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17.11.2015

13:23 Uhr

Internationaler Terrorismus

Die Opferzahlen steigen

Die Attentate von Paris erschüttern. Doch die Hochburgen des globalen Terrors sind in Ländern wie Irak, Nigeria und Afghanistan. 32.000 Terroropfer gab es im vergangen Jahr weltweit – ein Plus von 80 Prozent.

Die Zahl der weltweiten Terroropfer steigt. Doch Hauptopfer ist nicht der Westen. dpa

Terrorismus

Die Zahl der weltweiten Terroropfer steigt. Doch Hauptopfer ist nicht der Westen.

LondonDie Zahl der Terroropfer in der Welt ist 2014 sprunghaft angestiegen. Nach Angaben des in London ansässigen Instituts für Wirtschaft und Frieden kamen im vergangen Jahr über 32.650 Menschen durch Terroranschläge ums Leben. Das seien rund 80 Prozent mehr als im Jahr zuvor - der stärkste Anstieg an Terroropfern, der jemals gemessen wurde.

Auch die wirtschaftlichen Kosten des globalen Terrorismus klettern nach Recherchen des Instituts rasant an: Im vergangenen Jahr hätten sie 53 Milliarden Dollar erreicht – die Kosten lägen damit zehnmal höher als im Jahr 2000.

Am weitaus meisten vom Terror betroffen seien nicht die westlichen Staaten, sondern Länder die Afghanistan, Irak, Nigeria sowie Pakistan und Syrien, heißt es im sogenannten Globalen Terrorismus-Index, den die Organisation am Dienstag in London veröffentlicht. Am schlimmsten sei die Lage im Irak, allein dort starben im vergangenen Jahr fast 10.000 Terroropfer.

Die Namen hinter dem Horror von Paris

Identifizierung der Attentäter

Seit den Anschlägen von Paris arbeiten die französischen und belgischen Sicherheitsbehörden an der Identifizierung der getöteten Attentäter und möglicher Unterstützer. Ein Überblick über die bisher Identifizierten. (Quelle: Reuters)

Getötet: Abdelhamid Abaaoud

Mutmaßlicher Drahtzieher der Anschläge von Paris. Der Belgier aus dem Brüsseler Stadtteil Molenbeek wurde eigentlich in Syrien vermutet. Am Donnerstag teilte die Staatsanwaltschaft mit, er sei bei der Razzia und anschließenden Schießerei am Mittwoch im Pariser Stadtteil Saint-Denis ums Leben gekommen. Offenbar wurde er erschossen.

Getötet: Ismail Omar Mostefai

Der Franzose mit algerischen Wurzeln war am Angriff auf die Konzerthalle Bataclan mit 89 Toten beteiligt. Mostefai lebte zeitweise in der Region von Chartres, südwestlich von Paris. Geboren wurde er in Courcouronnes im Süden der französischen Hauptstadt. Sein Name wurde von den Sicherheitsbehörden bereits 2010 auf eine Liste möglicher radikaler Islamisten gesetzt. Die türkische Regierung hat nach eigenen Angaben Frankreich im Dezember 2014 und im Juni 2015 wegen Mostefai kontaktiert, aber erst nach den Anschlägen eine offizielle Anfrage aus Frankreich erhalten.

Getötet: Samy Amimour

Der Franzose war ebenfalls am Angriff auf das Bataclan beteiligt. Er lebte in Drancy in der Nähe des nördlichen Pariser Stadtteils Saint-Denis, wo es am Mittwoch zu einer Schießerei mit einer mutmaßlichen zweiten Islamisten-Zelle kam. Amimour wurde seit Ende 2013 international gesucht. Seit Oktober 2012 wurde er von den Behörden beobachtet, weil der Verdacht bestand, er könnte sich in den Jemen absetzen.

Getötet: Fouad Mohamed Aggad

Er ist einer der drei Männer, die das Blutbad in der Konzerthalle Bataclan anrichteten. Der 23-Jährige kam aus dem französischen Straßburg und hatte vor den Anschlägen in Syrien gekämpft. Gemeinsam mit Amimour und Mostefaï hatte Aggad 89 Menschen in der Konzerthalle getötet. Als die Polizei das Gebäude stürmte, sprengte er sich in die Luft.

Getötet: Brahim Abdeslam

Der Franzose lebte in Belgien. Er sprengte sich vor dem Café Comptoir Voltaire in die Luft. Bruder des noch immer gesuchten Verdächtigen Salah Abdeslam.

Getötet: Bilal Hafdi

Einer der drei Angreifer auf das Pariser Fußballstadion Stade de France. 20 Jahre jung.

Unklar: Ahmad Al Mohammad

Bei einem weiteren Selbstmordattentäter beim Stade de France wurde ein Pass auf den Namen Ahmad Al Mohammad, 25 Jahre alt, aus dem syrischen Idlib gefunden. Die Fingerabdrücke des Mannes passen zusammen mit denen eines Flüchtlings, der unter dem Namen im Pass im Oktober 2015 in Griechenland registriert worden war. Über den dritten Selbstmordattentäter am Stade de France ist bisher nichts bekannt.

