Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

10.11.2011

17:23 Uhr

Interview Profumo

„Italien wird kein zweites Griechenland“

VonKatharina Kort

„Europas Problem heißt Italien“, sagt Alessandro Profumo. Das Land hat viel mehr Gewicht als Griechenland - und ein Glaubwürdigkeitsproblem. Daher müsse die nächste Regierung rasch handeln, drängt der Topbanker.

Alessandro Profumo: „Die Welt der Unternehmen ist extrem lebendig“ Reuters

Alessandro Profumo: „Die Welt der Unternehmen ist extrem lebendig“

Handelsblatt: Der Internationale Währungsfonds und die Europäische Union haben Italien unter Aufsicht gestellt, viermal im Jahr muss es seine Reformfortschritte prüfen lassen. Wie steht es um Italien?

Alessandro Profumo: Das Problem Italiens ist die politische Glaubwürdigkeit. Wir stehen finanziell und ökonomisch heute genauso da wie vor einem Jahr oder wie vor drei Jahren. Aber die interne Situation ist weniger stabil. Gemessen am Defizit, steht Italien gar nicht so schlecht da. Es stimmt zwar, dass das Land seit Jahren eine hohe Gesamtverschuldung hat – die Neuverschuldung dagegen ist relativ gering. Aber es fehlt an der Governance, an der Rechtssicherheit und der Strafverfolgung. Und dann gibt es noch das Problem der Korruption.

Wer hat denn recht: die Märkte mit ihren hohen Risikoaufschlägen für italienische Staatsanleihen? Oder Berlusconi, der jüngst erklärte, die Restaurants seien voll und die Ferienflieger ausgebucht, so dass man nicht von einer echten Krise sprechen könnte?

Die Märkte haben recht. Aber nicht aus ökonomisch-finanziellen Gründen, sondern wegen der Glaubwürdigkeit des Landes. Es ist natürlich wahr, das unsere Staatsverschuldung sehr hoch ist. Deshalb habe ich mich auch für die Einführung einer sehr hohen Vermögensteuer ausgesprochen. Italien muss seine Hausaufgaben machen, damit das Land kein europäisches Problem mehr darstellt. Ich bin überzeugt, dass das Problem Europas derzeit nicht Griechenland ist, sondern Italien.

Berlusconis Erbe: Der italienische Patient mit den sieben Leiden

Berlusconis Erbe

Der italienische Patient mit den sieben Leiden

Italien ist der kranke Mann Europas. Berlusconis Nachfolger wird es schwer haben. Die neue Regierung muss sofort einen Haufen ökonomischer Probleme angehen. Handelsblatt Online diagnostiziert die sieben Krankheiten.

Droht sich Italien zu einem weiteren Griechenland zu wandeln?

Ich denke nicht. Italien besitzt einen großen Reichtum: Es hat eine starke Industrie, große private Vermögen und alle Möglichkeiten, um dieses Land gut funktionieren zu lassen.

Wird es den Euro bald nicht mehr geben?

Vor einem Jahr hätten alle noch geantwortet, dass die Wahrscheinlichkeit bei null liegt. Aber wenn dies geschehen sollte, wäre es ein Desaster, vor allem für Deutschland. Deutschland hat seinen Außenhandelsüberschuss nicht zuletzt dem Euro zu verdanken. Eine Rückkehr zur D-Mark würde die Investoren anlocken und zu einer Super-Mark führen – das wäre das Ende des deutschen Exports. Wir müssen alles daransetzen, dass der Euro nicht auseinanderfällt.

Welche Euro-Regierungen ums Überleben kämpfen

Italien

Mario Montis Regierung aus 17 parteilosen Fachleuten soll nach dem Rücktritt Berlusconis im November 2011 verhindern, dass Italien noch tiefer in die Schuldenkrise abrutscht. Das Land trägt eine Schuldenlast von rund 1,9 Billionen Euro.
Italien hat mit einer Gesamtverschuldung von rund 120 Prozent der Wirtschaftsleistung nach Griechenland den höchsten Schuldenberg in der Eurozone. Monti versicherte, dass er die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen umsetzen wolle. Doch der Druck seitens der EU ist groß.
Rom hat erst vergangene Woche seine Wachstumsprognose gesenkt. Demnach wird die drittgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone in diesem Jahr mit 1,2 Prozent dreimal so stark schrumpfen wie bislang angenommen.

Griechenland

Griechenland wird seit zwei Jahren mit milliardenschweren Hilfspakten gerettet. Im Gegenzug für die Unterstützung durch Europa und den Internationalen Währungsfonds (IWF) muss Athen einen massiven Sparkurs fahren.
Die Regierung unter Leitung von Lucas Papademos sollte nach dem Rücktritt von Giorgos Papandreou im November 2011 das Vertrauen der Märkte zurückerobern. Sie sollte die maßgeblichen politischen Kräfte in Griechenland bündeln und die Vorgaben der Kreditgeber umsetzen. Funktioniert hat das nur in Maßen. Jetzt hat Papademos für den 6. Mai 2012 Neuwahlen angekündigt. Das Land müsse neue Stabilisierungs- und Reformmaßnahmen ergreifen, so der Präsident.
Griechenlands Finanzlage hat sich im vergangenen Jahr zwar etwas gebessert, zeigt aber weiter tiefrote Zahlen. Der Fehlbetrag im Staatshaushalt belief sich 2011 auf 9,1 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) - das war etwas weniger als die 10,3 Prozent in 2010.

