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09.11.2014

12:23 Uhr

Inoffizielles Votum über Unabhängigkeit

Guardiola und die Katalanen an den Urnen

Es ist kein offizielles Votum, aber ein Signal: In Katalonien wird heute über die Unabhängigkeit der spanischen Region abgestimmt. Die Zentralregierung in Madrid misst der Abstimmung keine Bedeutung zu.

Symbolische Abstimmung

Katalonien: Pep Guardiola an der Wahlurne

Symbolische Abstimmung: Katalonien: Pep Guardiola an der Wahlurne

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BarcelonaWie Tausende andere Katalanen stellte Pep Guardiola sich in eine Warteschlange. Der Trainer des deutschen Fußballmeisters Bayern München harrte vor einem Wahllokal in Barcelona aus, bis er seinen Stimmzettel in die Urne werfen konnte. Es ging um die Unabhängigkeit Kataloniens, auch wenn es „nur“ eine Volksbefragung war.

„Wenn so viele Menschen abstimmen wollen, gibt es keine Gesetze, die sie daran hindern können“, sagte der FC-Bayern-Coach. Er war nach dem 4:0-Sieg seines Teams bei Eintracht Frankfurt eigens in seine katalanische Heimat geflogen, um an der inoffiziellen Befragung teilzunehmen.

Trotz kühler Witterung hatten sich vor den Stimmlokalen in der Region im Nordosten Spaniens lange Schlangen gebildet, die sich mancherorts sogar um mehrere Häuserblocks wanden. „Ich hoffe, mein Traum, Katalonien befreit zu sehen, geht noch zu meinen Lebzeiten in Erfüllung“, sagte eine 74-jährige Rentnerin der Nachrichtenagentur dpa. Das spanische Verfassungsgericht hatte die Volksbefragung untersagt, nachdem die Madrider Zentralregierung eine Verfassungsklage präsentiert hatte.

Die Katalanen hielten sich aber nicht an das Verbot. Die Staatsanwaltschaft leitete Ermittlungen ein und forderte bei der Polizei eine Liste der Verantwortlichen an, die die Schulen und andere staatliche Einrichtungen als Wahllokale zur Verfügung gestellt hatten. „Wenn die Staatsanwaltschaft einen Verantwortlichen sucht, braucht sie nur mich anzuschauen“, sagte Kataloniens Regierungschef Artur Mas. „Ich und meine Regierung sind die Verantwortlichen.“

Spanien lässt die Katalanen nicht über Unabhängigkeit abstimmen

Wollen sich die Katalanen wirklich abspalten?

Hunderttausende Katalanen demonstrieren regelmäßig für die Gründung eines unabhängigen Staates. Ob die 7,5 Millionen Katalanen mehrheitlich für eine Abspaltung sind, ist aber unklar. In Umfragen schwankt der Anteil zwischen 35 und 55 Prozent. Allerdings tritt die überwältigende Mehrheit dafür ein, in einem Referendum darüber abstimmen zu dürfen.

Was hat der Bewegung Auftrieb gegeben?

Die Katalanen haben eine eigene Sprache und eine eigene kulturelle Tradition. Die Forderung nach der Gründung eines eigenen Staates war jahrzehntelang nur von Splittergruppen erhoben worden. Dies änderte sich drastisch in den letzten Jahren. Dabei spielte zum einen die Wirtschaftskrise eine Rolle. Viele Bewohner der wirtschaftsstärksten Region in Spanien meinen, ein unabhängiger Staat könne ihnen einen höheren Lebensstandard erlauben. Zum andern empfand ein großer Teil der Katalanen es als Demütigung, dass das Madrider Verfassungsgericht mehrere Passagen in ihrer Landesverfassung für illegal erklärte.

Wer steckt hinter den Separatisten?

Der katalanische Regierungschef Artur Mas ist im Grunde ein gemäßigter Politiker, der lange Zeit von einer Unabhängigkeit nichts wissen wollte. Er änderte seinen Kurs erst unter dem Eindruck der Massenkundgebungen und der Stimmgewinne separatistischer Parteien. Die Linksrepublikaner (ERC), die immer offen für eine Abspaltung der Region von Spanien eintraten, sind nach Umfragen mittlerweile die stärkste Kraft in Katalonien. Die Kundgebungen für die Unabhängigkeit wurden von der 2012 gegründeten Katalanischen Nationalversammlung (ANC) und der kulturellen Vereinigung Omnium organisiert.

