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10.07.2015

17:17 Uhr

In der Espresso-Bar

Was der Italiener über den Griechen denkt

VonKatharina Kort

Viele Italiener sind solidarisch mit den Griechen. Andere verurteilen sie als noch gerissener als die Italiener. In einem scheinen alle einig: Angela Merkel darf nicht alleine kommandieren. Ein Stimmungsbild aus Mailand.

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi (M.) scheint sich gut mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras zu verstehen. Doch wie sieht die Stimmung in der italienischen Bevölkerung aus? AFP

Griechisch-italienisches Verhältnis

Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi (M.) scheint sich gut mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras zu verstehen. Doch wie sieht die Stimmung in der italienischen Bevölkerung aus?

MailandAcht Uhr morgens in der Bar Kinky. Hinter der Theke dampft die Espresso-Maschine. Auf dem Fernseher in der Ecke laufen Bilder von Griechenlands Premier Alexis Tsipras über den Bildschirm. Ich trinke meinen Cappuccino und will wissen, was die anderen Bar-Besucher von der Griechenland-Krise halten.

„Die Lage der Menschen ist dramatisch“, sagt Franca, eine Frau mittleren Alters. Auf Bundeskanzlerin Angela Merkel ist sie gar nicht gut zu sprechen: „Eisig, kalt, herzlos. Diese Frau macht mir Gänsehaut“, sagt sie abschätzig. Ich frage sie, ob man nicht vielleicht auch die Reichen in Griechenland stärker besteuern sollte. „Klar, aber nicht nur in Griechenland, auch in Italien!“ Sagt es und verlässt die Bar.

Katharina Kort

Katharina Kort ist Handelsblatt-Korrespondentin in New York.

Auf Merkel sind auch die anderen nicht gut zu sprechen: „Erst zahlt Deutschland die Kriegsschulden nicht und jetzt führt sich Merkel als Königin Europas auf“, ärgert sich auch der Massimo Ciofetti, der auf dem Weg zur Arbeit einen Kaffee nimmt. Dabei ist der Unternehmer kein Griechenland- oder Tsipras-Fan: „Erst haben sie ihren Haushalt gefälscht und jetzt sagen sie einfach: Wir zahlen nicht. Das geht nicht!“

Aber dass Merkel mit Frankreichs Präsidenten Francois Hollande – der in den Umfragen der unbeliebteste Regierungschef in Europa sei – alles alleine bestimmen will, das gehe auch nicht, findet Ciofetti. Zahlen müssten schließlich alle. „Die Deutschen glauben, sie seien der Deus Ex Machina in Europa – zum Schaden der anderen“.

Das Dilemma Griechenlands in Zahlen und Fakten

Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit liegt bei 25,5 Prozent. Bei den unter 25-jährigen Erwerbspersonen ist sogar fast jeder zweite ohne Job. Nach jüngsten Erhebungen liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei 48,4 Prozent.

Staatsschulden

Griechenland hat insgesamt Schulden in Höhe von rund 320 Milliarden Euro (Stand September 2014). Das sind fast 180 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die EU und der Internationale Währungsfonds haben dem Land mit Darlehen in Höhe von rund 240 Milliarden Euro unter die Arme gegriffen.

Einkommen

Nach übereinstimmenden Angaben von Regierung und Gewerkschaften mussten die Menschen in Griechenland seit 2009 im Durchschnitt Einkommenseinbußen von 30 Prozent hinnehmen. Im öffentlichen Dienst wurden Urlaubs- und Weihnachtsgeld gestrichen. Auch Renten wurden massiv gekürzt.

Öffentlicher Dienst

Nach jüngsten Zahlen arbeiten derzeit 675 000 Menschen im öffentlichen Dienst. Das sind rund 277 000 weniger als noch 2009. Allein im Jahr 2014 wurden 9500 Staatsbedienstete entlassen. Zudem wurden viele Stellen nach altersbedingtem Ausscheiden von Angestellten nicht nachbesetzt. Die Regierung Tsipras steuerte der Entwicklung jedoch gegen – und stellte per Gesetz rund 4000 zuvor entlassene Staatsdiener wieder ein.

Wirtschaftswachstum

Erstmals nach vielen Rezessionsjahren wuchs die Wirtschaft 2014 nach vorläufigen Zahlen um 0,7 Prozent. Für 2015 erwartet die EU-Kommission einen Zuwachs von nur 0,5 Prozent.

Da mischt sich auch die Bar-Besitzerin Silvia ein, die hinter der Theke den nächsten Espresso bereitet. Eigentlich will sie nicht über Politik reden: „Wenn ich es richtig verstanden habe, sind wir eine Europäische Gemeinschaft, und wir müssen zusammen die Zukunft Griechenlands entscheiden. Warum entscheiden dann nur Deutschland und Frankreich?“ Silvia, die auch Zeitungen in ihrer Bar verkauft, holt das Magazin Espresso hervor und zeigt mir den Artikel über die Deutschen, die sich zu Schnäppchenpreisen Unternehmen und Immobilien in Griechenland kaufen.

Kommentare (17)

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Walter Traustein

10.07.2015, 17:35 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette  

Account gelöscht!

10.07.2015, 17:37 Uhr

Natürlich wird dabei klar, daß es nicht wirklich um die Sache geht - vielmehr geht es um Befindlichkeiten nationaler (!) und ganz persönlicher Art.

Das ist für die mediterrane Welt längst bekannt. Daher gibt ja auch kein vernünftiger Mensch - die soll es sogar dort geben - irgendetwas auf dieses Geschwätz, außer vielleicht ein paar Politiker oder anderes Prekariat.

Herr Michael Federspiel

10.07.2015, 17:50 Uhr

Es gibt Menschen und wohl auch Nationen, den reicht ein Schuss vor dem Bug, um das eigen Verhalten zu ändern. Es gibt aber auch jene, die zweifeln, ob die anderen überhaupt schießen können und setzten ihren Kurs unbeirrt fort. In Griechenland ist man der Familie verpflichtet, bedingungslos.
Kein einziger griechischer Finanzbeamter wird sein Verhalten, das er über Jahrzehnte erlernte, das ihm mitunter sogar sein Überleben sicherte, aufgeben. Das sollten wir verstehen. Infolgedessen können wir das Eintreiben von Steuern zwar einfordern, deren Erfüllung aber nicht. Ein Grexit bedeutet ein Schlussstrich jener Bevormundung, wie es die Griechen empfinden und der kritisch beäugten Dauer-Alimentierung durch die Währungsunion. Griechenland hat mit der Einführung einer eigen Währung seine volle Souveränität wieder und wir unsere Solvenz. Sie bleiben ja Mitglied der europäischen Staaten-Familie und haben durch einen geringeren Wechselkurs gegenüber dem Euro großes Potential für den Aufbau ihrer Wirtschaft durch niedrige Stückkosten. Der Tourismus, ihre wahre Stärke, würde zweifelsfrei weiter zulegen. Akzeptieren wir das griechische Angebot, das nicht einmal eine geringe Reduzierung des Beamtenstabes enthält, und viele Absichten mit dem Konjunktiv beschreibt, riskieren wir letztlich, dass sich bei einem erneuten Scheitern Griechenlands, selbst liberale Europäer in Ihre nationalen Oasen zurückziehen. Die Idee den Europäischen Wirtschaftsraum als eine politische Stimme zwischen den USA und China dauerhaft zu etablieren, wäre wohl verspielt.

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