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06.01.2017

14:58 Uhr

INSS-Studie

So viele Tote bei Selbstmordattentaten wie nie

Paris, Brüssel und Deutschland – Selbstmordanschläge gibt es mittlerweile auch in Europa. Die meisten Attacken treffen aber andere Länder. Eine blutige Bilanz des vergangenen Jahres.

Selbstmordattentate beschränken sich zwar hauptsächlich, aber nicht nur auf den Nahen Osten. dpa

Gedenken an die Opfer

Selbstmordattentate beschränken sich zwar hauptsächlich, aber nicht nur auf den Nahen Osten.

Tel AvivBei Selbstmordattentaten sind im vergangenen Jahr weltweit so viele Menschen getötet worden wie noch nie. Rund 5650 Menschen kamen ums Leben, wie das israelische Institut für Nationale Sicherheitsstudien (INSS) am Freitag in Tel Aviv mitteilte. 800 Täter hätten 469 Bombenanschläge in 28 Ländern begangen.

Für 268 Attacken und damit rund 70 Prozent der Angriffe war demnach die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) direkt oder indirekt verantwortlich. Der IS kontrolliert Teile des Iraks und Syriens. Dabei agiert die Miliz wie ein echter Staat, was sie von anderen Terrorgruppen unterscheidet.

„Angesichts der Gebietsverluste des Islamischen Staates (...) scheint es, dass der Selbstmordterrorismus ein Schlüsselwerkzeug des Islamischen Staates sein wird, um sein Image zu stärken, unbesiegbar zu sein“, erklärt das Institut. Darüber hinaus dienten die Anschläge als Abschreckung der Feinde und als Rache wegen der internationalen Aktionen gegen das Terrornetzwerk.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Das INSS geht davon aus, dass auch Partner des IS und andere Terrorgruppen sich darauf konzentrieren werden, große Anschläge mit vielen Toten zu verüben. Diese Art der Attacken werde seit Anfang der 80er-Jahre von Terroristen eingesetzt.

„Westeuropa wurde 2016 ein aktiverer Schauplatz für Selbstmordbombenanschläge“, schreibt das INSS. „Zeichen dieses Trends zeigten sich schon Ende 2015 mit einer Serie von Bombenanschlägen in Paris im November.“ Dies sei die erste Umsetzung der IS-Drohung gewesen, im Herzen Europas zuzuschlagen.

Die zahlreichsten Angriffe wurden wie in den Vorjahren im Nahen Osten verübt: Die mit Abstand meisten gab es mit 146 im Irak und mit 55 in Syrien. 52 wurden zudem in Afghanistan gezählt. Allein dort starben dabei 500 Menschen.

Die Terroristen, die nach dem IS am häufigsten Anschläge verübt haben, waren Anhänger der nigerianischen Terrorgruppe Boko Haram. Im Jahr 2016 begingen sie 53 Attacken. 39 Attentate wurden von den Taliban verübt, die ein Islamisches Emirat Afghanistan errichten wollen.

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

Einen starken Anstieg von Attacken hat es 2016 in der Türkei gegeben: Das INSS zählte 21 Selbstmordbombenanschläge, 2015 waren es demnach noch 5 gewesen. Gründe dafür seien das Engagement der Türkei im Syrienkonflikt und der interne Streit mit der kurdischen Minderheit im Land.

Die Zahl der Toten durch Anschläge weltweit ist laut INSS allein schon im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen: 2015 seien 4330 Menschen bei 452 Anschlägen getötet worden – es habe 8800 Verletzte gegeben. 2016 habe die Zahl der Verletzten bei 9480 gelegen.

Die ganz überwiegende Mehrheit der Attentate wurde von Männern begangen. Allerdings gab es auch 44 Selbstmordbombenanschläge von 77 Frauen, bei denen allein 400 Menschen starben. Die meisten davon fanden in Nigeria statt.

Von

dpa

Kommentare (1)

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06.01.2017, 16:16 Uhr

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