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25.02.2017

13:53 Uhr

Indonesischer Botschafter

Verdächtige bekam 90 Dollar für Attacke auf Kim Jong Nam

Der Giftmord an Kim Jong Nam und ein Raketentest belasten Pjöngjangs politische Beziehungen. Malaysia droht einem nordkoreanischen Diplomaten mit Haftbefehl. Ein Treffen mit US-Vertretern ist offenbar geplatzt.

Aufnahmen der Überwachungskamera

Dieses Video zeigt den mutmaßlichen Giftanschlag auf Kim Jong Nam

Aufnahmen der Überwachungskamera: Dieses Video zeigt den mutmaßlichen Giftanschlag auf Kim Jong Nam

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Kuala Lumpur, SeoulDer bizarre Todesfall des Halbbruders des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un artet immer mehr in einen diplomatischen Streit zwischen Nordkorea und Malaysia aus. Die malaysische Polizei drohte einem nordkoreanischen Diplomaten am Samstag, Haftbefehl gegen ihn zu erlassen, sollte er sich weiterhin weigern, bei den Ermittlungen zum mutmaßlichen Giftmord an Kim Jong Nam zu kooperieren.

Das Flughafenterminal, in dem Kim offenbar vergiftet wurde, soll nach Polizeiangaben nun nach möglichen toxischen Stoffen durchsucht werden. Der Einsatz sollte demnach in der Nacht zum Sonntag um 1.00 Uhr (Ortszeit) beginnen. Seit dem Angriff auf Kim Jong Uns älteren Halbbruder sind Zehntausende Passagiere durch den Flughafen von Kuala Lumpur gegangen. Keine Teile des Airports waren abgesperrt worden.

Kim Jong Nam war am Montag vergangener Woche plötzlich gestorben. Videoaufnahmen vom Flughafen von Kuala Lumpur zeigen, wie zwei Frauen sich am helllichten Tag in Kims Richtung bewegten. Eine drückte ihm von hinten etwas auf das Gesicht. Wie am Freitag bekannt wurde, soll es sich dabei um das Nervengift VX handeln. Kim verschied auf dem Weg ins Krankenhaus.

Politische Giftmorde

Kim Jong Nam

Der in Ungnade gefallene Halbbruder des nordkoreanischen Staatschefs wurde am 14. Februar inmitten anderer Reisender auf dem Flughafen von Kuala Lumpur mit einem chemischen Spray besprüht. Nach Angaben der malaysischen Ermittler entpuppte sich die Substanz als das Nervengift VX. Kim Jong Nam zeigte schnell Krankheitssymptome und starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Den Sanitätern sagte er zuvor noch, dass er von zwei Frauen mit etwas besprüht worden sei. Die malaysische Polizei hat bisher nicht Nordkorea als Auftraggeber des Giftmords bezeichnet. Ermittlern zufolge haben aber vier Nordkoreaner den Frauen das Gift gegeben.

Alexander Litwinenko

Dem ehemaligen russischen Geheimdienstagenten wurde am 1. November 2006 in einem Londoner Hotel ein Tee mit einer tödlichen Dosis Polonium-210 gereicht. Drei Wochen später starb er an akuter Strahlenkrankheit. Zehn Jahre danach, im Januar 2016, kam ein britischer Richter zu dem Schluss, dass der russische Präsident Wladimir Putin möglicherweise persönlich einen Plan des Geheimdienstes FSB zur Ermordung Litwinenkos gebilligt habe. Litwinenko, ein Kreml-Kritiker, hatte noch auf dem Totenbett diesen Vorwurf erhoben. Bis heute wurde niemand wegen der Tötung Litwinenkos zur Rechenschaft gezogen.

Viktor Juschtschenko

Im September 2004 wurde der damalige ukrainische Präsidentschaftskandidat von einer schweren Dioxinvergiftung aus seinem Wahlkampf katapultiert. Juschtschenko überlebte, sein Gesicht war allerdings von der fast tödlichen Dosis gezeichnet. Mit der Orangenen Revolution kam er schließlich doch noch ins Präsidentenamt. Im Oktober 2005 wurde offiziell ein Mordversuch gegen Juschtschenko festgestellt und der ukrainische Generalstaatsanwalt Swjatoslaw Piskun dafür verantwortlich gemacht.

Chaled Maschaal

Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad sprühten dem Führer der militanten palästinensischen Hamasbewegung 1997 eine Substanz in ein Ohr, als er in Amman spazieren ging. Es wurde vermutet, dass es sich um ein dem Schmerzmittel Fentanyl ähnliches Mittel gehandelt hat. Maschaal überlebte, weil der jordanische König Hussein damit drohte, die gefangen genommenen Mossad-Agenten auf einem Platz der Hauptstadt öffentlich hängen zu lassen, sollte Israel kein Gegenmittel liefern. Israel lieferte, und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sah sich auch noch gezwungen, etliche palästinensische Gefangene im Austausch gegen die Mossad-Agenten freizulassen.

Georgi Markow

Der bulgarische Dissident wartete im September 1978 an einer Haltestelle an der Londoner Waterloo Bridge auf den Bus, als er einen Stich in den Oberschenkel verspürte. In der Spitze eines Regenschirms war ein Rizin-Kügelchen in Stecknadelgröße versteckt, das ihm injiziert wurde, wie britische Forscher herausfanden. Der Journalist und Regimekritiker starb nach vier Tagen. Für seinen Tod wurde nie jemand zur Verantwortung gezogen. Es war einer der berühmtesten Mordfälle des Kalten Kriegs. Über den Verdacht, dass wohl der sowjetische Geheimdienst KGB und die bulgarische Geheimpolizei dahinter steckten, kam man damals nicht hinaus.

