Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

02.01.2017

15:57 Uhr

Hollande in Bagdad

Terrorserie überschattet Besuch

Die Terrormiliz IS steht im Irak stark unter Druck. Frankreichs Präsident rechnet mit der Befreiung der IS-Hochburg Mossul innerhalb von Wochen. Doch besiegt sind die Extremisten noch lange nicht.

Zahlreiche Menschen stehen in Bagdad im Stadtteil „Sadr City“ am Ort einer Autobombenexplosion. Der Anschlag überschattet den Besuch des französischen Präsidenten in der irakischen Hauptstadt. dpa

Autobombenexplosion in Bagdad

Zahlreiche Menschen stehen in Bagdad im Stadtteil „Sadr City“ am Ort einer Autobombenexplosion. Der Anschlag überschattet den Besuch des französischen Präsidenten in der irakischen Hauptstadt.

BagdadEine Serie von IS-Terroranschlägen mit Dutzenden Opfern hat den Besuch von Frankreichs Staatspräsidenten François Hollande im Irak überschattet. Im Osten der irakischen Hauptstadt Bagdad sprengte sich am Montag ein Attentäter mit einem Fahrzeug in die Luft und riss 35 Menschen mit in den Tod, wie das irakische Innenministerium mitteilte. 62 Menschen seien verletzt worden.

Der Anschlag galt dem vor allem von Schiiten bewohnten Stadtteil Sadr-City. Ministerpräsident Haidar al-Abadi erklärte, die Opfer seien Gelegenheitsarbeiter gewesen, die mit dem Versprechen auf einen Job in einen Bus gelockt worden seien. Daraufhin sei die Bombe gezündet worden. Bilder zeigten das ausgebrannte Fahrzeug.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Zudem explodierten nach Angaben des Innenministeriums im Zentrum und im Osten Bagdads zwei Autobomben in der Nähe von Krankenhäusern. Es habe Tote und Verletzte gegeben. Im Stadtteil Al-Schaab töteten drei Sprengsätze insgesamt vier Menschen. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich über sein Sprachrohr Amak zu den Taten.

Die Bundesregierung zeigte sich erschüttert über die Serie von Anschlägen der Terrormiliz IS mit vielen Todesopfern. „Der Blutzoll der Menschen im Irak summiert sich da alleine in den letzten Tagen auf weit über 60“, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Die Bundesregierung wolle den Kampf gegen den IS auch im Irak fortführen. „Man sieht an den Aktionen der letzten Tage in der Türkei und im Irak, dass dem Biest noch nicht der Kopf abgeschlagen ist.“

Der sunnitische IS verübt im Irak immer wieder Anschläge, die sich gegen Schiiten richten. Die Extremisten wollen die Spannungen zwischen der Mehrheit der Schiiten und den Sunniten im Land weiter vergrößern. Zudem steht der IS im Irak unter Druck, weil seit Oktober eine Offensive der Armee, kurdischer Peschmerga-Kämpfer und verbündeter Milizen auf die nordirakische IS-Hochburg Mossul läuft.

IS-Hochburg

Irakische Armee: Neuer Anlauf zur Einnahme Mossuls

IS-Hochburg: Irakische Armee: Neuer Anlauf zur Einnahme Mossuls

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Hollande rechnet mit einer Befreiung Mossuls aus der Gewalt der Terrormiliz innerhalb von Wochen. Der IS befinde sich auf dem Rückzug, auch wenn es weiter zahlreiche Attentate gebe, erklärte Hollande nach einem Treffen mit Al-Abadi in Bagdad. Allerdings müssten die Anstrengungen zur Unterstützung der irakischen Streitkräfte verstärkt werden. Hollande hatte Bagdad zuletzt am 12. September 2014 besucht.

In den vergangenen Wochen war die Offensive gegen Mossul wegen der heftigen Gegenwehr der Dschihadisten nur sehr langsam vorangekommen. Nächstes Ziel im Kampf gegen den IS werde die von den Extremisten gehaltene nordsyrische Stadt Al-Rakka sein, sagte Hollande. Sein Land werde den Einsatz gegen den IS im Irak und in Syrien bis zum Ende führen.

Frankreich gehört zur US-geführten internationalen Koalition, die den IS im Irak und Syrien bekämpft. Das französische Militär unterstützt die irakischen Streitkräfte mit Ausbildern, Beratern und Artillerie. Zudem fliegt die französische Luftwaffe Angriffe auf den IS im Irak und in Syrien, wo die Miliz ein Kalifat ausgerufen hat.

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×