Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.08.2013

13:19 Uhr

Interview

„Ärzte werden gezielt angegriffen“

VonDésirée Linde

Die Lage in Syrien spitzt sich zu: Selbst Krankenhäuser werden angegriffen – von beiden Konfliktparteien, sagt Frank Dörner, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen. Die Organisation hat Hinweise auf einen Giftgaseinsatz.

Flüchtlingsströme: Zu Tausenden kommen die Syrer in den Flüchtlingscamps, wie hier im irakischen  Irbil, 350 Kilometer nördlich von Baghdad, an. ap

Flüchtlingsströme: Zu Tausenden kommen die Syrer in den Flüchtlingscamps, wie hier im irakischen Irbil, 350 Kilometer nördlich von Baghdad, an.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) betreibt in Syrien sowie den Nachbarländern, in die die Bevölkerung flieht, Krankenhäuser und mobile Gesundheitsstationen. Vor Ort versorgen 700 nationale und internationale Ärzte die Kriegsverletzten und Kranken. Die Situation wird für Flüchtlinge sowie unabhängige Helfer immer gefährlicher.

Sie haben Kontakt zu den Krankenhäusern in der Nähe von Damaskus, in denen die vermuteten Giftgasopfer behandelt wurden. Handelt es sich nach Ihren Erkenntnissen um einen Giftgasangriff?
Frank Dörner: Wir haben in der Region keine eigenen Mitarbeiter, aber sehr zuverlässige Berichte aus drei Krankenhäusern in der Nähe von Damaskus erhalten. Die Krankenhausmitarbeiter vor Ort berichteten uns von 3600 Patienten, die neurotoxische Symptome, also Symptome einer Vergiftung durch ein Nervengift, aufwiesen. 355 der Patienten sind gestorben. Wir können allerdings nichts dazu sagen, um welches Toxin es sich gehandelt und wer es eingesetzt haben könnte.

Ärzte ohne Grenzen arbeitet zwischen den Konfliktparteien. Wie gefährlich ist die Situation?
Die Situation ist extrem besorgniserregend. Medizinische Einrichtungen wie Krankenhäuser und Ambulanzen sowie medizinisches Personal werden landesweit immer wieder Ziel von Angriffen. Ärzte und anderes medizinisches Personal wird ebenfalls bedroht. Das ist inakzeptabel.

Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg

23. Juli 2012

Die syrische Regierung bestätigt erstmals, über Chemiewaffen zu verfügen. Sie werde diese nur im Falle einer Militärintervention aus dem Ausland einsetzen, niemals aber gegen Syrer.

20. August 2012

US-Präsident Barack Obama warnt, der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien – oder auch schon Vorbereitungen dafür – bedeuteten das Überschreiten einer „roten Linie“.

3. Dezember 2012

Die NATO und die Vereinigten Staaten drohen mit „einer unmittelbaren internationalen Antwort“, sollten diese Waffen eingesetzt werden. Ein US-Regierungsvertreter spricht von Erkenntnissen, dass die syrische Regierung alle Komponenten bereithält, um das hochtoxische Nervengas Sarin militärisch einzusetzen. Damaskus erklärt: „Sollten wir über solche Waffen verfügen, werden wir diese nicht gegen unser Volk einsetzen.“

19. März 2013

Regierung und Rebellen in Syrien beschuldigen sich gegenseitig, Chemiewaffen genutzt zu haben.

April/Mai 2013

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verkündet am 8. April, Inspekteure stünden bereit, um überall in Syrien den Einsatz geächteter Waffen zu untersuchen. Damaskus will die Inspektion geografisch begrenzen. Am 29. Mai informiert Großbritannien die UNO über neue Verdachtsfälle von Chemiewaffeneinsatz.

Juni 2013

„Das Laborergebnis ist eindeutig: Sarin-Gas wurde gefunden“, berichtet der französische Außenminister Laurent Fabius am 4. Juni, nachdem Proben untersucht wurden, die Zeitungsreporter von „Le Monde“ und eine weitere Quelle aus Syrien mitgebracht hatten. Das Weiße Haus beschuldigt die syrische Regierung neun Tage später, Chemiewaffen, darunter Sarin, eingesetzt zu haben, "eine rote Linie" sei damit überschritten. Moskau findet die Beschuldigungen „wenig überzeugend“ und Damaskus nennt sie „Lügen“.

