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19.02.2014

18:47 Uhr

Interview zur Lage in Kiew

„Man riecht die Gewalt“

VonJan Mallien

Kyryl Savin war am Montagabend auf dem Maidan. Er berichtet von brennenden Autoreifen, Tränengas und einer „tierischen Angst,“ die um sich greift. Beide Seiten würden aufrüsten. Ein Ende der Gewalt sei nicht absehbar.

Brennende Reifen auf dem Maidan in Kiew. dpa

Brennende Reifen auf dem Maidan in Kiew.

Das Büro von Kyryl Savin der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung liegt 500 Meter vom Maidan entfernt. Am Montagabend hat er dort demonstriert.

Herr Savin, wie haben Sie den Montag in Kiew erlebt?
Ich war im Büro etwa  500 Meter vom Unabhängigkeitsplatz entfernt. Außerhalb des Maidan ist das Leben fast normal. Aber es hängt diese Spannung in der Luft. Alle reden über die Proteste. Ich habe die ganze Zeit die Demonstrationen  per Stream verfolgt. Dann bin ich gegen 19 Uhr zum Maidan gegangen.

Kyryl Savin ist Büroleiter der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew. Kyryl Savin

Kyryl Savin ist Büroleiter der grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung in Kiew.

Wie war ihr Eindruck?
So was Schreckliches habe ich noch nie gesehen. Man riecht die Gewalt.

Können Sie das beschreiben?
Es brannte alles. Überall auf dem Maidan war schwarzer Rauch von brennenden Autoreifen. Das gibt so einen beißenden Gestank, der sich mit dem Geruch von Tränengas mischt. Man spürt diese tierische Angst.

Die wichtigsten Daten der Krise in der Ukraine – Teil 1

21. November 2013

Die Regierung von Präsident Viktor Janukowitsch kündigt an, ein nahezu unterschriftsreifes Partnerschaftsabkommen mit der Europäischen Union auf Eis zu legen. Stattdessen sucht die Staatsführung den Schulterschluss mit Russland.

30. November

Die Kiewer Polizei geht mit brutaler Gewalt gegen Demonstranten vor. 35 Menschen werden festgenommen. Die Bilder von blutüberströmten Menschen heizen die Wut auf die Regierung an. Am 1. Dezember gehen rund 300.000 Menschen auf die Straßen. Es ist die größte Demonstration seit der Orangenen Revolution 2004.

17. Dezember

Russlands Präsident Wladimir Putin kündigt den Kauf von ukrainischen Staatsanleihen in Höhe von 15 Milliarden Dollar an und bietet Kiew überdies einen Preisnachlass für russisches Gas. Sowohl Putin als auch Janukowitsch beteuern, dass keine Bedingungen an das Angebot geknüpft seien. Zuvor hatte Russland die Ukraine umworben, einer von Moskau geführten Zollunion beizutreten.

16. Januar 2014

Das Demonstrationsrecht wird verschärft.

22. Januar

Mindestens drei Demonstranten sterben bei Zusammenstößen mit der Polizei. Zwei von ihnen werden erschossen, einer stirbt nach einem Sturz.

25. Januar

Die Opposition lehnt eine von Janukowitsch angebotene Regierungsbeteiligung ab. Am Folgetag weiten sich die Proteste in den Regionen aus.

28. Januar 2014

Opposition und Regierung einigen sich auf die Abschaffung der umstrittenen repressiven Gesetze vom 16. Januar und auf eine Amnestie für Demonstranten. 361 von insgesamt 412 registrierten Abgeordneten stimmten dafür. Außerdem reicht Regierungschef Nikolai Asarow seinen Rücktritt ein. Laut Artikel 115 der ukrainischen Verfassung zieht die Demission des Ministerpräsidenten den Rücktritt der gesamten Regierung in Kiew nach sich.

2. Februar

Mehr als 60.000 Menschen protestieren in Kiew. Die Opposition fordert eine internationale Vermittlung in dem Konflikt sowie westliche Finanzhilfen.

3. Februar

Der Westen prüft wirtschaftliche Hilfen für die Ukraine, knüpft diese aber an Reformen.

4. Februar

Die ukrainische Opposition fordert von Janukowitsch ein „Ende der Diktatur“.

5.-6. Februar

Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton und die US-Europabeauftragte Victoria Nuland sind zu Vermittlungsbemühungen in Kiew.

7. Februar

Janukowitsch trifft sich am Rande der Olympischen Spiele in Sotschi mit seinem russischen Kollegen Wladimir Putin. Die Massenproteste in Kiew dauern an.