Bei den Ermittlungen zur Tat zählt Nordkorea zu den Verdächtigen. Kim Jong Nam war vor Jahren bei der nordkoreanischen Führung in Ungnade gefallen und hatte zuletzt mit seiner Familie in Macau gelebt. Experten gehen davon aus, dass das Nervengift mit hoher Wahrscheinlichkeit in einem staatlichen Waffenlabor hergestellt wurde. VX ist gemäß einem internationalen Abkommen verboten - Nordkorea hat diese Vereinbarung allerdings nie unterzeichnet. Pjöngjang streitet jede Beteiligung an dem Angriff ab.

Malaysia hatte in dieser Woche erklärt, man wolle Hyon Kwang Song zu dem Fall befragen. Er ist ein zweiter Sekretär in der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur und genießt damit die Immunität von Diplomaten.

Der Ton wurde am Samstag deutlich rauer. Polizeichef Abdul Samah Mat sagte, die Behörden würden dem Diplomaten „angemessen“ viel Zeit geben, um sich zu melden. Sollte er das nicht tun, werde die Polizei einen Bescheid veröffentlichen, in dem er dazu verpflichtet werde. „Und wenn er es nicht schafft, zu erscheinen, (...) werden wir den nächsten Schritt gehen, indem wir einen Haftbefehl vom Gericht einholen“, sagte Abdul Samah. Der Jurist Sankara Nair hielt dem allerdings entgegen, dass die diplomatische Immunität selbst in Strafverfahren gelte.

Malaysia hat Nordkorea bislang nicht direkt beschuldigt, hinter dem Angriff zu stecken. Vier Nordkoreaner wurde jedoch vorgeworfen, zwei festgenommenen Frauen aus Indonesien und Vietnam das Gift bereitgestellt zu haben, damit diese die Attacke verübten.

Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm (2016)

6. Januar 2016

Nordkorea führt seinen vierten Nukleartest aus. Nach eigenen Angaben wurde eine „miniaturisierte“ Wasserstoffbombe getestet. Experten ziehen die Angaben in Zweifel. (Quelle: AP)

7. Februar 2016

Nordkorea schießt nach eigenen Angaben eine Langstreckenrakete ins All.

9. März 2016

Machthaber Kim Jong Un erklärt, sein Land habe verkleinerte Atombomben entwickelt, die auf Raketen platziert werden können.

18. März 2016

Zum ersten Mal seit 2014 feuert Nordkorea eine Mittelstreckenrakete vom Typ Rodong ab. Das Geschoss fliegt rund 800 Kilometer weit, ehe es östlich des Landes ins Wasser fällt.

23. April 2016

Nordkorea schießt eine Rakete von einem U-Boot ab. Aus dem südkoreanischen Verteidigungsministerium heißt es daraufhin, das Geschoss habe eine Strecke von knapp 30 Kilometern zurückgelegt. Pjöngjang erklärt, der Start ziele darauf ab, die Atomsprengkopftechnologien voranzubringen.

22. Juni 2016

Washington und Seoul melden, dass Nordkorea zwei mutmaßliche Mittelstreckenraketen vom Typ Musudan abgefeuert hat. Diese Raketen könnten eines Tages in der Lage sein, weit entfernte Militärbasen der USA in Asien zu treffen. Pjöngjang gibt später bekannt, erfolgreich eine Mittelstreckenrakete getestet zu haben. Diese habe eine Höhe von 1400 Kilometern erreicht, bevor sie wie geplant in 400 Kilometer entfernten Gewässern gelandet sei.

19. Juli 2016

Nordkorea schießt drei Raketengeschossen ab. Zwei davon fliegen 500 bis 600 Kilometer weit. Die Tests sind nach Angaben der Führung in Pjöngjang Teil eines simulierten Präventivschlags auf südkoreanische Häfen und Flugplätze.

3. August 2016

Regierungsbeamten aus Südkorea und Japan zufolge legt eine nordkoreanische Mittelstreckenrakete einen Weg von rund 1000 Kilometern zurück und landet in der Nähe von japanischen Hoheitsgewässern. Es handelt sich vermutlich um eine Rodong-Rakete.

24. August 2016

Eine erneut von einem U-Boot abgefeuerte Rakete ist 500 Kilometer unterwegs, ehe sie nahe Japan ins Wasser stürzt. Kim erklärt, sein Land habe die Fähigkeit erlangt, einen vollausgerüsteten Atomangriff auszuführen. Auch das US-Festland befinde sich in Schlagdistanz.

5. September 2016

Wieder fliegen drei mutmaßliche Mittelstreckenraketen Nordkoreas fast 1000 Kilometer weit, ehe sie in Gewässern nahe Japan landen.

9. September 2016

Nordkorea hat nach eigenen Angaben einen nuklearen Sprengkopf erfolgreich zur Explosion gebracht.

Die Indonesierin habe 90 Dollar (rund 85 Euro) dafür erhalten, um dabei zu helfen, den Mord zu verüben, sagte der stellvertretende indonesische Botschafter in Malaysia, Andriano Erwin, am Samstag. Er wiederholte die Behauptung der Verdächtigen, sie habe geglaubt, in einem harmlosen Fernsehstreich mitzuspielen. Erwin hatte die 25-Jährige am Samstag in Malaysia getroffen, wo sie in Gewahrsam sitzt.

Abdul Samah bestätigte außerdem, dass malaysische Ermittler eine Eigentumswohnung untersucht haben. Man warte nun auf Laborergebnisse zu den Dingen, die in der Unterkunft nahe der Hauptstadt Kuala Lumpur gefunden worden seien. Die Gegenstände würden auf chemische Spuren getestet. Die Razzia habe im Laufe dieser Woche stattgefunden.

Von

ap

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