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07.02.2016

12:27 Uhr

Horrorszenario für den Irak

Risse im gefährlichsten Staudamm der Welt

VonMartin Gehlen

500.000 Tote, Bagdad überflutet: Bricht der Mossul-Damm, droht dem Nordirak dieses Horrorszenario. Denn nach elf Tagen unter IS-Kontrolle ist die Konstruktion maroder denn je. Sogar US-Präsident Obama schaltet sich ein.

Im Februar setzt in den türkischen Bergen die Schneeschmelze ein. Dadurch schwellen die Wassermassen des Tigris an und erhöhen den Druck auf den Damm zusätzlich. Imago

Mosul-Damm im Nordirak

Im Februar setzt in den türkischen Bergen die Schneeschmelze ein. Dadurch schwellen die Wassermassen des Tigris an und erhöhen den Druck auf den Damm zusätzlich.

Bagdad, KairoMarodes Mauerwerk und immer größere Risse: Die Staumauer des Mossul-Damms im Nordirak könnte bersten, warnt US-General Sean MacFarland, der vor Ort die westliche Allianz gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kommandiert. „Wenn es passiert, wird es schnell gehen. Und das ist schlecht“, prohezeit MacFarland.

Taucher untersuchten derzeit die Fundamente der 113 Meter hohen und 3400 Meter langen Sperre, welche Ingenieure der US-Armee als den gefährlichsten Damm der Welt ansehen. Das Bauwerk sei „in jeder Hinsicht unsicher“. Sein Kollaps könne 500.000 Menschen in den Tod reißen und eine Million Anwohner obdachlos machen, urteilten die Fachleute.

Und die Gefahr wächst. Denn Ende Februar setzt in den türkischen Bergen die Schneeschmelze ein und lässt die Wassermassen des Tigris anschwellen. Und seit der IS die Sperre im August 2014 für elf Tage in seine Gewalt brachte, bevor kurdische Peschmerga-Kämpfer sie zurückeroberten, sind alle Wartungsarbeiten gestoppt worden und es klaffen immer größere Risse in der maroden Konstruktion.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

1984 von Diktator Saddam Hussein als Prestigeprojekt errichtet, war der Damm von Anfang an ein chronischer Problemfall. Acht Milliarden Kubikmeter sind im dem größten Süßwasser-Reservoir des Irak aufgestaut, von dem Millionen Menschen mit ihrem Trinkwasser und zehntausende Bauern mit ihrer Feldbewässerung abhängen.

Die Staumauer steht jedoch auf einem Untergrund aus Gips, Kalkstein und Tonerde. Das unterirdische Wasser wäscht das weiche Material ständig aus und untergräbt das Fundament durch immer neue Hohlräume. Während der Saddam-Zeit hielt die Barriere nur, weil Arbeiter jeden Tag rund um die Uhr das löchrige Erdreich mit großen Mengen Zement füllten, insgesamt mehr als 50.000 Tonnen.

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Doch nach der kurzen Kontrolle durch den IS im Sommer 2014 waren „alle Maschinen weg und alle Arbeiter verschwunden“, bilanzierte ein Sprecher der US-Armee. Obendrein steht das Zementwerk in Mossul, welches die spezielle Füllmischung produzierte, nun unter der Kontrolle der Gotteskrieger.

Die Folgen eines Dammbruchs haben irakische Wissenschaftler bereits 2009 in einem Gutachten beschrieben. Innerhalb von zwei Stunden würde die Zwei-Millionen-Metropole Mossul von einer zwanzig Meter hohen Flutwelle des Tigris überschwemmt, genauso wie die weiter flussabwärts liegenden Städte Tikrit und Samara.

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