Warum ist das Votum nicht erlaubt?

Die Madrider Zentralregierung begründete ihre Verfassungsklage gegen das geplante Referendum damit, dass nach spanischem Recht nur der Zentralstaat Volksabstimmungen abhalten dürfe. Die für den 9. November angesetzte Abstimmung betreffe die Grundlagen der verfassungsrechtlichen Ordnung in Spanien. Darüber könne nur das gesamte spanische Volk entscheiden. Zudem sei im Artikel 2 der Verfassung die „unauflösbare Einheit der spanischen Nation“ festgeschrieben.

Was bedeutet der Separatismus für den spanischen Fußball?

Sportidole wie der FC-Bayern-Trainer Pep Guardiola, die Fußballer Xavi Hernández und Gerard Piqué oder die Basketballer Pau und Marc Gasol machten sich für das Referendum stark. Die Katalanen hatten sich schon seit Jahren dafür eingesetzt, dass ihre Fußballer mit einer eigenen Nationalelf an Welt- und Europameisterschaften teilnehmen können. Dies scheitert jedoch am Einspruch Spaniens. Katalanische Fußballer bildeten den Stamm der spanischen Nationalelf, die die WM 2010 sowie die EM 2008 und 2012 gewann. Die Forderung nach einer eigenen katalanischen Fußball-Liga wird allerdings nicht erhoben. Die „Clásicos“ in der spanischen Liga zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid möchte niemand missen.

Die unverbindliche Befragung blieb hinter den Erwartungen der katalonischen Regierung zurück, die eigentlich ein Unabhängigkeitsreferendum wie die Schotten hatte abhalten wollen. „Ich glaube, dass wir uns nun eine definitive Volksabstimmung verdient haben“, sagte Mas.

Da die Befragung im Grunde illegal war und von der Madrider Regierung nur geduldet wurde, gab es keine Wählerlisten. Zur Teilnahme reichte die Vorlage des Personalausweises. Die Urnen waren aus Pappkarton zusammengeklebt worden. Als Wahlhelfer waren 40 000 Freiwillige im Einsatz.

Die Zeitung „El Periódico“ beschrieb die Befragung unter Hinweis auf den schwedischen Möbelkonzern als eine „Ikea-Abstimmung“. „Die Regierung hatte die Vorarbeit geleistet und die Anleitungen geliefert“, schrieb das Blatt. „Die Montage lag in der Hand der Helfer und der Wähler.“

Für Kataloniens Regierungschef geriet die Befragung zu einem Drahtseilakt. Einerseits musste er sich Zurückhaltung auferlegen, um Madrid nicht vor den Kopf zu stoßen. Andererseits wollte er sich aus der Organisation auch nicht ganz ausklinken, denn die Abstimmung sollte einen halbwegs offiziösen Charakter haben.

Die spanische Zentralregierung stufte die Befragung als „nutzlos“ und „undemokratisch“ ein. Die Abstimmung sei unverbindlich und werde der katalanischen Regierung nicht zum Vorteil gereichen. Auch in Katalonien gab es kritische Stimmen. „Die Befragung ist ein Betrug und eine Farce“, sagte die Parteichefin der katalanischen Konservativen, Alicia Sánchez Camacho. Ein Passant in Barcelona meinte: „Katalonien ist ein unverzichtbarer Teil Spaniens.“

Neben Guardiola waren auch andere Katalanen aus dem Ausland angereist, um ihre Stimme abzugeben. Aus Mailand kam der Anwalt Emili Perona, der sich in Italien als Landeskooordinator der Separatistenbewegung Katalanische Nationalversammlung (ANC) für die Unabhängigkeit der Region einsetzt. „Es war sehr bewegend, zu sehen, wie junge Menschen, aber auch 70- oder 80-Jährige im meinem Viertel Eixample schon um neun Uhr geduldig und lächelnd Schlange standen“, sagte er am Telefon der Nachrichtenagentur dpa.

Perona erreichte in Italien, dass der legendäre Autor, Regisseur und Schauspieler Dario Fo ein internationales Internet-Manifest für ein Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien unterzeichnete. Unter den 25 Unterzeichnern sind auch die Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu und Adolfo Pérez Esquivel, der britische Filmregisseur Ken Loach, der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes und Ex-Fußballstar Johan Cruyff.

Von

dpa

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