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03.01.2014

12:39 Uhr

In Lebensgefahr

Ariel Scharons letzter Kampf

VonPierre Heumann

Hinter den Kulissen wird bereits über das Staatsbegräbnis für Israels Ex-Premierminister Ariel Scharon diskutiert. Die Ärzte vermuten, dass dies Scharons letzte Tage sind. Sein Zustand hat sich weiter verschlechtert.

Israels Ex-Premier Ariel Sharon im Jahr 2005. Nach acht Jahren im Koma verweigern lebenswichtige Organe die Funktion. ap

Israels Ex-Premier Ariel Sharon im Jahr 2005. Nach acht Jahren im Koma verweigern lebenswichtige Organe die Funktion.

New YorkAriel Scharon, Israels berühmtester Patient, schwebt in Lebensgefahr. Er habe persönlich den Eindruck, dass dies die letzten Tage Scharons seien, sagte am Freitag morgen Professor Zeew Rothstein, Chefarzt in Sharons Krankenhaus Tel Hashomer bei Tel Aviv. Lebenswichtige Organe funktionierten nicht mehr richtig, so Rothstein. Laut Medienberichten leidet der Ex-Politiker unter anderem an einem Nierenversagen. „Es gibt Schäden an mehreren Organen“, sagte Rothstein. Der Politiker werde medikamentös behandelt. Zuletzt habe Scharon auch mehrere Infektionen erlitten, die seinen Zustand noch verschlechtert hätten. Hinter den Kulissen werde bereits über die Modalitäten eines Staatsbegräbnisses diskutiert, heißt es in Jerusalem.
Scharon, der vor acht Jahren nach einem Schlaganfall ins Koma gefallen war, wird seit dem 4. Januar 2006 künstlich am Leben gehalten. Der frühere Armeegeneral war 2001 israelischer Ministerpräsident geworden.
Er verkörperte widersprüchliche Persönlichkeiten, war nicht nur ein schlauer Taktiker, sondern scheute auch vor Lügen nicht zurück, um seine Ziele zu erreichen. Scharon gehörte dem rechten politische Lager an, war indessen kein religiös verbrämter Nationalist. In den achtziger Jahren trieb er als Wohnbau- und Infrastrukturminister den Bau von Siedlungen in den besetzten Gebieten voran und festigte Israels Zugriff auf die palästinensischen Territorien. Doch später bezeichnet er die Besatzung plötzlich als „ungesund und gefährlich“. Er sprach sich, für ihn eine kühne Kehrtwende, für die Gründung eines Staates Palästina aus.

Hürden auf dem Weg zum Nahost-Frieden

Siedler

Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem gibt es im Westjordanland 125 von Israel genehmigte Siedlungen. Hinzu kommen etwa 100 „wilde“ Siedlungen, die nach israelischem Recht zwar illegal sind, aber dennoch vom Staat unterstützt werden. Mit dem Siedlungsbau hat sich Israel immer wieder über das Völkerrecht hinweggesetzt.

Grenzen

Die Palästinenser wollen ihren Staat in den 1967 von Israel besetzten Gebieten Westjordanland, Gazastreifen und Ost-Jerusalem einrichten. Aus dem Gazastreifen hat sich Israel bereits 2005 zurückgezogen. Israel will aber seine großen Siedlungsblöcke im Westjordanland ebenso behalten wie eine Militärpräsenz im Jordantal an der Grenze zu Jordanien. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hat seine Bereitschaft zum Gebietsaustausch signalisiert.

Jerusalem

Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders heftig umstritten. Jerusalem gilt den Muslimen als drittheiligste Stätte. Israel beharrt darauf, Jerusalem sei seine „ewige und unteilbare“ Hauptstadt. Dagegen beanspruchen die Palästinenser den von Israel annektierten Ostteil Jerusalems als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Dort liegt aber die Klagemauer, der heiligste Ort für Juden.

Sicherheit

Bei Selbstmordanschlägen palästinensischer Terroristen sind in den vergangenen Jahrzehnten viele Israelis getötet worden. Die radikalislamische Hamas schoss aus dem Gazastreifen Tausende Kleinraketen auf israelische Grenzstädte. Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei.

Flüchtlinge

Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerkes UNRWA in den Palästinensergebieten sowie in Israels Nachbarländern etwa 5,3 Millionen registrierte Palästinenser, unter ihnen 4,9 Millionen Flüchtlinge und deren Nachkommen. Sie sollen nach dem Willen Israels kein Recht auf Rückkehr nach Israel erhalten. Die Palästinenser beharren offiziell auf ihrem „Rückkehrrecht“ nach Israel, was die Juden dort zur Minderheit machen würde.

Wasser

Schon seit Jahrzehnten wird vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist.

Während seiner militärischen und politischen Karriere war Scharon nie ein Mann der Mitte. Er polarisierte, stieß Konventionen um, setzte sich als Offizier über Befehle hinweg und handelte eigenmächtig. So verschwieg er als Generalstabschef der Regierung seine wahren Absichten, als er 1982 im Libanon einmarschierte und sein Land in einen verlustreichen Krieg verwickelte.
Als Wohnbaumister trieb er zunächst die Siedlungsaktivitäten in der Westbank und im Gazastreifen voran, indem er argumentierte, diese seien aus strategischen Gründen für die Sicherheit Israels notwendig. Als Regierungschef warf er Jahre später seine früheren Überzeugungen über den Haufen. Er, der zuvor die israelische Siedlungspolitik in den Palästinensergebieten unterstützt und vorangetrieben hatte, vollzog 2005 den israelischen Rückzug aus dem Gazastreifen und die Auflösung der jüdischen Siedlungen im Gazastreifen. Um das innenpolitisch durchzusetzen, stellte er die Parteiszene auf den Kopf. Nach Streit mit den alten Weggefährten, die dem Rückzug heftig opponierten, verließ Sharon den 1973 von ihm mitbegründeten rechtsorientierten Likud-Block und gründete im November 2005 die Partei der Mitte Kadima. Damit stieß er nicht ein erstes Mal zahlreiche Weggefährten vor den Kopf. „Der israelische Cäsar“ (so der Titel einer Scharon-Biografie) hatte zuvor geholfen, den Friedensvertrag mit Ägypten auszuhandeln. Er setzte sich für die Rückgabe der Sinai-Halbinsel ein, und er überwachte die Auflösung der dortigen Siedlungen.
Vom Frieden mit den Palästinensern hat Scharon nie viel gehalten. Als in den achtziger Jahren Shimon Peres und der König von Jordanien ein Friedensabkommen vorbereiteten, stellte sich Scharon quer. Stur stimmte er auch 1994 gegen den Friedensvertrag mit Jordanien, obwohl sogar die rechte Likud-Partei dafür war. „Jordanien ist Palästina“, begründete Scharon seine ablehnende Haltung.

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