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19.11.2012

15:13 Uhr

Investitionsüberschuss

Zeitenwende: China kauft Europa auf

Zum ersten Mal hat die Volksrepublik mehr Geld in Europa investiert als der alte Kontinent in China anlegte. Das belegt Pekings Wirtschaftsstärke - und das Interesse der Chinesen am Wirtschaftsstandort Deutschland.

Bisher waren die Investitionen Europas in China immer höher als umgekehrt. AFP

Bisher waren die Investitionen Europas in China immer höher als umgekehrt.

PekingChinesische Unternehmen und der chinesische Staat haben im vergangenen Jahr mehr als elf Milliarden Euro in Ländern der Europäischen Union investiert - und damit erstmals mehr als Europäer in China. Diese steckten insgesamt nur rund sieben Milliarden Euro in Projekte in der Volksrepublik, wie eine am Montag veröffentlichte Studie der Unternehmensberatung PricewaterhouseCooper (PwC) ergab. Beliebtestes Ziel chinesischer Investitionen in Europa ist demnach Deutschland.

Der chinesische Staatsfonds CIC, ausgestattet mit mehr als 3,2 Billionen Dollar, wolle sein Geld möglichst breit gestreut anlegen und suche nach Zugang zu Ressourcen, heißt es in der PwC-Studie. CIC kaufte im vergangenen Jahr zum Beispiel einen Sieben-Prozent-Anteil am europäischen Satellitenbetreiber Eutelsat und einen Anteil von 8,68 Prozent am britischen Wasserversorger Thames Water.

Die staatlich kontrollierte Gruppe China Three Gorges erwarb mehr als 21 Prozent am portugiesischen Energieversorger EDP. Und eine CIC-Tochter kaufte einen Anteil am Betreiber des britischen Flughafens Heathrow.

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Chinesische Privatunternehmen seien am Erwerb von Schlüsseltechnologien interessiert, um sich so auch im Ausland wachsen zu können, analysierte PwC. Als Beispiel wird der Baumaschinenkonzern Sany genannt, der den Betonpumpenspezialisten Putzmeister kaufte. Tatsächlich suchen die Chinesen in Deutschland vor allem nach Firmen mit großen Marken, gerne auch im Mittelstand. So wechselte auch der Hersteller von Autoschlössern, Kiekert, in chinesischen Besitz.

Die Investitionen europäischer Unternehmen in China sind nach Zahlen des Handelsministeriums in Peking weiter rückläufig. In den ersten neun Monaten dieses Jahres sanken sie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um mehr als sechs Prozent auf 4,83 Milliarden Dollar. Größter Investor aus der EU in China war im vergangenen Jahr laut PwC-Studie Frankreich.

Diese deutschen Firmen gehören jetzt Chinesen

Putzmeister

Der Betonpumpen-Weltmarktführer Sany Heavy Industry übernimmt im Januar 2012 das schwäbische Unternehmen für gut 320 Millionen Euro.

Kiekert

Der Pekinger Automobilzulieferer Lingyun übernimmt 2012 den Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme aus Heiligenhaus (NRW).

Schwing

Die Xuzhou Construction Machinery Group (XCMG) wird im April 2012 Mehrheitseigener des westfälischen Betonpumpenherstellers. Der Verkaufspreis des Herner Unternehmens soll bei rund 300 Millionen Euro liegen.

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Solibro

Das insolvente Solarunternehmen Q-Cells vereinbart im Juni 2012 den Verkauf seiner Tochterfirma mit Sitz in Bitterfeld-Wolfen an die Pekinger Hanergy Holding Group.

Sunways

Der Konstanzer Photovoltaik-Konzern ging 2012 zum Schnäppchenpreis an den chinesischen Solarriesen LDK Solar. Doch 2013 und 2014 reichte Sunways jeweils einen Insolvenzantrag ein. Teile des Unternehmens wurden in der Folge an den chinesischen Solarkonzerns Shunfeng verkauft.

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern Thyssen-Krupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel (Wisco) ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Koki Technik Transmission Systems

Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems (Avicem) – eine Tochter der staatlichen Unternehmensgruppe Aviation Industry Corporation of China (Avic) – übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Hilite

Avic übernimmt 2014 für 473 Millionen Euro den deutschen Autozulieferer.

Krauss-Maffei

Im Januar 2016 verkauft Onex den Münchener Spezialmaschinenbauer Krauss-Maffei an ein Konsortium um die staatliche National Chemical Corporation (Chemchina). Der größte Chemiekonzern des Landes zahlt 925 Millionen Euro für den traditionsreichen Hersteller von Spritzgießmaschinen für die Kunststoff- und Gummi-Verarbeitung.

EEW

Die chinesische Holding Beijing Enterprises kauft im Februar 2016 den Abfallkonzern EEW Energy from Waste aus Helmstedt für 1,438 Milliarden Euro. Verkäufer ist der schwedische Investor EQT. EEW hat nach eigenen Angaben 1050 Mitarbeiter. Die 18 Anlagen der Gruppe können jährlich rund 4,7 Millionen Tonnen Abfall zu Energie machen und umweltschonend beseitigen. Die Fabriken erzeugen Prozessdampf für Industriebetriebe, Fernwärme für Wohngebiete und Strom für umgerechnet rund 700.000 Haushalte.

Manz

Die Shanghai Electric Group steigt im Frühjahr mit Anteilen von etwa 20 Prozent bei dem angeschlagenen Maschinenbauer ein.

Kuka

Das Augsburger Unternehmen Kuka baut nicht nur Roboter, sondern ist auch Systemanbieter rund um die digital vernetzte Industrie. Der chinesische Midea-Konzern hat Kuka ein Übernahmeangebot im Umfang von 4,5 Milliarden Euro gemacht und mit dessen Hilfe knapp 95 Prozent der Kuka-Anteile übernommen.

Von

afp

Kommentare (26)

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Monika

19.11.2012, 15:59 Uhr

Das dürfte auch längst nicht das Ende von Chinas Einkaufstour gewesen sein.

Neben Europa, investiert China schon seit längerem in Südamerika, Asien, Afrika und sogar Nordamerika. Die Expansionspolitik und der Hunger nach Ressourcen, Technologien und strategisch wichtigen Versorgern, kennt dabei keine Grenzen.

Ein Auseinanderbrechen der Europäischen Wirtschaftsunion und dem Niedergang des Euros dürfte Chinas Expansionsdrang erneuten Schub geben.

Unternehmen mit ausreichender Liquidität und einer hoher Eigenkapitalquote sind gut beraten, sich mit Augenmaß ebenfalls Schlüsselpositionen sowohl in Europa als auch auf anderen Kontinenten zu sichern.

Eins ist sicher, die Preise werden kaum sinken.

Ein Hoch auf den EURO!

Account gelöscht!

19.11.2012, 16:43 Uhr

Die Preise im Euroraum werden noch sinken, dass wissen auch die Chinesen, die noch wesentlich mehr investieren wollen.

Numismatiker

19.11.2012, 16:45 Uhr

Wenn Europäer und Amerikaner gegenüber Chinesen genauso restriktiv beim Firmenkauf wären wie Chinesen gegenüber Europäern/Amerikanern, dann sähe die Situation schnell anders aus.

Freier Handel/Kapitalverkehr funktioniert nur dann, wenn alle sich an dessen Spielregeln halten. Sobald einer (hier: China) die Freiheit nur in einer Richtung erlaubt, dann funktioniert das nicht.

Leider ist unsere Politik einfach zu doof für diese Erkenntnis.

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