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14.01.2011

15:02 Uhr

Inventur des Grauens

Drogenkartelle stürzen Mexiko in die Anarchie

VonKlaus Ehringfeld

2010 geht als das blutigste und tödlichste in die jüngere Geschichte Mexikos ein. Die Regierung veröffentlicht erstmals Statistiken zum Drogenkrieg: In den vergangenen vier Jahren starben fast 35 000 Menschen. 2011 wird vermutlich noch tödlicher.

Ein Soldat bewacht sichergestelltes Marihuana. DAPD

Ein Soldat bewacht sichergestelltes Marihuana.

MEXIKO-STADT. Neues Jahr, altes Leid in Mexiko: Am Wochenende starben in der Touristenhochburg Acapulco 15 Männer, allem Anschein nach im Zusammenhang mit dem Drogenkrieg. Ihre enthaupteten Leichen wurden in der Nähe eines Einkaufszentrums abgelegt. 2011 beginnt so, wie 2010 endete - mit brutalen Morden der Mafias.

Das vergangene Jahr geht als das blutigste und tödlichste in die jüngere Geschichte des Landes ein. Und erstmals hat dies die Regierung von Präsident Felipe Calderón offiziell anerkannt. 15 273 Menschen seien 2010 im Kampf der Drogenkartelle untereinander oder gegen den Staat getötet worden, sagte Sicherheitsminister Alejandro Poiré am Mittwoch in Mexiko-Stadt. Dies entspricht 42 Toten pro Tag. Damit übertrifft die offizielle Zählung noch die Statistiken der unterschiedlichen Zeitungen Mexikos, die von rund 12 000 Opfern ausgingen.

Allerdings konzentriere sich das Morden nach Berechnungen der Regierung auf den Norden Mexikos. Demnach starb allein die Hälfte der Opfer in drei der 32 mexikanischen Bundesstaaten. Allein ein Drittel kam im Bundesstaat Chihuahua ums Leben, zu dem auch die Stadt Ciudad Juárez an der Grenze zu den USA gehört. Zwölf Prozent der Toten wurden in Sinaloa registriert, dem Sitz des gleichnamigen Kartells. Acht Prozent starben in Tamaulipas, dem Staat am Golf von Mexiko, wo sich das "Golf-Kartell" mit der "Zeta"-Bande besonders brutal um Märkte und Korridore für Drogen, Menschen und Waffen stritt.

Die Inventur des Grauens unterschlägt allerdings, dass zunehmend auch weit entfernt von der Grenze zu den USA liegende Staaten zum Hotspot im Drogenkampf werden. So zum Beispiel der Staat Guerrero, in dem auch das Seebad Acapulco liegt. Nach Einschätzung von Nichtregierungsorganisationen gibt es praktisch keinen Bundesstaat mehr, in dem die Kartelle nicht präsent sind. Allerdings bekämpfen sich die Mafias nicht überall untereinander, sondern dulden sich und die jeweiligen Reviere auch oft. So eine Insel der relativen Ruhe ist noch Mexiko-Stadt, wo es nur sehr vereinzelt zu Schießereien zwischen Klein-Dealern und zu Festnahmen von Drogenbossen kommt.

Wie brutal 2010 war, verdeutlichen Vergleichszahlen: Die rund 15 000 Toten sind mehr als doppelt so viel wie im Jahr zuvor und drei Mal mehr als noch 2008. Seit der konservative Staatschef Calderón sein Amt vor gut vier Jahren antrat, kamen demnach im Drogenkampf insgesamt fast 35 000 Menschen ums Leben.

In dieser Zeit haben die Sicherheitskräfte angeblich 19 der 37 gefährlichsten Drogenbosse getötet oder festgenommen. Rauschgift und Waffen im Gegenwert eines dreistelligen Millionenbetrags in US-Dollar wurden sichergestellt. Aber diese Schläge gegen die Mafias haben nicht zu weniger, sondern zu mehr Gewalt geführt. Das liegt daran, dass auf die Festnahmen der Mafia-Köpfe regelmäßig Kämpfe um die brachliegenden Reviere entbrennen.

2011 wird vermutlich noch tödlicher als die Jahre zuvor. Darauf hat Calderón sein Volk schon vor Monaten eingestimmt. Aber den Konflikt mit den Kartellen, den er angezettelt hat, kann er nicht gewinnen. Auf Besserung ist erst Mitte 2012 zu hoffen. Dann wird ein neuer Präsident gewählt. Er wird von der Kriegsstrategie gegen die Mafias abrücken müssen. Denn jeder Mensch in Mexiko, außer dem Präsidenten, weiß inzwischen, dass den Kartellen mit Soldaten und Polizisten allein nicht beizukommen ist.

Kommentare (3)

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sirene

15.01.2011, 00:47 Uhr

Wenn korrupter Polizei anfängt Geschäfte zu machen.

Peggy Eiserne

15.01.2011, 00:57 Uhr

Etwas ähnlich passiert auch in der Wirtschaft.

no.7

15.01.2011, 02:08 Uhr

Calderon ließ sich die unheimlich clevere Strategie des War on Drugs aufdrängen. Aber er wird ihn nicht gewinnen. Wer konsumiert denn die drogen ? in USA werden sie hauptsächlich nachgefragt. Calderon führt bürgerkrieg, weil andere Drogen konsumieren und dies um jeden Preis verleugnen wollen. Es soll verleugnet werden, daß Drogenkonsum ein teil der kultur des menschen war und ist. Der Mensch soll wie eine Maschine nur für die Ökonomie und den shareholder-Value leben. Alles andere ist nach dieser doktrin schädlich. Der Mensch soll nur arbeiten und sinnloses Zeugs (auf Pump)konsumieren-SUVs beispielsweise. Und die Anleger sahnen nebenbei ab und alles ist in butter. -Menschen, die sich dieses primitive Leben nicht aufdrängen lassen wollen, werden verfemt und bedrängt. Da erklären US-Revolverhelden-Präsidenten den krieg. So einfach gewinnst du den aber nicht, Yankee. Denn die anderen können den abzug ebenfalls durchziehen.

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