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26.01.2005

07:00 Uhr

Interview mit Wladyslaw Bartoszewski

„Im Zweifel für Amerika“

Der Auschwitz-Überlebende und ehemalige polnische Außenminister Wladyslaw Bartoszewski sprach mit dem Handelsblatt über seinen Kampf gegen das Vergessen, die Macht der Erinnerung und die Zukunft Europas:

Wladyslaw Bartoszewski. Foto: dpa dpa

Wladyslaw Bartoszewski. Foto: dpa

Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurde am 27. Januar 1945 befreit. Ihre persönlichen Erinnerungen an Auschwitz verbinden sich aber mit einem anderen Datum.

Ja, ich persönlich wurde als junger Mann am 19. September 1940 in Warschau verhaftet, und am 22. September war ich schon auf dem Appellplatz in Auschwitz. Ohne Vernehmung und ohne Gefängnis, ohne Anklage, ohne Beweis. Wir waren zur Eliminierung verurteilt.

Was genau erlebten Sie?

Ich wurde in meinem Leben zum ersten Mal mit Willkür und Grausamkeit konfrontiert. Ich war bis 1939 in einer Bankbeamtenfamilie erzogen worden, wo es keine Gewalt gab und wo ich so etwas nie gesehen hatte. Es hat mich deshalb erschüttert, als hier rund 5 000 Männer am Appellplatz standen und die SS-Leute exemplarisch – um uns Angst einzujagen – ausgewählte Personen misshandelten. Im konkreten Fall erinnere ich mich an eine Misshandlung – ich glaube bis zum Tode – eines Lehrers. Er wurde geschlagen, am Boden liegend mit Füßen getreten bis er sich nicht mehr bewegte – und 5 000 Leute standen da in Hab-Acht-Stellung, die Maschinengewehre uns gegenüber auf den Wachtürmen, und niemand von uns hat „Nein“ geschrien, niemand von uns hat etwas unternommen. Das war für mich als junger Mensch eine derartige Erniedrigung, dass ich mir gesagt habe: Ich werde nie mehr im Leben passiv bleiben, das ist nicht zu ertragen.

Schließlich kamen Sie überraschend frei ...

Ich habe im Lager sieben Monate überlebt, Herbst, Winter und Frühling 1940/41, und ich habe es vor allem dem Polnischen Roten Kreuz zu verdanken, bei dem ich zuvor angestellt war, dass ich freigekommen bin. Ich profitierte von einer kurzen Phase einer Änderung der NS-Propaganda, in deren Zuge einige Leute freigelassen wurden.

War das Schicksal, Fügung oder Glück ...

Man kann sagen, das war Gottes Fügung. Ich, der Häftling mit der Nummer 4427, wurde damals entlassen, und ich habe so bald wie möglich den Leuten aus dem Widerstand über das berichtet, was ich gesehen hatte. Der Widerstand hatte seinerseits Verbindung mit der Londoner Exilregierung. Meine Berichte über Auschwitz gehörten zu den ersten, die damals nach London gingen. Mein Beichtvater hatte gesagt: Wenn der Herrgott dich erretten wollte, dann hat er das nicht umsonst getan. Du sollst helfen.

Zeugnis ablegen – das bestimmt Ihr Handeln bis heute ...

Ja, ich mache das bis heute. Ich übertreibe meine Erlebnisse in Auschwitz nicht, aber ich rede darüber, auch im Deutschen Bundestag, als ich polnischer Außenminister war. Aber das ist nicht mein Verdienst. Die Deutschen haben sich selbstkritisch und human verändert. Sie haben begriffen: Der Weg damals war schlecht, ein anderer Weg ist richtig.

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