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20.01.2009

14:28 Uhr

Interview mit Timothy Garton Ash

„Inkarnation des amerikanischen Traums“

VonTino Andresen

ExklusivBarack Obama wird in sein Amt als 44. US-Präsident eingeführt. Die Erwartungen an ihn sind riesig. Der britische Historiker Timothy Garton Ash, der in Oxford und an der US-Elite-Universität Stanford lehrt, erklärt im Interview mit Handelsblatt.com, warum Enttäuschungen unvermeidbar sind, welche Parallelen es zu Abraham Lincoln gibt und warum Obama schon heute mit seiner Wiederwahl rechnen kann.

Plakat von Barack Obama. Der britische Historiker Timothy Garton Ash bewertet seinen Amtsantritt. Foto: ap ap

Plakat von Barack Obama. Der britische Historiker Timothy Garton Ash bewertet seinen Amtsantritt. Foto: ap

Handelsblatt: Herr Garton Ash, für viele Menschen ist Barack Obama eine Mischung aus Micky Maus, Superman und Jesus. Kann er als 44. Präsident der Vereinigten Staaten die enormen Hoffnungen erfüllen, die in ihn gesetzt werden?

Timothy Garton Ash: Natürlich nicht. Im Vergleich zu seiner Wahl sind die Erwartungen inzwischen zwar etwas gedämpft, auch durch ihn selbst. Aber eine gewisse Enttäuschung ist unvermeidbar. Barack Obama bittet um mehr Zeit als üblich. Er wird länger brauchen als bis zu den nächsten Kongresswahlen in zwei Jahren. Es ist aber fraglich, ob ihm die Wähler das zugestehen werden. Bei den Erwartungen ist zudem zu unterscheiden zwischen denen der Amerikaner und denen der übrigen Welt. Die Amerikaner wollen eine Erneuerung des amerikanischen Sonderwegs, der Führungsrolle der Vereinigten Staaten. Die übrige Welt sehnt sich nach einem Retter, der bescheiden ist und eine Brücke zur multipolaren Welt baut.

Mit Obamas Amtsantritt enden 20 Jahre Präsidentschaft der Clans Bush und Clinton. Was bedeutet diese Zäsur?

Sie bricht das verkrustete Sozialsystem auf. Eine amerikanische Besonderheit ist, dass man an die große soziale Mobilität glaubt, obwohl diese in vielen europäischen Ländern ausgeprägter ist. Jeder Taxifahrer ist überzeugt, er könne Präsident werden, und wird durch Obamas Erfolg darin bestärkt. Dessen fabelhafte Geschichte ist für das Land eine Quelle ungeheurer Dynamik. Barack Obama ist die Inkarnation des amerikanischen Traums.

Obamas Vorbild ist der 16. US-Präsident Abraham Lincoln. Welche Parallelen gibt es zwischen den beiden Männern?

Beide verkörpern den Präsidenten als Dichter und Denker, als Wortführer. Obama ist jemand, der schwarz und weiß vereint, blau und rot und alle Farben die dazwischen liegen. Er kann die tiefe Spaltung zwischen blau, das für die Linksliberalen steht, und rot überwinden, das für die Konservativ-Religiösen steht. Sie ist uralt und hat schon zum amerikanischen Bürgerkrieg geführt. Da bin ich optimistisch nach allem, was ich bei meiner US-Reise im Herbst gesehen habe. Der Mann ist liberal und religiös zugleich. Alles deutet darauf hin, dass er das Freund-Feind-Politikverständnis beenden wird.

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