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16.01.2014

18:36 Uhr

Hollandes Affäre

Die Medien als betrogene Enthüller

VonThomas Hanke

Affäre um eine Affäre: In Frankreich wissen seriöse Medien kaum mit der Berichterstattung um den mutmaßlichen Seitensprung Francois Hollandes umzugehen. Im Wirrwarr kippt allmählich die Stimmung – gegen Hollande.

Frankreichs Präsident Francois Hollande steht seit einer Woche unter Dauerbeobachtung. AFP

Frankreichs Präsident Francois Hollande steht seit einer Woche unter Dauerbeobachtung.

ParisSeit einer Woche kennen alle Franzosen die Rue du Cirque in Paris. Vor sieben Tagen veröffentlichte das People-Magazin Closer Fotos von Staatschef Francois Hollande und seiner Freundin Julie Gayet, aufgenommen vor der Nummer 20. Eine Woche ist lang für ein Medienphänomen, aber der Zirkus geht weiter. Nicht nur, weil Closer am Freitag nachlegen will und Gayet sich nun offenbar zur Klage gegen das Magazin entschieden hat, sondern vor allem, weil die seriösen Medien verdutzt eingestehen, dass sie den Boulevard bedienen – oder ihn zumindest nicht völlig ignorieren können.

Hollandes Affäre hat vermeintlich eherne Regeln zerschmettert. Das politische Satireblatt Canard Enchainé hatte lange seine mediale Verantwortungsethik in den Satz gefasst: „Die politische Information endet am Schlüsselloch des Schlafzimmers.“ Jetzt widmet die Zeitung mit der Ente ihren Aufmacher der Berichterstattung über das Liebesleben des Präsidenten und gesteht etwas gequält ein: „Unsere Linie hat sich nicht geändert, aber die Information schon.“ Der Canard schiebt die Verantwortung auf zwei Faktoren ab: People-Presse, soziale Netzwerke und Smartphones machten aus jedem Bürger einen Paparazzi und trügen Bettgeschichten auf die Straße. Und Hollande selber habe durch sein Verhalten dazu beigetragen, die Genres zu vermischen, die seriösen Medien sozusagen auf den Boulevard gelockt.

Woran Frankreich krankt

Wettbewerbsfähigkeit

In Frankreich sticht die ungünstige Entwicklung der Wettbewerbsfähigkeit hervor. Auch deshalb ist der Weltmarktanteil des Exportsektors des Landes deutlich gesunken; die Leistungsbilanz hat sich seit Beginn der Währungsunion kontinuierlich verschlechtert– von einem Überschuss von 2,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu einem Defizit von zuletzt etwa 2 Prozent. Im Durchschnitt der zurückliegenden drei Jahre hat Frankreich damit das höchste Leistungsbilanzdefizit aller Kernländer aufgewiesen. Im „Global Competitiveness Report 2012-2013“ belegt Frankreich damit nur Rang 21 von insgesamt 144 Ländern. Im Jahr 2010 wurde es mit Rang 15 noch deutlich besser bewertet.

Quelle: Frühjahrsgutachten der führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute; Commerzbank

Lohnstückkosten

Die Lohnstückkosten sind seit 1999 um 30 Prozent gestiegen. Die Lage heute: Während eine Arbeitsstunde deutsche Arbeitgeber 30,40 Euro kostet, fallen westlich des Rheins 34,20 Euro an. Typisch für den Niedergang sind die Autobauer. „Hier verdichten sich die Probleme Frankreichs“, sagt Commerzbank-Chefökonom Jörg Krämer. Das Land produziere 40 Prozent weniger Kraftfahrzeuge als 2005, Deutschland dagegen 15 Prozent mehr.

Arbeitslosigkeit

Die wirtschaftliche Entwicklung lässt kaum eine deutliche Reduzierung der Arbeitslosigkeit und der öffentlichen Verschuldung erwarten. Die Arbeitslosigkeit dürfte auf einem hohen Niveau jenseits von 10 Prozent verharren.

