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22.08.2014

14:18 Uhr

Importstopp gegen EU

Serbien profitiert von Russlands Sanktionen

Russlands Importverbot vieler EU-Lebensmittel hat Serbien in Euphorie versetzt. Die Landwirtschaft erwartet einen Exportboom. Doch was nach einer Chance aussieht, bringt das Land politisch in eine bedenkliche Lage.

Leere Supermarktregal in Noginsk. Vor allem Milch, Obst, Gemüse und Schweinefleisch werden Serbien von Russland aus den Händen gerissen Eva Mala

Leere Supermarktregal in Noginsk. Vor allem Milch, Obst, Gemüse und Schweinefleisch werden Serbien von Russland aus den Händen gerissen

Belgrad Das russische Importverbot von Lebensmitteln aus Ländern der Europäischen Union hat den EU-Kandidaten Serbien elektrisiert. „Diese Chance müssen wir nutzen“, sagt Agrarministerin Snezana Bogosavljevic. „Eine große Chance, die wir nicht verpassen dürfen“, pflichtet ihr der Regierungspolitiker Dragan Markovic am Freitag in der Belgrader Zeitung „Politika“ bei. „Die Regierung wird nicht erlauben, dass die EU unsere Exporte nach Russland blockiert“, gibt sich die Zeitung „Nase Novine“ überzeugt.

Bogosavljevic war am Donnerstag in Moskau und hatte dort mit ihrem russischen Amtskollegen konkrete Schritte besprochen. So sollen der serbischen Wirtschaftskammer in Belgrad Experten des Moskauer Ministeriums zugeteilt werden. Drei große Milchproduzenten, darunter „Imlek“, die serbische Nummer eins, können in der kommenden Woche mit grünem Licht aus Moskau für große Exportaufträge rechnen. Die drittgrößte russische Einzelhandelskette Dixy war schon vor Tagen in Belgrad vorstellig geworden. „Wir ersticken an russischen Anfragen“, sagt Handelsminister Rasim Ljajic.

Was nach einer Riesenchance aussieht, bringt das Balkanland politisch in eine bedenkliche Lage. Brüssel verlangt von Belgrad, dass es sich der EU-Sanktionspolitik anschließt. Das lehnt Serbien strikt ab, denn traditionell ist das Land der engste Verbündete Russlands in dieser Region. Daneben fordert die EU, Serbien solle aus Solidarität mit der Gemeinschaft alles unterlassen, um mit gesteigerten Exporten den Warenmangel in Russland zu mildern.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

„Noch eine Erpressung der EU!“, empörte sich am Freitag die Belgrader Zeitung „Informer“ auf ihrer Titelseite. Die Regierung will die Nahrungsausfuhren nach Russland noch in diesem Jahr von 172 auf 300 Millionen Dollar (225 Millionen Euro) fast verdoppeln. Um die Exporte auch im nächsten Jahr zu steigern, seien aber schnelle Investitionen in den Tierbestand und die Bewässerung der Äcker notwendig, gaben Experten zu bedenken.

Vor allem Milch, Obst, Gemüse und Schweinefleisch würden Serbien von Russland aus den Händen gerissen, heißt es in Belgrad. Dabei hatte Moskau dem Land erst im Juni mit einer Blockade von Schweinefleisch gedroht. Moskau war empört, weil serbische Exporteure importierte Ware als serbische umetikettiert und nach Russland weitergeleitet hatten. Dieser Exportweg sei ein für alle Mal geschlossen, beteuerte Handelsminister Ljajic.

Die Ausfuhr von Nahrungsmitteln soll aus Sicht Belgrads nur der Anfang sein. Serbien hofft, auch bei der Lieferung von Pkw zum Zuge zu kommen. Bisher hatte sich Russland geweigert, jährlich 10 000 im serbischen Kragujevac produzierte Autos der Marke Fiat ohne Zoll auf den heimischen Markt zu lassen. Trotz des Drucks der EU auf Serbien trauen viele serbische Politikexperten Belgrad zu, „auf zwei Klavieren spielen“ zu können - eng mit Russland zu kooperieren und schnell der EU beizutreten.

Von

dpa

Kommentare (2)

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Frau Царинка Софија

22.08.2014, 16:21 Uhr

Noch kein Kommentar? Dann gebe ich meinen Senf dazu ab:

Yes! Srbija i Rusija braca za uvek i sve vremena! :D

Der Artikel ist so typisch deutsch :/
So abhängig wie die Russen/Russland von Serben/Serbien und der EU dagestellt werden in diesem Artikel sind sie aber gar nicht. Serbien ist viel kleiner als Russland und hat auch ohne viel Hilfe (Ich weiß nicht. Haben wir damals Hilfe von Russland bekommen?) die Sanktionen überlebt. Russland würde also auch ohne Serbien die Sanktionen locker wegstecken. Die Medien müssen das aber immer so verdrammatisieren, damit Deutschland und Amerika "stark" rüberkommen.

Übrigens: Ich frage mich wie die EU, die diese ganze Propaganda erlaubt ohne Gas auskommen wird. Wird so richtig lustig, wenn sie sündteures Gas von Amerika kaufen müssen. :P

Herr Johann Brädt

22.08.2014, 18:27 Uhr

sollte das passieren, dann ist der Rubel nichts mehr wert

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