Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.12.2012

13:34 Uhr

Holländische Auktion

Athen startet den Schuldenrückkauf

Die griechische Regierung hat Details zum Schuldenrückkauf veröffentlicht, mit dem der Krisenstaat seine Schuldenlast drücken will. Bis Freitag wird in Athen große Spannung herrschen – erst dann wird das Ergebnis stehen.

Ein Verkaufsstand mit Euro-Motiven auf Badetüchern. dapd

Ein Verkaufsstand mit Euro-Motiven auf Badetüchern.

Athen/Brüssel/BerlinGriechenland hat am Montag die Bedingungen für seinen geplanten Schuldenrückkauf veröffentlicht. Den Haltern verschiedener Staatspapiere mit langen Laufzeiten werden Angebote von 30,2 bis 40,1 Prozent des ursprünglichen Wertes gemacht. Die Offerte endet am Freitagnachmittag (7.12.) Dies teilte die zuständige staatliche Behörde PDMA mit. Für den Rückkauf kommen 20 Serien von Anleihen in Frage. Griechenland hat eine Preisspanne von mindestens 30,2 bis 38,1 Prozent und von höchstens 32,2 bis 40,1 Prozent des Nennwertes der Staatsanleihen festgelegt.

Am späten Montagnachmittag will der griechische Finanzminister Ioannis Stournaras seine Amtskollegen der Eurogruppe in Brüssel über die Details informieren. „Wir werden am Freitag wissen, wie das Ganze gelaufen ist. Hier herrscht Spannung“, sagte ein Mitarbeiter des Finanzministeriums der Nachrichtenagentur dpa nach der Veröffentlichung des Athener Angebots.

Was das neue Griechenland-Hilfspaket kostet

Was muss Deutschland gegenüber dem März-Programm nachschießen?

Im kommenden Jahr wird der Haushalt um zusätzliche 730 Millionen Euro belastet. Schäuble und seine Kollegen kommen Athen vor allem in zwei Punkten entgegen: Zunächst werden die Zinsen für die laufenden Notkredite gesenkt und die EFSF-Kredite über 2020 hinaus gestundet. Die Ersparnis für Athen: fünf Milliarden Euro bis 2014. Die Mindereinnahmen für den Bund: 130 Millionen Euro pro Jahr. Zum zweiten werden Gewinne, die die Zentralbanken durch den Kauf von Staatsanleihen erzielen, nicht länger einbehalten, sondern an Athen weitergereicht. Das Ersparnis für Hellas bis 2014: 4,1 Milliarden Euro. Der Verlust für den Bund: 599 Millionen Euro im nächsten Jahr und 2,7 Milliarden Euro insgesamt bis 2030. Und ein Großteil muss vom Bund wirklich bezahlt werden - weil die Bundesbank nur einen geringen Teil ihrer eigentlichen Gewinne in Schäubles Budget weiterleitet.

Ist damit denn der Schuldenverzicht der deutschen Steuerzahler vom Tisch?

Im Gegenteil: Zwar soll Athens Finanzbedarf bis 2014 ohne Aufstockung der Kredite des bisherigen Rettungsprogramms gedeckt werden. Zugleich hat sich die Eurogruppe aber dazu bekannt, "weitere Maßnahmen und Hilfen in Betracht zu ziehen", wenn in zwei Jahren die Schuldentragfähigkeit des Landes noch nicht näher gerückt ist. Die Bedingung: Das Land muss bis dahin einen deutlichen Primärüberschuss erreichen, also ein Haushaltsplus ohne Schuldendienst. Denn dann könnte Athen seine Rechnungen ohne neue Notkredite bezahlen, und es wäre "eine andere Rechtsgrundlage" als heute gegeben, wie Schäuble formuliert.

Der Hintergrund: So lange neue Kredite fließen, dürfen die Euro-Partner nicht zugleich auf eine Rückzahlung verzichten. Ist (vorerst) alles überwiesen, dann entfällt die rechtliche Hürde für den Schnitt. "Wir gehen schrittweise vor", sagt Schäuble. Das Ziel mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ist vereinbart: Die Schuldenquote von knapp 190 Prozent der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr bis 2016 auf 175 Prozent und bis 2022 auf "deutlich unter" 110 Prozent zu drücken. Ohne Erlass - so sind sich viele Fachleute einig - wird das nicht gelingen. Die Griechenlandrettung bleibe "ein Fass ohne Boden", mahnt Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Wie wird den Griechen noch geholfen?

Der neue Rettungsplan sieht vor, dass das Land für 10,2 Milliarden Euro Kredite von Privatinvestoren zurückkauft, und zwar zum Marktpreis von rund 30 Prozent des Nennwertes. Die Hoffnung: Ein Großteil der Investoren lässt sich darauf ein, und Griechenland kann rund 20 Milliarden Euro seiner Schulden durch den Rückkauf "löschen". Damit könnte der Berg auf einen Schlag um einen Anteil von zehn Prozent der Wirtschaftsleistung abgetragen werden.

Der Haken: Die Privatgläubiger - vor allem griechische Banken - müssten Schuldscheine im Wert von 100 Euro für 30 Euro an Athen verkaufen - und den Verlust abhaken. "Warum sollten sie?", fragt sich ING-Analyst Carsten Brzeski. Schließlich seien Banken und Fonds schon beim ersten Schuldenschnitt im Frühjahr "gemolken" worden. Allerdings haben viele Hedgefonds genau darauf spekuliert. Sie haben sich Papiere zu noch viel niedrigeren Preisen gekauft - und können sie jetzt mit Gewinn an Athen zurück verscherbeln.