Gesucht: Salah Abdeslam

Der in Brüssel geborene Franzose wird verdächtigt, einen schwarzen VW Polo gemietet zu haben, der bei den Attacken in Paris eingesetzt wurde. Der Anwalt Xavier Carette sagte dem belgischen Sender RTBF, er sei am Sonntagmorgen von Paris nach Brüssel zurückgekehrt, nachdem er von der französischen Polizei auf dem Weg drei Mal gestoppt worden sei. Abdeslam wird auch Wochen nach dem Anschlag in Mitteleuropa vermutet.

Hauptakteure des Terrors seien die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) sowie und die in Westafrika operierende Boko Haram. Diese beiden Gruppierungen seien für gut die Hälfte aller Terroropfer verantwortlich.

Die Ursachen des Terrorismus seien sehr verschieden, meint Steve Killelea, Chef der Organisation. „Im Westen korrelieren sozioökonomische Faktoren wie etwa Jugendarbeitslosigkeit und Drogenkriminalität mit Terrorismus. In Nicht-OECD-Ländern gibt es eine stärkere Beziehung zwischen Terrorismus und andauernden Konflikten, Korruption und Gewalt.“

Die Schauplätze des Terrors in Paris im November 2015

Das Bataclan

Der Musikclub am Boulevard Voltaire gehört zu den bekanntesten Konzerthallen der Stadt. Ein Sichtschutz versperrt am Sonntag den Blick auf den Eingang des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert. Auf der Anzeigetafel wird noch für das Konzert der US-Rockband „Eagles of Death Metal“ geworben, bei dem mindestens 80 Menschen getötet wurden. Journalisten aus aller Welt stehen aufgereiht an den Absperrgittern, ein Meer aus Teelichtern, Blumen und kleinen Zetteln erinnert an die Opfer. Auf dem Pflasterstein liegt auch ein Notenblatt von John Lennons „Imagine“, umrahmt von herzförmig gelegten Kerzen. „Hier wird nichts mehr so sein, wie es war“, sagt Hermano, ein italienischer Tänzer. Er kenne das „Bataclan“ von seinen Abenden, er hat Tränen in den Augen.

Rue Alibert

Eine kleine Kreuzung im 11. Arrondissement, fünf Straßen kommen hier zusammen, graue fünfstöckige Häuser ohne größeren Charme. Vor zwei kleinen Bars, zwei Schauplätzen des Terrors, dieselbe Szenerie: Blumen, Kerzen, Zettel. Der metallene Rollladen des beliebten Le Petit Cambodge ist verschlossen, gleich gegenüber stecken Rosen in den Einschusslöchern des Cafés Le Carillon, einer weiteren stark frequentierte Bar. Die Speisekarte hängt noch an der Türe. Es drückt eine schwere Stille auf den Platz, auf dem am Sonntagmittag Dutzende Menschen zusammengekommen sind. „Das Leben wird weitergehen, aber es wird nicht wiederzuerkennen sein“, sagt Alain (48), der in der Straße wohnt.

Rue de la Fontaine-au-Roi

Nur wenige Schritte sind es von der Rue Alibert zur nächsten Kreuzung, an der der Terror seine Spuren hinterlassen hat. Auch vor dem Café Bonne Bière und dem gegenüberliegenden Restaurant Bar Cosa in der Nähe des beliebten Kanal Saint-Martin haben sich Trauernde und Neugierige versammelt, sie lesen die Zettel, die Mut machen sollen. „Trotzdem keine Angst“, heißt es da und „Wir gehen nicht unter“. Im Bonne Bière stehen noch Gläser auf den Tischen, vor der Bar Cosa verdeckt feiner Sand die teils noch immer deutlichen Blutspuren. Der Blumenhändler an der Kreuzung verpackt hektisch einzelne Rosen. „Natürlich ist mehr los als sonst“, sagt er.

Stade de France

Der Bereich, in denen zwei Bomben gezündet wurden, ist weiter abgesperrt. Polizisten bewachen die etwa 150 Meter der Avenue Jules Rimet entlang der Eingänge C bis G. Vor der Brasserie gegenüber von Tor D liegen noch zusammengekehrte Trümmer. Berichten zufolge wollte mindestens einer der insgesamt drei Attentäter seine Bombe eigentlich im Stadion zünden. Aber auch so wirkt die Nähe zum Stade de France, das am Freitag mit fast 80 000 Menschen gefüllt war, zwei Tage später noch beklemmend. Nur ein paar Meter sind es zum Finalort der EM 2016. Dort, wo am Freitagabend Fans teilweise Schutz auf dem Rasen suchten, herrscht am Sonntag Leere.

„Zehn der elf am meisten vom Terrorismus betroffenen Länder haben auch die höchsten Raten an Flüchtlingen und Vertriebenen“, meinte Killelea. Im Westen seien es die „lone wolf attackers“ - Extremisten, die auf eigene Faust zuschlagen - , die für die meisten Toten verantwortlich seien.

Das Institut für Wirtschaft und Frieden bezeichnet sich selbst als eine der weltweit führenden Denkfabriken, die über Frieden und die ökonomischen Vorteile des Friedens nachdenken.

Von

dpa

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