Spanien

Der neue konservative Ministerpräsident Mariano Rajoy hat sein Volk nach den vorgezogenen Neuwahlen im November 2011 auf harte Zeiten eingestimmt. Das krisengeschüttelte Spanien ist im vergangenen Jahr auf den dritten Platz der größten Haushaltssünder im Euro-Raum aufgerückt, wie die Statistikbehörde Eurostat berichtete. Das Haushaltsdefizit sank zwar auf 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nach 9,3 Prozent im Vorjahr, war aber deutlich größer als angestrebt.
Schlimm sieht es für Spaniens Konjunktur aus, die Wirtschaft stürzte zu Jahresbeginn in die Rezession. Das Sparen wird für die Regierung deshalb noch schwerer. Dennoch will sie das Defizit in diesem Jahr auf 5,3 Prozent drücken. Spanien überholte sogar das Nachbarland Portugal, das Geld aus dem Euro-Krisenfonds erhält und strikt sparen muss.

Slowakei

Im Streit um die Beteiligung am Euro-Rettungsschirm EFSF hatte Ministerpräsidentin Iveta Radicova im Oktober ihren Rücktritt angekündigt. Im März 2012 gewann die Partei Smer-Sozialdemokratie mit Robert Fico klar die vorgezogene Parlamentswahl. Seit April ist Fico Ministerpräsident.

Portugal

Auch hier brachte die Schuldenkrise einen Regierungswechsel. Die sozialistische Regierung von José Sócrates wurde angesichts der schweren Wirtschaftskrise im Juni 2011 abgewählt. Aber auch die neue liberal-konservative Regierung unter Ministerpräsident Pedro Passos Coelho steht mächtig unter Druck.
Das Land ist weiterhin ein Sorgenkind der Eurozone.

Irland

In der schweren Wirtschaftskrise setzten die Iren auf eine neue Regierung. Bei der Parlamentswahl im Februar 2011 straften sie die wirtschaftsliberale Regierungspartei Fianna Fail von Premierminister Brian Cowen ab. Neuer Premierminister wurde Enda Kenny. In der neuen Regierung koaliert die konservative Fine Gael mit der linken Labour-Partei.
Die Regierung will das Staatsdefizit von zwölf Prozent der Wirtschaftsleistung bis 2015 auf unter drei Prozent senken. Dazu sollen unter anderem Staatsbeteiligungen im Wert von zwei Milliarden Euro verkauft werden und im öffentlichen Dienst 25.000 Stellen wegfallen. Irland wurde von der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einem 85 Milliarden Euro schweren Rettungspaket vor der Pleite bewahrt und muss im Gegenzug eisern sparen.

Niederlande

Die niederländische Regierung ist im April 2012 zurückgetreten. Am 12. September sollen vorgezogene Neuwahlen stattfinden. Die bisherige Regierung von Ministerpräsident Mark Rutte zerbrach an Verhandlungen über Sparmaßnahmen in Höhe von 14 Milliarden Euro. Die Partei des Rechtspopulisten Geert Wilders kündigte aufgrund der Verhandlungen den Regierungsvertrag auf. Ruttes Koaliton hat ohne Wilders' Partei keine Mehrheit im Parlament.

Mit dem Sparkurs wollen die Niederlande die Neuverschuldung auf das von der EU vorgeschriebene Niveau von drei Prozent drücken. Die Agentur Moody's behielt vorerst das AAA-Rating des Landes bei, warnt aber vor einer Herabstufung, wenn die Sparziele nicht weiter verfolgt werden.

Könnten Euro-Bonds eine Lösung sein?

Man kann keine Euro-Bonds begeben, solange Italien eine Verschuldung von 120 Prozent hat. Italien muss erst seine Hausaufgaben machen und die Staatsverschuldung senken. Außerdem sind mehr Einheit auf europäischer Ebene vonnöten, mehr Kontrollen der einzelnen Länder und eine einheitlichere Steuerpolitik.

Angela Merkel und Nicolas Sarkozy haben die Situation in Europa auf ihre Art in die Hand genommen. Haben sie das gut gemacht?

Sicher haben beide auch Probleme zu Hause, die ihr Verhalten beeinflusst haben. Wenn ich eine Kritik äußern darf, dann diese: Dass man das Problem Griechenland ein Jahr lang hat schleifen lassen, ist verheerend gewesen.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

sterbende_demokratie

10.11.2011, 17:47 Uhr

Zitat:
"„Italien wird kein zweites Griechenland“

Richtig, es ist schlimmer.
Nicht mal die EZB sollte 1,9 Billionen Teuros ohne galopierende Inflation an den "Märkten vorbei" drucken können.

Game over.......

Seltsame_Krise

10.11.2011, 18:01 Uhr

Ich verstehe das Ganze nicht mehr. Alle reden von Krise und wenn ich mir heute den Dax anschaue, dann steht der richtig gut dar und sein Index verweist nach oben.

Kann mir einmal jemannd erklären, warum das so ist?? Sind da nur noch Spekulanten unterwegs oder wer kauft jetzt noch Aktien??

Account gelöscht!

10.11.2011, 18:19 Uhr

Wenn ich mich recht erinnere, gehoert Italien zu den am hoechsten verschuldeten Laendern der Welt.

Die Schulden von Griechenland, Spanien und Portugal ZUSAMMEN sind dagegen lachhaft.

Nein, Italien wird NIE ein Griechenland - leider.

Aber jetzt muss man sich mal vorstellen, welchen Geist die Politiker hatten, welche Italien in den Euro aufnahmen. Und die laufen immer noch frei herum.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×