadt soll nach russischen und syrischen Angaben bis Montagabend verlängert werden. In Aleppo stehen sich Regierungssoldaten und Rebellen schon seit Jahren gegenüber. Bei Luftangriffen am Samstag wurden dort Beobachtern zufolge mindestens fünf Menschen getötet. Am Sonntag sei es zunächst in Aleppo ruhig geblieben.

Es gebe aktive Verhandlungen über Aleppo, sagte der russische General der Nachrichtenagentur Interfax zufolge. Wer an den Gesprächen teilnimmt, ließ Kuralenko offen. Die Verlängerung der Feuerpause für Damaskus geht dem General zufolge auf eine Verständigung Russlands mit Syrien und den USA zurück. Die Moskauer Regierung ist ein enger Verbündeter von Präsident Baschar al-Assad, der seit fünf Jahren einen Aufstand gegen seine Herrschaft niederzuschlagen versucht. US-Außenminister John Kerry, der am Sonntag zu Syrien-Gesprächen in Genf erwartet wurde, forderte eine Feuerpause auch für Aleppo.

Um die Stadt wird besonders erbittert gekämpft, weil eine Rückeroberung der einstigen Handelsmetropole ein besonderer Triumph Assads über die Rebellen wäre. Zusätzlich zu dem Leid für die in Aleppo ausharrende Bevölkerung gefährdet die anhaltende Gewalt dort die von Russland und den USA im Februar vermittelte allgemeine Waffenruhe.

Trotz dieser Vereinbarung, von der Kämpfe unter anderem gegen den Islamischen Staat (IS) ausgenommen sind, kommt es immer wieder zu Gewalt. In der Nacht zum Samstag trat eine gesonderte Feuerpause für den Großraum Damaskus für 24 Stunden sowie für die Mittelmeerprovinz Latakia im Norden für 72 Stunden in Kraft. Dieses Regime der Ruhe sei eingehalten worden, sagte der General Kuralenko der Nachrichtenagentur RIA. Für Damaskus werde es zudem um 24 Stunden verlängert. Die syrische Armee bestätigte die Ausweitung staatlichen Medien zufolge, äußerte sich aber nicht zu Aleppo.

Die Akteure im Syrien-Konflikt

Das Regime

Seit fast fünf Jahren tobt in Syrien ein auch von außen befeuerter Bürgerkrieg. Die Krise ist auch deshalb schwer zu lösen, weil es zahlreiche Akteure mit eigenen Interessen gibt. Zum Beispiel das Regime. Anhänger von Präsident Baschar al-Assad kontrollieren weiter die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Syriens Armee hat im langen Krieg sehr gelitten, konnte aber zuletzt dank massiver russischer und iranischer Hilfe Geländegewinne erzielen. Machthaber Assad lehnt einen Rücktritt ab.

Islamischer Staat

Die Terrormiliz IS ist die stärkste Kraft in Syrien neben der Regierung. Sie beherrscht im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in den vergangenen Monaten mehrere Niederlagen einstecken.

Rebellen

Sie sind vor allem im Nordwesten und Süden Syriens stark. Ihr Spektrum reicht von moderaten Gruppen, die vom Westen unterstützt werden, bis zu radikalen Islamisten. Zu diesen gehören die Gruppen Ahrar al-Scham und Dschaisch al-Islam. Teilweise kooperieren sie mit der Al-Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida.

Die Opposition

Sie ist zersplittert. Das wichtigste Oppositionsbündnis ist die Syrische Nationale Koalition in Istanbul. In Damaskus sitzen zudem Oppositionsparteien, die vom Regime geduldet werden. Bei einer Konferenz in Riad einigten sich verschiedenen Gruppen auf die Bildung eines Hohen Komitees für Verhandlungen, dem aber einige prominente Vertreter der Opposition nicht angehören.

Die Kurden

Kurdische Streitkräfte kontrollieren mittlerweile den größten Teil der Grenze zur Türkei. Sie sind ein wichtiger Partner des Westens im Kampf gegen den IS. Sie kämpfen teilweise mit Rebellen zusammen, kooperieren aber auch mit dem Regime. Führende Kraft ist die Kurden-Partei PYD, Ableger der verbotenen Arbeiterpartei PKK.

Die USA und der Westen

Washington führt den Kampf gegen den IS an der Spitze einer internationalen Koalition. Kampfjets fliegen täglich Angriffe. Beteiligt sind unter anderem Frankreich und Großbritannien. Deutschland stellt sechs Tornados für Aufklärungsflüge über Syrien, ein Flugzeug zur Luftbetankung sowie die Fregatte „Augsburg“, die im Persischen Golf einen Flugzeugträger schützt. Washington unterstützt moderate Regimegegner.

Russland

Seit September fliegt auch Russlands Luftwaffe Angriffe in Syrien. Sie richten sich gegen den IS ebenso wie gegen Rebellen, die mit der Terrormiliz verfeindet sind. Moskau ist einer der wichtigsten Unterstützer des syrischen Regimes.

Iran

Teheran ist der treueste Unterstützer des Assad-Regimes. Iraner kämpfen an der Seite der syrischen Soldaten. Auch die von Teheran finanzierte Schiitenmiliz Hisbollah ist in Syrien im Einsatz.

Saudi-Arabien und die Türkei

Riad und Ankara sind wichtige Unterstützer von Rebellen. Sie fordern, dass Assad abtritt. Saudi-Arabien geht es darum, den iranischen Einfluss zurückzudrängen. Der Iran ist der saudische Erzrivale im Nahen Osten. Zuletzt eskalierte der Konflikt zwischen den beiden Regionalmächten. (Quelle: dpa)

Mehrere Rebellengruppen lehnten eine Feuerpause für einzelne Regionen ab. Sämtliche Kriegsgebiete müssten eingeschlossen werden, erklärten die Aufständischen in der Nacht zu Sonntag.

In Aleppo wurde laut der oppositionsnahen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in der Nacht zum Sonntag noch gekämpft. Seit Sonntagmorgen seien aber keine neuen Angriffe mehr gemeldet worden. Seit Beginn der jüngsten Kämpfe am 22. April starben der in London ansässigen Beobachtergruppe zufolge 250 Zivilisten durch Angriffe sowohl von Regierungstruppen als auch von Aufständischen. Allein am Samstag zählten die Beobachter 30 Attacken, für die sie die syrische Luftwaffe verantwortlich machten. International für besonders scharfe Kritik hatte in der Nacht zum Donnerstag ein Angriff auf ein Krankenhaus in Rebellengebiet von Aleppo gesorgt, bei dem allein 50 Menschen getötet wurden.

Von

rtr

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