30. Juni 2013

Die israelische Luftwaffe bombardiert laut Angaben aus US-Regierungskreisen eine Stellung mit Boden-Luft-Raketen und eine militärische Anlage nahe Damaskus. Hintergrund sei die israelische Befürchtung, hochentwickelte Waffen sollten an die libanesische Hisbollah geliefert werden, die auf Seiten der Regierung in Syrien kämpft. Die „New York Times“ berichtet, bei dem Angriff sei das wichtigste Forschungszentrum für biologische und chemische Waffen getroffen worden.

Juli 2013

Der russische UNO-Botschafter berichtet am 9. Juli über Beweise, dass die oppositionellen Rebellen das Nervengas Sarin eingesetzt hätten. Washington kommentiert, „noch keinen Beweis zu kennen, der diese Behauptung stützt“. Die Vereinten Nationen wurden am 23. Juli nach eigenen Angaben über 13 mutmaßliche Angriffe mit Chemiewaffen unterrichtet. UN-Chefinspektor Ake Sellström und die UN-Abrüstungsbeauftragte Angela Kane erzielen in Damaskus eine Einigung über das weitere Vorgehen: Die Inspektoren sollen sich demnach auf drei Orte konzentrieren, an denen gemäß früheren Anschuldigungen Chemiewaffen eingesetzt worden seien.

August 2013

Die UNO informiert, dass „die syrische Regierung die grundlegenden Modalitäten akzeptiert“ habe, um die Sicherheit und Effizienz der Inspektion zu gewährleisten. Am 19. August beginnen die am Vorabend in Damaskus eingetroffenen UNO-Experten unter größter Geheimhaltung ihre Suche nach Beweisen für den erfolgten Einsatz von chemischen Waffen. Am 21. August werden nach Oppositionsangaben in von Rebellen beherrschten Ortschaften bei Damaskus bis zu 1300 Zivilisten durch Gaseinsätze getötet. Westliche Regierungen fordern, die UNO-Inspektoren im Lande sollten sofort diesen Fall untersuchen.

Kommen die gezielten Angriffe auf medizinische Einrichtungen von Assads Regierungstruppen oder bewaffneten Oppositionsgruppen?
Wir haben sehr viele belastbare Berichte und müssen sagen: von allen Konfliktparteien.

In Damaskus sind Sie nicht präsent. Warum nicht?
Wir sind schon seit dem Beginn des Konflikts in Gesprächen mit der Regierung, haben es leider aber bis heute nicht geschafft, einen Modus Operandi für Damaskus und die weiteren von den Regierungstruppen kontrollierten Gebiete zu erreichen. Wir machen deutlich, dass wir kein politisches Interesse haben, keine Position im Konflikt einnehmen. Wenn unsere Arbeit, die darauf zielt, den Menschen ein Mindestmaß an medizinischer Versorgung zukommen zu lassen, aber nicht akzeptiert wird, ist unsere Arbeit unmöglich.

Kommentare (6)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Uran-fuer-Syrien

26.08.2013, 20:47 Uhr

Die Ärzte forden die Ächtung der von den USA verwendeten Uran Waffen. Wo die Amis sind, wird das Land auf ewige Zeiten verstrahlt.

Liebens HB, sie wissen darum. Warum verschweigen sie es denn?

JimBeam

26.08.2013, 20:50 Uhr

http://www.infowars.com/hack-reveals-washington-approved-plan-to-stage-chemical-weapons-attack-in-syria/

january 2013!!!

Normalo

26.08.2013, 21:02 Uhr

Wie kann man Ärzte ohne Grenzen als Beweis dafür nehmen das ein Giftgasangriff in Damaskus statt gefunden hat obwohl sie selber in Damaskus garnicht präsent sind.
Ist ja selber nur hören, sagen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×