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30.08.2014

11:09 Uhr

Hyperinflation und Nazis

Von Versailles ins Verderben

VonThorsten Giersch

Der Versailler Vertrag bürdete Deutschland hohe Entschädigungszahlungen auf. Es folgten Hyperinflation, die bis heute nachwirkt – und der Zweite Weltkrieg. Doch Frankreich und Co die Schuld zu geben, funktioniert nicht.

Der spätere Reichskanzler Adolf Hitler steht am 2. August 1914 während einer Kundgebung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Odeonsplatz in München. dpa

Der spätere Reichskanzler Adolf Hitler steht am 2. August 1914 während einer Kundgebung zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf dem Odeonsplatz in München.

2010 hat Deutschland die letzte Rate überwiesen. Das, was nach rund 90 Jahren noch übrig war von den 132 Milliarden Goldmark, die von den Alliierten „Entschädigungen“ oder auch „Reparationen” genannt wurden. Die Siegermächte drangsalierten das im Ersten Weltkrieg besiegte Deutsche Reich 1919 im Friedensvertrag von Versailles mit einer Reihe von Forderungen.

Keine war so verheerend wie die jährliche Zahlung der drei Milliarden Goldmark. Zum Vergleich: Die Summe entspricht dem damaligen Wert von 26 Prozent der gesamten Exporteinnahmen. Heute wissen wir, dass das für ein ausgeblutetes Deutschland zu viel war. Aber auch schon 1919 ahnten es Fachleute wie John Maynard Keynes, der damals im britischen Finanzministerium arbeitete und vom Versailler Vertrag  „angewidert” war.

Die wichtigsten Worte des Ersten Weltkrieges

Im Krieg entstanden

Viele bis heute verwendete Wörter stammen aus dem Ersten Weltkrieg oder kamen in dieser Zeit in Gebrauch. Bei manchen ist der Bezug zum Krieg längst in Vergessenheit geraten. Eine kleine Dokumentation mit Unterstützung des Duden-Verlags und des Instituts für Deutsche Sprache:

Keks

Eindeutschung des englischen Wortes «Cakes», das bis kurz vor dem Ersten Weltkrieg auch in Deutschland gebräuchlich war. Der immer stärker werdende Nationalismus führte zur Eindeutschung vieler Fremdwörter.

Blindgänger

Wurde zur Zeit des Ersten Weltkrieges auch im übertragenen Sinne benutzt, zum Beispiel für einen Angeber, der sich bei Gefahr schnell in Sicherheit bringt.

Etappe

Bezeichnete ursprünglich die nächste Verpflegungsstation, wurde aber auch in einem heute nicht mehr bekannten Sinne von «besetztes Hinterland» oder «Gebiet hinter den Kampfhandlungen» verwendet. Daraus ergaben sich abwertende Wortbildungen wie «Etappenhase» oder «Etappenhengst» für diejenigen, die sich vor dem Fronteinsatz gedrückt haben.

Kanonenfutter

Stammt ursprünglich aus Shakespeares Drama «Heinrich IV.» («Food for powder»). Schon dort verwendet es die Figur Falstaff für Soldaten, deren Leben kein Wert beigemessen wird. 1873 wurde die deutsche Übersetzung im Grimm'schen Wörterbuch verzeichnet. Im Ersten Weltkrieg wurde der Begriff dann besonders häufig verwendet, weil für minimale Geländegewinne massive Verluste an Menschenleben in Kauf genommen wurden.

Trommelfeuer

Ein um 1915 geläufig gewordener Kriegsterminus, der heute auch in vielen anderen Zusammenhängen verwendet wird.

Durchhalten

Eines der meistverwendeten Propagandawörter während des Krieges.

Fallschirm

Das Wort wurde 1915 erstmals in den Duden aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg kam es bereits zu vereinzelten Fallschirmabsprüngen.

Fernglas

Ebenfalls 1915 zum ersten Mal im Duden.

Grabenkampf

Der Begriff kam um 1915 unter dem Eindruck des Stellungskriegs auf. Heute werden auch verbissene Auseinandersetzungen in nicht militärischen Bereichen als Grabenkämpfe bezeichnet.

08 15

War die Nummer eines massenhaft im deutschen Heer verwendeten Maschinengewehrs, der IMG 08/15. Nun schon viele Jahrzehnte ein populäres Synonym für Mittelmaß.

In seinem Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensertrages” schrieb Keynes, dass die Reparationen eine Gefahr für den Weltfrieden seien. Und wenn sich der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September zum 75. Mal jährt, dann hat es auch viel mit den Fehlern im Versailler Vertrag zu tun. Aber eben nicht nur. Angesichts der finanziellen Lasten aus dem Versailler Vertrag blieb Deutschland  vermeintlich nur eine Möglichkeit: Geld zu drucken.

Rudolf Havenstein, den der renommierte Finanzhistoriker Neil Irwin zum „schlechtesten Zentralbankchef aller Zeiten” kürte, riskierte mit dem Anwerfen der Druckerpressen die Stabilität der Preise. Kostete ein Dollar im Jahr 1920 noch 73 Mark, war er ein Jahr später  schon 192 Mark  wert und 1922 gar nur noch 7580 Mark. Als der Wert Ende 1923 auf 4,2 Billionen Mark stieg, war der Wechselkurs nur noch theoretischer Natur.

Die Banknoten wurden in Körben transportiert. Diebe stahlen die Behältnisse und ließen das Geld zurück. Wer konnte, investierte in Sachwerte: Fahrräder, Nähmaschinen oder auch Klaviere waren beliebt. „Die Hyperinflation löschte die Ersparnisse einer ganzen Generation von Geschäftsleuten aus”, schreibt Irwin.

Was hatte Havenstein da nur getan? Und hätte er anders handeln können? Er selbst bestritt seine Mitschuld an der Inflation bis zuletzt. Die Regierung sei Schuld und auch die Währungsspekulanten.

Die Menschen auf der Straße „verstanden einfach nicht, was da geschah”, schrieb der berühmte Verleger Hermann Ullstein. Anonyme Mächte schienen am Werk zu sein. Es war die Zeit, wo Kommunisten und Nationalsozialisten die Wut der Leute kanalisierten. Letztere übernahmen  zehn Jahre später die Macht, auch weil Deutschland die Inflation in den Griff bekam.

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