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27.05.2013

15:03 Uhr

Homo-Ehe

Das gespaltene Frankreich

VonThomas Hanke

Der Widerstand gegen die Homo-Ehe macht die Spaltung des Landes deutlich. Unter der Oberfläche tobt ein erbitterter Kulturkampf. Jean-Francois Copé, Parteichef der Konservativen, ist einer der ganz großen Kreuzritter.

Noch immer wird in Frankreich gegen die Homo-Ehe demonstriert.

Noch immer wird in Frankreich gegen die Homo-Ehe demonstriert.

Paris„Frankreich ist zweigeteilt“ titelt am Montag die Tageszeitung Le Parisien. Ganz falsch liegt sie damit nicht: Mit der dritten großen Demonstration in Paris gegen das Gesetz über die Homo-Ehe haben die Veranstalter am Sonntag bewiesen, dass sie noch immer weit über 100.000 Menschen aus ganz Frankreich mobilisieren können. Und das gegen ein Gesetz, das bereits in Kraft getreten ist. Denn es ist nicht nur vom Parlament verabschiedet, sondern auch vom Verfassungsrat bestätigt worden. Bereits am Mittwoch werden die ersten gleichgeschlechtlichen Paare heiraten.

Im Gegensatz zu Frankreich ist in Deutschland nur eine eingetragenen Lebenspartnerschaft möglich. Anders als bei einer Ehe gibt es dabei keine steuerlichen Vorteile, eine Adoption ist nur in Ausnahmefällen möglich.

In Paris erkennt mittlerweile sogar die konservative parlamentarische Opposition, die sich in ihrer Mehrheit gegen das Gesetz aufgelehnt hatte, zähneknirschend an: „Wir können es nicht rückgängig machen“, sagte der Vorsitzende der konservativen UMP, Jean-François Copé. Deswegen sei dies die letzte Demonstration gegen die Homo-Ehe gewesen, zu der seine Partei aufgerufen habe.

Der Mehrheit der Franzosen reicht es nun ohnehin: Fast 80 Prozent sagen, die Demos müssten nun endlich ein Ende haben. Ihnen ist auch deshalb unwohl, weil aggressive rechtsradikale Gruppen die „Manif pour tous“, so der offizielle Name der Bewegung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, zunehmend unterwandern.

Die Radikalisierung der außerparlamentarischen Opposition ist so weit fortgeschritten, dass die Kabarettistin Frigide Barjot, bis vor kurzem Sprecherin des Organisationskomitees, am Sonntag nicht mit demonstrierte. Weil sie wiederholt darauf verwies, sie habe homosexuelle Freundinnen und Freunde, erhielt sie Todesdrohungen von rechten Gruppen und geht nur noch mit zwei Leibwächtern in die Öffentlichkeit, die der Innenminister abgeordnet hat. „Die beiden begleiten mich überall hin, nur nicht ins Bett“, sagte Barjot mit etwas gequältem Humor, als sie am Wochenende ihren Rückzug von der Demo bekannt gab.

Insofern kann man die Metapher vom geteilten Frankreich nur mit Abstrichen gelten lassen: Die aktiven Gegner der Homo-Ehe sind mittlerweile auf eine Minderheit geschrumpft.

Dennoch ist es für einen Nicht-Franzosen erstaunlich, die überschwappenden Emotionen zu verfolgen, die das Thema auslöst. Tatsächlich geht es hier um mehr als nur die Frage, ob Homosexuelle heiraten dürfen. Ein wenig stehen sich das konservative und das revolutionär-republikanische Frankreich gegenüber.

Auch wenn beide mit gleicher Inbrunst die Trikolore schwenken und die Marseillaise singen: Der Gegensatz zwischen „rechts“ und „links“ ist in Frankreich auch mehr als 200 Jahre nach der Revolution noch eine Konstante.

Was wir in Deutschland, wo die SPD krampfhaft nach Unterscheidungsmerkmalen zur CDU sucht und wo die Mehrheit der Wähler längst in unbeschwerter Promiskuität zwischen den Lagern wechselt, überhaupt nicht mehr nachvollziehen können. Doch in Frankreich ist für die Mehrheit der Bürger die Lagerbildung eine eherne Realität.

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