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02.08.2011

10:13 Uhr

Hungerkatastrophe

Die Helfer helfen zuerst sich selbst

VonWolfgang Drechsler

Afrika durchleidet eine Katastrophe nach der anderen - trotz jahrzehntelanger Hilfe. Ein Grund ist, dass die Helfer von falschen Diagnosen ausgehen und zu oft am falschen Punkt ansetzen. Ein Kommentar.

Somalische Hungerflüchtlinge im Camp in Dadaab (Kenia). Quelle: dpa

Somalische Hungerflüchtlinge im Camp in Dadaab (Kenia).

KapstadtDer Umgang mit der schweren Hungersnot am Horn von Afrika ist ein Beleg dafür, wie tief der (koloniale) Schuldkomplex des Westens gegenüber Afrika sitzt - und wie virtuos Hilfsorganisationen, aber auch Afrikas Eliten darauf zu spielen verstehen. Möglich ist dies, weil unser Afrika-Bild immer stärker von den Entwicklungshelfern und deren Interessen geprägt wird. Schon aus Selbsterhaltungstrieb rufen sie permanent nach neuen Spenden - und mehr Entwicklungshilfe, schließlich wären die Helfer ohne diese Gelder arbeitslos.

Immer öfter lassen sich aber auch die Medien unkritisch für die Sache der Helfer einspannen. Dies liegt zum einen daran, dass viele Journalisten im Rahmen der Berichterstattung auf die Logistik der Hilfsorganisationen angewiesen sind (und deshalb deren Lied singen), zum anderen aber auch daran, dass viele von ihnen das einfache Weltbild der Helfer teilen: auf der einen Seite der Westen als Täter, auf der anderen Afrika als das ewige Opfer.

Die Helfer haben gute Gründe, dem Westen und dem von ihm dominierten Weltwirtschaftssystem die Hauptschuld für die Misere zuzuschieben. Denn wer mag schon bereitwillig spenden, wenn ein nicht unerheblicher Teil der Hilfsgüter und Spendengelder in Staaten wie Somalia in die Hände blutrünstiger Warlords fällt? Auch ist fragwürdig, ob viele Hilfsorganisationen wirklich mit Diktatoren, Gangstern oder religiösen Fanatikern wie etwa der Islamisten-Miliz Al Shabaab in Somalia kungeln sollten, damit sie von diesen nicht aus dem Land geworfen werden und wenigstens etwas helfen können.

Wolfgang Drechsler ist Korrespondent in Kapstadt. Quelle: Sandra Meier

Wolfgang Drechsler ist Korrespondent in Kapstadt.

Wohin dies führen kann, zeigte vor zwei Jahren die enge Kooperation des Welternährungsprogramms (WFP) mit Somalias Warlords beim Transport von Lebensmitteln. Am Ende wurde dabei rund die Hälfte der Hilfsgüter im Wert von fast 200 Millionen Dollar von den Kämpfern für eigene Zwecke abgezweigt - und auf den lokalen Märkten gegen Waffen verkauft. Die Episode ist ein (besonders krasses) Beispiel dafür, dass Organisationen, die gerne andere für die fortgesetzte Notlage Afrikas verantwortlich machen, auf dem Kontinent selbst zu Akteuren werden und den jeweiligen Konflikt befeuern, zumal sie mit ihrer Hilfe die lokalen Machthaber aus der Eigenverantwortung entlassen und Afrikas Selbstheilungskräfte daran hindern, wirksam zu werden.

Kaum erwähnt wird in der Öffentlichkeit, dass in Afrika vor allem deshalb gehungert wird, weil sich der kommerzielle Anbau von Lebensmitteln und der Handel damit unter korrupten Regimen wie in Somalia, Äthiopien oder Eritrea partout nicht lohnen. Entweder ruiniert die über das Land ausgeschüttete Entwicklungshilfe die Preise - oder die jeweiligen Führer stehlen dem Volk die Erträge. Das Konzept des Gemeinwohls ist in Afrika fast überall ebenso unbekannt wie das der vom Westen geforderten "guten Regierungsführung". In kaum einem afrikanischen Land ist zudem privater Grundbesitz gestattet; alles gehört hier dem Staat oder wie in Somalia dem jeweiligen Clan.

Kommentare (8)

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Spender

02.08.2011, 11:35 Uhr

Gibt es wirklich einen Interessierten, der nicht weis, dass grundsätzlich die Hälfte der Zuwendungen / Spenden / Hilfen für Schmiergelder ausgegeben werden müssen. Auf diese Weise kommt jedoch zumindest die Hälfte an; sonst gäbe es doch überhaupt keine Hilfe.

Account gelöscht!

02.08.2011, 12:16 Uhr

Gut gemeint ist eben selten gut gemacht. Die diversen Hilfsaktionen für Afrika haben in der Mehrzahl eines bewirkt - die Not in den Ländern langfristig zu verschlimmern. Das ist eine harte Erkenntnis, die viele nicht wahrhaben wollen, die verhundernde Menschen nicht mehr ertragen mögen. Doch die Wahrheit ist: klassische Hilsaktionen destabilisieren oft den einheimischen Nahrungsmittelmarkt, schaffen langfristige Abhängigkeiten, führen zu unmündigen Gesellschaften, Korruption und inneren Verteilungskonfliken. Nein, auch ich habe keinen Königsweg, den man stattdessen beschreiten sollte, doch der hungernde somalische Bauer, angelockt von dem Essen der Flüchtlingscamps in Kenia, wird alles tun, nur nicht eins - das Getreide für sich und sein Dorf für das nächste Jahr anbauen. Stattdessen wird sich im Flüchtlingscamp seine Familie um weitere Kinder vergrößern, die keine Zukunft haben und Gefahr laufen, bei der nächsten Dürre elendig zu verhungern.

Anonym

02.08.2011, 13:48 Uhr

Ja wenn das denn so wäre! Bei jeder Hilfsorganisation gehen idR zwischen 70 und 80% der Spendengelder für die Adminsistration drauf! Vom Rest fließt dann vermutlich noch eine ganze Menge korrupten Staatsbeamten zu. Und von dem was dann übrig bleibt, bekommen die Betroffenen dann in etwa die Hälfte. Von der ganzen Betroffenheitsindustrie profitieren viele, die wirklich Betroffenen jedoch am allerwenigsten!

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