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23.01.2015

16:33 Uhr

Humanitäre Katastrophe

Die Welt darf Syrien nicht vergessen

VonSami Joost

Täglich taucht Syrien in den Medien auf – es geht jedoch fast nur noch um die Terrormiliz IS. Dabei tobt dort weiterhin ein Krieg, laut Außenminister Steinmeier die „schlimmste humanitäre Krise unserer Zeit“.

Ein syrisches Flüchtlingskind im Libanon. dpa

Ein syrisches Flüchtlingskind im Libanon.

Syrien, war da was? Das vom Bürgerkrieg geschundene Land hat in den vergangenen Monaten nur noch mit den Gräueltaten der Terrormiliz IS Schlagzeilen gemacht. In den Hintergrund gerückt sind die vielen unterschiedlichen Konflikte im Land. Seit 2011 dauert der Bürgerkrieg nun an und hat bis jetzt 200.000 Menschen das Leben gekostet. 3,2 Millionen Flüchtlinge sind in die umliegenden Staaten getrieben worden. Insgesamt leiden 12,2 Millionen Menschen unter akuter Bedürftigkeit und Not. Frank-Walter Steinmeier (SPD) sprach jüngst gar von der schlimmsten humanitären Krise unserer Zeit.

Um diese Krise wieder ins Bewusstsein zu rücken, hat sich die Initiative „Adopt a Revolution“ (AaR) gegründet. Sie möchte nun mit einer Youtube-Kampagne wieder das eigentliche Leid der syrischen Zivilbevölkerung in den Vordergrund stellen.

Unter Regie von Elias Perabo ist die Gruppe bereits seit Beginn der Proteste 2011 in Syrien aktiv. Das Ziel: Die Stärkung des unbewaffneten Widerstandes und Schaffung „basis-demokratischer“ und „über-konfessioneller“ Strukturen, wie Perabo, Kopf und treibende Kraft hinter AaR, beschreibt.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Keine leichte Aufgabe in den Wirren eines andauernden Krieges. „Von der anfänglichen Aufbruchsstimmung und Euphorie ist leider nicht mehr viel übrig. Gesellschaftliche Gräben sind weiter auseinander gegangen“, sagt Perabo. Trotzdem habe man immer noch verlässliche Partner vor Ort, mit denen man konsequent zusammenarbeitete. So etwa in der nordöstlichen Stadt Douma, wo man derzeit bestrebt ist eine Bibliothek aufzubauen. Eine von vielen Baustellen.

Kommentare (3)

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Herr Hikmet Özdemir

23.01.2015, 16:59 Uhr

Außer die Türkei, Libanon fühlt sich niemand für die syrischen Flüchtlinge verantwortlich. Es sei denn geht es um leerstehende Stadt Kobane oder um Kurden oder Christen.

Herr Dr. Michael Klein

23.01.2015, 17:43 Uhr

„schlimmste humanitäre Krise unserer Zeit“

Die USA haben im 21. Jahrhundert sieben Länder ganz oder teilweise zerstört und wurde dabei von der "westlichen Zivilisation" und den westlichen Bilderbergmedien unterstützt.

Bankster-Marionette Obama wurde aufgrund seines Versprechens gewählt, das Folterzentrum der US Army in Guantanamo aufzulösen – ein Versprechen, das er auch sechs Jahre später noch nicht eingelöst hat.

Bankster-Marionette Obama wurde im ersten Monat seiner Amtszeit mit dem Nobelpreis ausgezeichnet und führte weiter Krieg in Afghanistan, Ägypten, Libyen und in jüngster Zeit in Syrien und der Ukraine!

Das sollte jeder im Kopf haben, der "Amerika" beurteilt.
Die Vereinigten Staaten von Amerika haben heute nur noch wenig mit Demokratie zu tun.

Die Oligarchie, die unter der dünnen Fassade von "Demokratie" die politische Kontrolle übernommen hat, hat das industrielle und soziale Gefüge der Vereinigten Staaten ruiniert.

Die wahren Terroristen sitzen heute in den westlichen Regierungen, Geheimdiensten und Banken!
Diese Oligarchen stehen hinter dem Transatlantischen Handels- und Investitionsabkommen und der Deregulierung von Banken, damit sie die Erde weiter ausplündern können.

Herr Delete User Delete User

23.01.2015, 20:09 Uhr

Herr Dr. Klein,

der Artikel handelt von der humanitären Katastrophe, der die Menschen in Syrien ausgesetzt sind. Dabei geht es überhaupt nicht, wie ihr Kommentar vermuten lassen könnte, um Amerika.

Sie haben aber Recht, dass WIR zusammen mit Amerika für die Situation in Syrien mit verantwortlich zu machen sind. Insofern ist es auch die Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland so viele Flüchtlinge aus Syrien wie möglich bei uns aufzunehmen. Dafür sollten die Menschen mit auf die Strasse gehen!

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