Staatsverschuldung

Noch wird die Schuldentragfähigkeit von den Anlegern nicht in Frage gestellt. Die öffentliche Verschuldung Frankreichs hat sich aber seit der Großen Rezession deutlich erhöht. Zwischen 2008 und 2012 stieg die Schuldenstandsquote um rund 25 Prozentpunkte auf über 90 Prozent. Im Jahr 2012 lag die Defizitquote weiterhin deutlich oberhalb von 3 Prozent, und auch für das Jahr 2013 wird eine diesen Wert überschreitende Quote erwartet. Damit steigt die öffentliche Verschuldung weiter.

Private Verschuldung

Die private Verschuldung ist in Frankreich weniger stark gestiegen und liegt auf einem deutlich geringeren Niveau als z. B. in Irland, Spanien und Portugal. Dennoch ist Frankreich das einzige der ausgewählten Länder, in dem die private Verschuldung auch seit 2009 noch merklich zunimmt.

Verlust von Weltmarktanteilen

Große Probleme bestehen im externen Sektor. Der überdurchschnittlich starke Verlust von Weltmarktanteilen ist in Kombination mit trendmäßig steigenden Leistungsbilanzdefiziten besorgniserregend. Dies dürfte nicht allein auf Veränderungen der preislichen Wettbewerbsfähigkeit zurückzuführen sein; diese hatte sich zwischen 2000 und 2008 permanent verschlechtert, verbesserte sich seitdem aber. Insbesondere Frankreichs Exportwirtschaft ist es nicht gelungen, vom ökonomischen Aufschwung der Schwellenländer zu profitieren, sondern sie hängt nach wie vor von den Märkten im Euroraum ab.

Es ist kurios, mit anzusehen, zu welchen Verrenkungen die Affäre in Frankreich führt. Le Monde, Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, maß im eigenen Haus mit zweierlei Maß: Online berichtete man von Anfang an ausgiebig über die Affäre. Doch in Print ignorierte das Blatt Hollandes Seitensprung zunächst tapfer: Am Tag nach der Closer-Veröffentlichung fand sich keine Zeile dazu in der Holzausgabe. Auch die Politiker haben ihre liebe Not: Erst empörten sie sich darüber, dass Hollandes Privatsphäre verletzt worden sei.

Auch die konservative Opposition, in Liebesdingen mindestens so rege wie die Linke, verdammte das als unerträglich. Doch nach ein paar Tagen schaltete sie flink um: Plötzlich war Hollande nicht mehr der Geschädigte, sondern der Übeltäter. „Er zerstört die Werte, auf denen unsere Nation ruht“, ereiferte sich ein Sittenwächter der Sarkozy-Partei UMP: „Ihm bleibt nur der Rücktritt, bevor der Schaden noch zunimmt.“ . Eine Dame derselben Formation griff noch stärker in die Harfe: „Der französische Präsident darf nur eine Geliebte haben – die Nation.“

Kommentare (2)

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halidu

16.01.2014, 20:04 Uhr

"Es ist kurios, mit anzusehen, zu welchen Verrenkungen die Affäre in Frankreich führt. Le Monde, Flaggschiff des Qualitätsjournalismus, maß im eigenen Haus mit zweierlei Maß: Online berichtete man von Anfang an ausgiebig über die Affäre. Doch in Print ignorierte das Blatt Hollandes Seitensprung zunächst tapfer: Am Tag nach der Closer-Veröffentlichung fand sich keine Zeile dazu in der Holzausgabe. Auch die Politiker haben ihre liebe Not: Erst empörten sie sich darüber, dass Hollandes Privatsphäre verletzt worden sei."

Das kennt man auch vom HB. [...] Wobei wenn ich mir die Kommentare zur Armutsmigration von Hanke, Berschens und der Marketingdame der letzten Tage in Erinnerung rufe, lässt mich das so langsam auch an der Qualität der Printausgabe zweifeln. Wenn das so weitergeht, wird man Abo gekündigt. Ich will Fakten, keine Meinungsmache oder Erziehungsversuche

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Account gelöscht!

16.01.2014, 20:57 Uhr

Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen. Unser Präsident ist auch kein Vorbild.

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