Warum wird den Hellenen jetzt noch stärker unter die Arme gegriffen?

Da ist zum einen die Belohnung für große Leistungen in Griechenland: Das Haushaltssaldo wurde gegenüber 2009 um zwei Drittel auf gut 13 Milliarden Euro gekürzt. Die Verwaltung wurde modernisiert, die Steuereinziehung verbessert, das Rentenalter auf 67 Jahre angehoben, der Mindestlohn gesenkt und die Lohnstückkosten hart gedrückt. Alle Vorleistungen wurden erfüllt, attestiert die Troika in ihrem Zeugnis. Darüber hinaus gibt es einen tieferen Grund: Ein Stopp der Griechenland-Rettung könnte die Eurozone noch immer ins Chaos stürzen, fürchtet man in Berlin, Paris und Brüssel. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen will niemand verantworten.

Welche Kröten müssen die Hellenen für die neue Hilfe schlucken?

Neben weiteren Strukturreformen muss Athen auch weitere Souveränität abgeben: Die Rückflüsse aus den Notenbankgewinnen, 30 Prozent des Haushaltsüberschusses und alle Privatisierungserlöse müssen auf ein Sperrkonto eingezahlt werden, von dem nur Schulden bedient werden dürfen. Außerdem wird es eine permanente Troika-Kontrolle geben. Und für alle Ministerien wurde ein Ausgabendeckel eingerichtet, der den finanziellen Spielraum drastisch einschränkt. Wegen der bitteren Pillen hofft Schäuble, dass die anderen Programmländer, Portugal und Irland, nun nicht die gleichen Zugeständnisse der Euro-Partner einfordern werden.

Die Kurse von griechischen Anleihen reagierten mit massiven Gewinnen auf die Veröffentlichung des Angebots zum Schuldenrückkauf. Der Kurs für richtungsweisende Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren stieg am Montagvormittag innerhalb weniger Minuten um etwa zehn Prozent. Das höchste Kursgebot lag im freien Handel bei 39,785 Prozent. Für den Rückkauf dieser Papiere will Athen maximal 40,1 Prozent des Nominalwerts bieten. Die Renditen der Papiere legten entsprechend zu.

Nach den Vereinbarungen mit den internationalen Gläubigern muss Griechenland das Programm bis zum 13. Dezember abschließen. Dann sollen weitere Milliardenkredite für das Land formell beschlossen werden. Auf das Vorgehen hatten sich die Finanzminister der Euro-Gruppe in der vergangenen Woche verständigt.

Für den Schuldenrückkauf wird eine Summe von bis zu zehn Milliarden Euro angepeilt. Damit würde Griechenland nach Schätzungen von Experten eine Schuldenlast von bis zu 30 Milliarden Euro loswerden. Dies ist möglich, weil die Titel weit unter ihrem ursprünglichen Wert gehandelt werden. Zuletzt hielten Privatanleger griechische Staatsanleihen von etwa 62 Milliarden Euro.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

03.12.2012, 09:37 Uhr

Bei diesem Taschenspielertrick handelt es sich um einen versteckten Schuldenschnitt, zumal verschiedene Banken wohl zum "Verkauf" gezwungen werden. Hedgefonds, die zu diesem Zweck vor einem halben Jahr extra billig eingestiegen sind reiben sich hingegen die Hände.

Die entscheidende Frage aber ist: warum wird über die immensen Bodenschätze Griechenlands im Zusammenhang mit der Griechenpleite so vehement und "lautstark" geschwiegen? Da gibt es wohl einen Plan der internationalen Banken und Rohstoffkonzerne (mit "Einverständis" der betroffenen "Regierungen") und der könnte grob so aussehen:

1. Schulden der Griechen bei den Großbanken auf Schulden beim europäischen Steuerzahler "umschulden" (das ist großenteils schon passiert)
2a. Schuldenschnitt bei "privaten" Investoren (schon passiert bzw mal wieder versteckt zugange). "Privat" sind hierbei auch die verstaatlichten Institute, wie die HypoRealestate, für die mehrere Mrd abgeschrieben werden muß. Schönen Gruß an den Steuerzahler!
2b. "Direkter" Schuldenschnitt beim Steuerzahler (bzw. "seinen" Bailout-Programmen) - das wird gerade vorbereitet, indem man darüber "diskutiert". Alternativ Schuldenschnitt durch Pleite.
3. Verhandlung der Öl-Multis/USA/Israel mit den griechischen Politclans über die Nutzung der Rohstoffe bei maximalen Bestechungsgeldern und minimalen offiziellen Lizenzgebühren (Wettbewerber werden bis dahin geblockt).
4. Neue Kredite der Groß-Banken für den entschuldeten griechischen Staat (das ist dann wieder ein schönes Geschäft).
Die Medien wissen es, die Politiker wissen es und das Volk sollte es endlich wissen.
Nichts scheuen Kakerlaken so sehr wie das Licht! (lieber Handelsblatt-Zensor: das ist natürlich eine rein biologische Aussage, Ähnlichkeiten zu lebenden oder untoten Institutionen oder gar Personen sind rein zufällig)

Mazi

03.12.2012, 10:17 Uhr

Woher haben die Griechen dieses Geld? Wir sollten doch gerade erst Glauben, dass ihnen über 40 Mrd. Euros fehlen?

Nicht nur Ochsen haben oft einen Nasenring!

Lungomolch

03.12.2012, 10:40 Uhr

Pervers finde ich bei diesem Taschenspielertrick, dass GR die Schrott-Anleihen mit geliehenem, "gutem" Geld zurückkauft. Das ist alles getrickst und hingebogen, dass sich einem der Magen umdreht.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×