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08.06.2014

15:08 Uhr

Indischer Innenminister

Indischer Politiker bagatellisiert Vergewaltigungen

Ein weiterer Regierungspolitiker in Indien bagatellisiert Gewalt gegen Frauen. „Solche Dinge passieren nicht absichtlich. So etwas geschieht versehentlich“, sagte der Innenminister des Bundesstaats Chhattisgarh.

Aktivisten demonstrieren in Indien gegen den Umgang der Regierung mit Vergewaltigungen: Ein Regionalminister sagte, es könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“. dpa

Aktivisten demonstrieren in Indien gegen den Umgang der Regierung mit Vergewaltigungen: Ein Regionalminister sagte, es könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“.

Neu DelhiZum zweiten Mal binnen weniger Tage hat ein Parteifreund des indischen Premierministers Narendra Modi die Vergewaltigung von Frauen in seinem Land bagatellisiert. „Solche Dinge passieren nicht absichtlich. So etwas geschieht versehentlich“, sagte der Innenminister des Bundesstaats Chhattisgarh, Ramsevak Paikra, am Samstagabend vor Journalisten.

Später versuchte der für Recht und Ordnung zuständige Politiker aus Modis Bharatiya-Janata-Partei (BJP) noch, seine Entgleisung mit dem Hinweis zu relativieren, er sei falsch zitiert worden. Mehrere Fernsehsender strahlten die Bemerkungen jedoch im Original aus.

Chronologie zur tödlichen Vergewaltigung in Indien

16.12.2012

Eine 23 Jahre alte Physiotherapie-Studentin wird in einem privaten Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt. Die Täter schlagen die Frau und einen Freund, der sie begleitet, und misshandeln sie mit zwei Eisenstangen.

17.12.

Die Polizei nimmt vier Verdächtige fest, später noch zwei weitere. Das Opfer schwebt in Lebensgefahr.

18.12.

Demonstranten gehen in mehreren Städten auf die Straße und fordern die Todesstrafe für Vergewaltiger. Die Opposition fordert im Parlament schärfere Gesetze, um Vergewaltigungen zu stoppen.

22.12.

Nach kleineren Studentenprotesten gehen in Neu Delhi Tausende auf die Straße. Die Polizei setzt Schlagstöcke, Tränengas und Wasserwerfer gegen die Menge ein.

23.12.

Die Proteste schlagen in Gewalt um - laut Polizei, weil sich Krawallmacher unter die Protestierenden mischen. Es gibt mehr als 100 Verletzte auf beiden Seiten.

25.12.

Ein Polizist, der bei den Demonstrationen verletzt worden war, stirbt im Krankenhaus.

26.12.

Die indische Regierung ordnet eine Untersuchung des Falls an. Die Kommission soll mögliche Versäumnisse der Polizei und anderer staatlicher Stellen herausfinden. Sie soll auch Maßnahmen für mehr Schutz und Sicherheit von Frauen vorschlagen.

27.12.

Der Gesundheitszustand der 23-Jährigen verschlechtert sich rapide, sie erleidet Hirnschäden und wird nach Singapur in eine Klinik für Organtransplantationen ausgeflogen.

29.12.

Die junge Frau stirbt an Organversagen. Tausende demonstrieren erneut gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.

30.12.

Die Leiche der vergewaltigten Inderin wird in Neu Delhi nach traditionellen Riten verbrannt. Zwischen Demonstranten und Polizei kommt es erneut zu Auseinandersetzungen.

3.1.2013

Die Justiz erhebt Anklage wegen Mordes, Vergewaltigung und Entführung gegen fünf Beschuldigte. Ihnen droht die Todesstrafe. Das Alter des sechsten Beschuldigten wird noch geprüft.

4.1.

Indiens Innenminister kündigt an, die Regierung werde Gewalt gegen Frauen künftig „mit eiserner Hand“ bekämpfen.

5.1.

In einem Interview erhebt der Begleiter des Opfers schwere Vorwürfe. Passanten hätten zunächst nicht geholfen, die Polizisten überdies wertvolle Zeit verschwendet. Die Polizei weist dies zurück.

9.1.

Der Anwalt eines Beschuldigten behauptet, sein Mandant sei von Polizisten misshandelt worden, um ein Geständnis zu erzwingen.

14.1.

Mit mehreren Anträgen versuchen die drei Anwälte der Angeklagten, den Prozessbeginn hinauszuzögern.

16.1.

Eines der neuen Schnellgerichte, die nach dem Tod der Studentin eingesetzt wurden, fällt sein erstes Urteil und verhängt die Todesstrafe. Ein Mann hatte ein Kind missbraucht und ermordet.

13.03.2014

Der Fall der 23-Jährigen wurde von einer Richterin im Januar 2013 an ein Schnellgericht in Neu Delhi übergeben, landesweit sollen 2000 neue Richter für solche Schnellgerichte eingestellt werden. Im September 2013 sprach das Schnellgericht bereits Todesurteile gegen die meisten der Angeklagten aus. Nun bestätigte ein normaler Gerichtshof in Neu Delhi die Entscheidung, welche die Verteidigung angefochten hatte.

Erst am Donnerstag hatte der ebenfalls der BJP angehörende Innenminister des Bundesstaats Madhya Pradesh, Babulal Gaur, die sexuelle Gewalt gegen Frauen in Indien drastisch verharmlost und sogar ansatzweise verteidigt. Vergewaltigung sei „ein soziales Verbrechen, das von Männern und Frauen abhängt“, sagte Gaur. „Manchmal ist es richtig, manchmal ist es falsch.“ Jedenfalls könne ermittlungstechnisch „nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt“. Die BJP-Führung distanzierte sich daraufhin von Gaur. Dessen Ansichten würden nicht die der Partei repräsentieren, hieß es.

In Indien war die gesellschaftliche Entrüstung über sexuelle Gewalt gegen Frauen zuletzt deutlich gewachsen, nachdem mehrere besonders brutale Fälle an die Öffentlichkeit gelangt waren. So waren Ende Mai in einem Dorf des Bundesstaats Uttar Pradesh die Leichen zweier zwölf und 14 Jahre alter Cousinen gefunden worden, die mehrfach vergewaltigt und dann an einem Baum aufgehängt worden waren.

Im Dezember 2012 hatte die tödliche Gruppenvergewaltigung einer jungen Studentin in Neu Delhi Massenproteste gegen die alltägliche Gewalt gegen Frauen ausgelöst. Seitdem wurden die Strafen für Vergewaltiger zwar verschärft - auf Vergewaltigung bei Todesfolge steht nun beispielsweise die Todesstrafe. Frauenrechtsaktivisten zufolge werden Sexualverbrechen jedoch in vielen Fällen bis heute nicht ernsthaft geahndet.

Nach Angaben der Regierung wird in Indien alle 22 Minuten eine Frau vergewaltigt. Aktivisten gehen aber von einer weitaus höheren Dunkelziffer aus, da die Opfer sexueller Gewalt häufig sozial geächtet werden.

Von

afp

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