14. Februar

Die Staatsanwaltschaft gibt bekannt, dass alle 234 seit Dezember festgenommenen Demonstranten wieder frei sind.

16. Februar

Erneut versammeln sich Zehntausende zu Protesten auf dem Maidan. Die Opposition räumt nach wochenlanger Besetzung das Rathaus in Kiew und Verwaltungsgebäude in mehreren Provinzen.

17. Februar

Moskau kündigt an, noch in dieser Woche zwei Milliarden Dollar aus dem Hilfspaket an die Ukraine zu überweisen, nachdem es die Zahlungen nach Asarows Rücktritt eingestellt hatte.

18. Februar

Die Gewalt eskaliert erneut, es kommt zu tödlichen Zusammenstößen in Kiew. Die Regierung setzt den Demonstranten ein Ultimatum, bis zum frühen Abend ihre Proteste zu beenden. Die Oppositionellen besetzen erneut das Rathaus. Am Abend beginnen Sicherheitskräfte mit der gewaltsamen Räumung des Maidan.

19. Februar

Das Gesundheitsministerium in Kiew spricht von 25 Toten bei den jüngsten Zusammenstößen. Die EU erwägt Sanktionen gegen die Führung in Kiew.

Was haben Sie von der Gewalt mitbekommen? 
Ich stand dort mit Tausenden von Demonstranten. Am anderen Ende des Platzes prallten Demonstranten und Polizei aufeinander. Dort sind auch die Schüsse gefallen. 

War die Eskalation absehbar?
Keiner hat damit gerechnet. Als am Montag Demonstranten zum Parlament vorgedrungen sind, hat die  Polizei nicht nur das Parlament verteidigt, sondern selbst aktiv Demonstranten angegriffen. Dadurch ist die Situation eskaliert.

Also ist die Polizei Schuld an der Gewalt?
Es ist nicht so einseitig, dass die Polizisten Teufel und die Demonstranten Engel sind. Es gibt auch Gewalt von Seiten der Demonstranten. Eine Gruppe hat zum Beispiel die Zentrale der Janukowitsch-Partei gestürmt. Die haben Molotowcocktails geworfen und es hat einen Toten gegeben. Dennoch bin ich der Meinung:  Die Polizei hat mit ihrer Reaktion übertrieben.

Kommentare (3)

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Ich_kritisch

19.02.2014, 19:43 Uhr

Janukovic hat den Fehler gemacht den Platz nicht gleich im November zu räumen. Da hätte er sich ein Beispiel an Deutschlannd's "Stuttgart 21" zu nehmen. Da liefen gleich zu Beginn die Wasserwerfer und die Mengen an Polizisten auf.
Hätten die 3-4 Monate gewartet, dann wäre das hier ebenfalls so eskaliert. Nach ein paar Wochen geht das schon nicht mehr.

Der nächste Weltkrieg wird nicht mit Bomben von Staaten gegen andere Staaten ausgetragen - sondern mit Steinen und Gewehren von Bürgern gegen Staaten

Ägypten
Syrien
Türkei
Ukraine
??

Radek

19.02.2014, 20:05 Uhr

Das Szenario in Kiew und der Ukraine erinnert fatal an die Entwicklung in Syrien. Zuerst friedliche Proteste mit dem Ziel der Ablösung einer "autoritären" Regierung, schließlich Eskalation zu gewalttätigen Kämpfen, ausgelöst durch militante Gruppierungen, in Syrien größtenteils sunnitische Islamisten, in der Ukraine Nationalisten, Spaltung des Landes, besetzte Grenzübergänge u.s.w.

Kann es sich die EU leisten, an ihrer Südostflanke ein Bürgerkriegsscenario in Kauf zu nehmen, wohl kaum, vor allen deshalb keinesfalls,da die Ukraine Transitland für Öl- und Gasleitungen ist.

Die Krim gehört zu der Ukraine, hier ist die russische Schwarzmeerflotte stationiert, ähnlich wie in Syrien, wo ebenfalls ein russischer Seestützpunkt ist.

Die europäische Politik kann nur auf Deeskalation ausgerichtet sein, ob die US-Politik das genau so sieht, sei einmal dahingestellt.

Rumor

19.02.2014, 20:46 Uhr

Zu spät, die Sache wird ausgefochten, neben Polizei und Geheimdiensten hat jetzt auch die Armee "freie Hand".

Ob die Armee in Gänze damit einverstanden ist, darf bezweifelt werden, denn es kann angenommen werden, dass Offizieren und Mannschaften z.T. auch auf Seiten der Opposition stehen.

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