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02.07.2016

17:00 Uhr

Hungerkrise in Äthiopien

Die vergebliche Hoffnung auf zwei Mahlzeiten pro Tag

Rinder sind verendet, die Vorräte verzehrt, die Brunnen versiegt. Millionen Äthiopier hungern. Die Vereinten Nationen schlagen Alarm. Doch die Regierung verschweigt das Problem lieber.

Äthiopien kämpft mit einer Hungerkrise. dpa

Traditionelle Feuerstelle

Äthiopien kämpft mit einer Hungerkrise.

SekotaIn grünen Plastiksandalen steigt Chekol Ayalew morgens zwei Stunden durch eine karge, felsige Landschaft hinab bis zur nächsten Trinkwasserquelle. Dort steht sie eine Stunde an, bevor sie ihren gelben 20-Liter Kanister füllen kann. Sie schnallt sich den Kanister auf den Rücken und beginnt in der Hitze Nordäthiopiens den schweißtreibenden Aufstieg zurück. An vielen Tagen schickt die Mutter von neun Kindern eine ihrer kleinen Töchter. Die 20 Liter Trinkwasser müssen für die ganze Familie reichen. „Wer Wasser hat, ist ein glücklicher Mensch“, sagt Ayalew.

In der schlimmsten Dürre seit drei Jahrzehnten fehlt Millionen Menschen in Äthiopien derzeit das Allernötigste: Essen und Trinkwasser, das nicht krank macht. In Teilen des ostafrikanischen Landes hat es nun seit fast zwei Jahren nicht mehr richtig geregnet: Brunnen und Bäche sind versiegt, Rinder und Esel verendet, die Menschen haben alle Reserven aufgebraucht. Der Hunger ist zum Alltag geworden. „Ohne Hilfe können wir nicht mehr überleben“, sagt Ayalew.

Bei einer Fahrt durch die besonders betroffene nördliche Amhara-Region sieht man über Stunden nur brachliegende steinige Äcker. Der Wind wirbelt Staub und Erde auf, Frauen und Mädchen schleppen Wasserkanister nach Hause, Kinder treiben mit Holzstecken abgemagerte Rinder und Ziegen über die Felder. In vielen Dörfern entlang der holprigen, unbefestigten Straßen macht sich die Verzweiflung breit. Allein in Amhara sind den Vereinten Nationen zufolge 2,3 Millionen Menschen zum Überleben auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen, im ganzen Land sind es mehr als zehn Millionen Menschen.

Was treibt Flüchtlinge nach Europa?

Syrien

Die Syrer stellen die größte Gruppe; 2014 kamen nach Angaben der Grenzschutzagentur Frontex 66 700. Millionen Syrer sind auf der Flucht vor einem extrem brutal ausgetragenen Religions- und Bürgerkrieg; viele sind Flüchtlinge im eigenen Land oder gingen in die Türkei und den Libanon.

Eritrea

Das Land am Horn von Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Präsident Isaias Afwerki regiert seit 1993 mit eiserner Faust. Oppositionelle werden ermordet oder inhaftiert. Viele junge Menschen fliehen vor dem Militärdienst. Laut Frontex nahmen 2014 rund 34 300 Menschen aus Eritrea das Risiko einer Überfahrt auf sich.

Afghanistan

Nach vielen Jahren Bürgerkriegs liegen Infrastruktur und Wirtschaft des Vielvölkerstaats am Boden. Industrie gibt es kaum. Dafür floriert der Drogenhandel und die Taliban sind unbesiegt. Viele Afghanen sehen daher keine Zukunft in ihrer Heimat.

Mali

Die 16 Millionen Einwohner des armen Wüstenstaates kämpfen um das tägliche Überleben. Nach einem Militärputsch hatten Islamisten 2012 den Norden erobert und waren erst von einer internationalen Truppe zurückgeworfen worden. Die Sicherheitslage bleibt prekär und die Korruption hemmt die Entwicklung.

Nigeria

Die islamistische Terrorgruppe Boko Haram hat in Teilen des Nordostens einen Gottesstaat ausgerufen. Ihre Angriffe kosteten Tausende das Leben. 1,5 Millionen Menschen flohen vor der Miliz in andere Landesteile oder ins Ausland. Mehr als die Hälfte der Einwohner des potenziell reichen Landes lebt in extremer Armut.

Am schlimmsten trifft es Babys und Kinder. Die kleine Saleegzer Amare zum Beispiel brachte mit drei Monaten nur 2,2 Kilogramm auf die Waage. Ein normal ernährtes gleichaltes Baby in Deutschland wiegt bis zu sechs Kilogramm. „Bei unseren anderen Kindern hatten wir keine Ernährungsprobleme. Das Land war gut und wir hatten Regen“, erzählt Ehitye Ashagre. Die 28-Jährige ist Mutter von vier Kindern. Sie ist groß, aber sie wirkt ausgemergelt; sie bringt wohl selbst nur 40 Kilogramm auf die Waage. Die Familie isst nur eine volle Mahlzeit am Tag.

„Unsere Kühe haben wir schon verkauft, um unsere Kinder durchzubringen“, sagt Ashagre. „Auch das Saatgut für dieses Jahr haben wir aus Verzweiflung schon gegessen.“ Die kleine Saleegzer brachte sie schließlich zur Gesundheitsstation im Dorf Galesod, wo das akut mangelernährte Kind eine Woche lang wieder aufgepäppelt wird. Erst dann kann der kleine Körper wieder normale Nahrung verarbeiten. Auf dem Boden des Zimmers liegt eine Matratze, darauf sitzt Ashagre mit dem Baby unter einem Moskitonetz. „Ohne eine Gesundheitsstation wie diese wäre mein Baby tot.“

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