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06.10.2015

00:00 Uhr

Internationaler Konflikt

Schlachtfeld Syrien

VonMartin Gehlen

Die russischen Luftangriffe haben die Lage in Syrien noch brisanter gemacht. Nun drohen sogar militärische Konfrontationen der internationalen Rivalen. Wer sind die Protagonisten, was sind ihre Interessen und ihre Ziele?

In Syrien drohen militärische Konflikte unbekannter Größenordnung. dpa

Syrien

In Syrien drohen militärische Konflikte unbekannter Größenordnung.

KairoDie russischen Luftangriffe haben die Lage in Syrien noch verworrener und brisanter gemacht. Jetzt drohen sogar direkte militärische Konfrontationen zwischen den regionalen und internationalen Rivalen, die seit mehr als vier Jahren in dem blutigen Bürgerkrieg mitmischen. Dagegen ist ein politischer Kompromiss, der die Tragödie mit bisher mehr als 250.000 Toten beenden könnte, nicht in Sicht. Der Kampf um Syrien geht in die nächste Runde. Wer sind die Protagonisten, was sind ihre Interessen und ihre Ziele?

Islamischer Staat

Der „Islamische Staat“ beherrscht mehr als die Hälfte des syrischen Territoriums, auch wenn dort nur ein Zehntel der Bevölkerung lebt. Nach der spektakulären Eroberung von Palmyra kämpfen sich seine Kommandos entlang der Überlandstraßen in Richtung Homs und Damaskus vor. In der syrischen Hauptstadt operieren IS-Brigaden bereits sechs Kilometer vom Stadtzentrum entfernt. Die Gotteskrieger sind an keinerlei Verhandlungen interessiert. Sie wollen den syrischen Staat komplett zum Einsturz bringen, ein panarabisches Kalifat errichten und die von Europäern im Ersten Weltkrieg gezogenen post-osmanischen Grenzen von der Landkarte tilgen. Der globale Zustrom ausländischer Extremisten ist nach wie vor ungebrochen. Letzte Schätzungen gehen von 30.000 Kämpfern aus, die aus mehr als hundert Ländern stammen.

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Türkei

Das Kriegsziel Ankaras war von Anfang an der Sturz von Bashar al-Assad. Jahrelang duldete die Türkei den Einstrom von Dschihadisten aus aller Welt in das Kampfgebiet. Auch nach dem Verlust der beiden kurdischen Grenzorte Kobane und Tal Abyad kontrolliert der „Islamische Staat“ immer noch hundert Kilometer Grenze zur Türkei, durch die seine Nachschubwege verlaufen. Neben Assad will Präsident Recep Tayyip Erdogan in Syrien vor allem die Autonomieabsichten der Kurden bekämpfen. Seine Luftwaffe trat zwar formal der westlich-arabischen Allianz gegen den „Islamischen Staat“ bei, attackiert aber fast nur Stellungen der PKK und YPG in Nordirak und Nordsyrien. Ankara schwächt damit ausgerechnet diejenigen Einheiten, die als einzige in der Region bei Kampfgeist, Disziplin und Strategie der Terrormiliz gewachsen sind.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht beendet ist

Einmischung von außen

Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudi-Arabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt. (Quelle: dpa)

Assads Unnachgiebigkeit

Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als „Terroristen“, auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

Zerstrittene Opposition

Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

Konfessionalismus

Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

Politik des Westens

Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.


Stärke der Extremisten

Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich kürzlich auf.

Für den Iran ist Syrien der wichtigste Verbündete im Nahen und Mittleren Osten. Während des ersten Golfkrieges von 1980 bis 1988 unterstützte Syrien als einziges arabisches Land die Islamische Republik gegen den Angreifer Saddam Hussein - eine Allianz, die bis heute ungebrochen ist. Iranische Kommandeure führen zusammen mit der libanesischen Hisbollah mittlerweile fast überall das Kommando, zum wachsenden Verdruss des syrischen Offizierskorps. Jetzt wurden erstmals auch reguläre persische Bodentruppen nach Syrien verlegt. Sie sollen die alawitischen Kerngebiete gegen die herandrängende Eroberungsarmee („Jaish al-Fatah“) verteidigen, hinter der Saudi-Arabien, Qatar und die Türkei stehen. Ein Sturz Assads wäre ein empfindlicher Rückschlag für die Islamische Republik und ihr Streben nach Hegemonie in der Region.

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