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13.10.2015

17:42 Uhr

Hunger

Uno fordert stärkeren Kampf gegen Armut

Fast eine Milliarde Menschen müssen von einem Euro pro Tag leben. Das prangert die Uno in einem neuen Bericht an. Warum es Menschen auf dem Land besonders schwer fällt, aus der Armutsspirale auszubrechen.

Weltweit leben noch immer fast eine Milliarde Menschen von weniger als 1,25 Dollar (knapp 1,10 Euro) pro Tag. ap

Großmutter und Kind in Darfur

Weltweit leben noch immer fast eine Milliarde Menschen von weniger als 1,25 Dollar (knapp 1,10 Euro) pro Tag.

RomAngesichts anhaltend weit verbreiteter extremer Armut haben die Vereinten Nationen einen verstärkten Kampf gegen die Misere angemahnt. Insgesamt lebe in der Welt noch immer fast eine Milliarde Menschen von weniger als 1,25 Dollar (knapp 1,10 Euro) pro Tag, hieß es in einem am Dienstag von der in Rom ansässigen Uno-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) vorgelegten Lagebericht.

Die Zahl sei zwar in den zurückliegenden Jahren kontinuierlich gesunken, in vielen Teilen der Welt gebe es aber weiter massive Armut und Unterernährung, bemängelte die FAO.

Wie die Arbeit der Armen besser werden soll

Gegen moderne Sklaverei

Arbeiter schuften in vielen Ländern auch für den deutschen Markt wie Sklaven. Hemden, Schokolade, Geschirr, Handys - viele Produkte können betroffen sein. Von den schlimmen Zustände in asiatischen oder afrikanischen Kleiderfabriken oder Plantagen ahnt man als Käufer in deutschen Shopping Malls wenig. Nun soll sich die Lage verbessern.

Was sind die Kernprobleme?

Ob Bangladesch, Pakistan oder Äthiopien - in vielen armen Ländern Asiens, Afrikas und Lateinamerikas wird billig für den Weltmarkt produziert. Zustände wie in der Sklaverei herrschen dort oft, wie selbst Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) sagt. Unfälle wie der Einsturz einer Kleiderfabrik in Bangladesch 2013 mit mehr als 1000 Toten sorgten weltweit für Bestürzung. Am Rohstoff-Abbau und -Handel entzünden sich immer wieder Kriege und Menschenrechtsverletzungen.

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

Welche Kernzahlen machen das Ausmaß deutlich?

168 Millionen Minderjährige verrichten laut Internationaler Arbeitsorganisation Kinderarbeit. 2,3 Millionen Menschen sterben demnach jährlich durch Arbeitsunfälle und Berufskrankheiten.

Was verdient eine Näherin in Bangladesch?

Vom deutschen Ladenpreis eines in Bangladesch hergestelltes T-Shirts von 29 Euro gehen laut der Organisation Fairwear Fundation 0,18 Euro als Lohn an die Näherin. Beim Modelabel bleiben 3,61 Euro, beim Handel 12,30 Euro, der Rest verteilt sich auf Material, Fabrik, Transport.

Warum sehen sich die G7-Staaten in der Verantwortung?

Deutschland setzte das Thema unter seiner G7-Präsidentschaft auf die Tagesordnung. Ein Treffen der Arbeits- und Entwicklungsminister in Berlin habe Hoffnungen auf Konkretisierung erfüllt, meint Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD). Die 750 Millionen Menschen in führenden Industriestaaten zählen zu den kaufkräftigsten Konsumenten.

Was ist nun entschieden worden?

Der „Vision Zero Fund“, ein Fonds gegen Missstände in Fabriken, für mehr Sozial- und Umweltstandards, soll 2016 mit sieben Millionen Euro starten. In dazu bereiten Entwicklungsländern sollen Brandschutz, Arbeitssicherheit, Schritte gegen Kinderarbeit und Unfallversicherungen auf den Weg gebracht werden – auch von Experten aus den Industrieländern. Zum Beispiel in Myanmar oder Äthiopien.

Was ist noch geplant?

Unternehmen, auch kleinere, sollen sich stärker um Transparenz bei der Herkunft von Rohstoffen und Vorprodukten bemühen. Internationale Standards sollen mehr beachtet, Verbraucher besser informiert werden.

Wie können solche Schritte konkret aussehen?

Beispiel Bangladesch: Von den 4000 Textilunternehmen mit rund vier Millionen Beschäftigten, fast durchweg Frauen, haben laut Müller mittlerweile etwa 1500 Zertifikate über bessere Job-Bedingungen. Es gebe Auflagen, Kontrollen und Sanktionen. Innerhalb von zwei Jahren sollten alle Firmen zertifiziert sein – oder aber schließen.

Wie sollen Verbraucher besser informiert werden?

Etwa über Hinweise wie das Bio-Siegel. Minister Müller sagt, ein entsprechender „grüner Knopf“ für Textilien werde in seiner Amtszeit eingeführt, gemeint ist bis 2017. Kleiderfirmen und Handel hatten moniert, Produktionsstufen könnten nicht komplett überwacht werden.

Was sagen Kritiker?

Der Fonds ändere an oft katastrophalen Arbeitsbedingungen nichts, meint der Entwicklungsexperte der Linken, Niema Movassat. „Erstens sind die zugesagten Summen lächerlich.“ Zweitens brauche es mehr Zwang für Unternehmen. Auch nach Ansicht des Kieler Instituts für Weltwirtschaft müssen Firmen auf mehr Transparenz bei den Lieferketten vom Rohstoff bis zum Endprodukt verpflichtet werden.

Bringen bessere Arbeitsbedingungen den Unternehmen nur mehr Kosten?

Nein. „Mit höheren Standards sind ökonomische Vorteile verbunden“, sagt Alexander Holst, Experte für nachhaltige Wirtschaft bei der Beratungsfirma Accenture. So lägen die Kosten von Negativschlagzeilen nach einem schweren Unfall höher als die höheren Sozialstandards. Viele Firmen würden zu wenig beherzigen, dass ihnen eine faire Produktion Vorteile bei den Kunden bringen könne.

Zur Bekämpfung des Problems ist nach Ansicht der Uno-Organisation eine Kombination aus sozialen Hilfen und Maßnahmen zur Unterstützung landwirtschaftlicher Aktivitäten in betroffenen Regionen nötig. „Für Menschen auf dem Land, die von der Landwirtschaft abhängig sind, ist es besonders schwierig, aus der Armutsspirale auszubrechen“, erklärte die Organisation.

Den Angaben zufolge wurden in der Vergangenheit vor allem im östlichen und südlichen Asien sowie dem Pazifikraum Erfolge im Kampf gegen extreme Armut erzielt. Kaum Fortschritte gibt es demnach insbesondere in afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Dort lebe weiterhin fast die Hälfte der Menschen in extremer Armut, schrieb die FAO.

Von

afp

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