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28.01.2009

08:55 Uhr

Indien

Mit Geduld und Aberglauben

VonHelmut Hauschild

Zu Hause brechen die Aufträge weg, da machen sich immer mehr deutsche Unternehmen auf in die unbekannte Welt Indiens. Doch das schnelle Glück finden sie dort nicht.

BANGALORE. Schwer beladene Lastwagen ächzen von Schlagloch zu Schlagloch, Busse riskieren mörderische Überholmanöver, Mopeds quetschen sich in jede kleinste Lücke. Die Tumkur Road vom Zentrum der indischen Millionenmetropole Bangalore hinaus zum Messegelände, vorbei an Häusern aus verrottetem Beton, ärmlichen Läden, Bauschutt und Müll, ist nichts für schwache Nerven.

Die darf man aber auch nicht haben, wenn man in Indien Geschäfte machen will. Halle 2, Stand J107 – so weit hat es Andreas Haug schon mal geschafft. Die Fracht mit den Ausstellungsstücken aus Deutschland ist rechtzeitig angekommen, der chaotische Aufbau überstanden, und die Fahrt heute früh vom Hotel in Bangalore zur Messe hat unüblich kurze eineinhalb Stunden gedauert. Jetzt müssen nur noch die Kunden kommen.

Haug, 39, Verkaufsleiter der Ixion GmbH & Co KG in Hamburg, schaut prüfend den Gang entlang. Kein Interessent in Sicht. Er rückt noch einmal die ausgestellten Lenkstangen und Motorteile zurecht. „Hier sehen Sie, wofür unsere Maschinen verwendet werden.“ Ixion fertigt mit 50 Mitarbeitern Maschinen zur Tieflochbohrung. Wichtigster Kunde ist die Automobilindustrie. Doch die steckt so tief in der Depression, dass in Europa das Geschäft beinah zum Stillstand gekommen ist.

Deshalb sucht Haug jetzt neue Kunden auf Indiens größter Werkzeugmaschinenmesse Imtex. „Man darf ja den Kopf nicht in den Sand stecken“, sagt er mit einem verlegenen Lächeln, als ob die Idee, auf die Inder zu setzen, ihm selbst ein wenig verrückt vorkommt.

Es ist das erste Mal, dass seine Firma auf der Imtex ausstellt. Eine Expedition in die Terra incognita des riesigen Subkontinents, dessen miserable Infrastruktur legendär ist, dessen Boom der vergangenen Jahre aber auch manchen Unternehmer sagenhaft reich gemacht hat. Und so ist Haug nicht der einzige Deutsche, der hier sein Glück sucht. Immer mehr deutsche Unternehmen, darunter immer mehr Mittelständler, hoffen, hier der krisenbedingten Auftragsflaute zu entgehen.

634 Firmen aus 24 Ländern sind nach Bangalore gekommen, darunter 75 deutsche einschließlich Größen wie Siemens und Bosch. Das ist Rekord, trotz Wirtschaftskrise und Kostendruck. Selbst die Terroranschläge auf das Oberoi- und das Taj-Hotel Ende November in Bombay haben zu keiner Absage geführt. Denn die Imtex hat in der Branche einen exzellenten Ruf.

Bei der letzten Messe vor zwei Jahren sei es voll wie auf dem Jahrmarkt gewesen, erinnert sich Thorsten Schindler. Sein Arbeitgeber, die Erwin Junker Maschinenfabrik aus dem Schwarzwald, ist zum zweiten Mal dabei. „Der Andrang war so groß, dass man vor Arbeit kaum aufs Klo kam“, erzählt Schindler. Mehr als 50 Maschinen hat der Mittelständler mit 150 Millionen Euro Jahresumsatz bereits nach Indien verkauft. Ein lohnendes, doch mitunter zähes Geschäft, das deutsches Effizienzdenken auf eine harte Probe stellt. Schindler hat da so seine Erfahrungen gemacht: „Es kann schon mal vorkommen, dass man morgens um zehn bei einem Kunden verabredet ist, und abends um neun haben die Verhandlungen noch immer nicht richtig begonnen.“

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