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07.12.2014

14:36 Uhr

Irak

Die Geistersoldaten

VonMartin Gehlen

Knapp 25 Milliarden Dollar haben die USA in die irakische Armee gesteckt. Doch viele Soldaten existierten nur auf dem Papier. Die Niederlagen gegen die Terrormiliz IS zwingen die irakische Regierung nun zum Handeln.

Viele Soldaten im Irak existierten nur auf dem Papier. dpa

Viele Soldaten im Irak existierten nur auf dem Papier.

KairoDie Kommandeure setzten sich per Hubschrauber ab. Ihr Fußvolk rannte in Scharen davon. Vier komplette Divisionen nahmen in den Provinzen Niniveh und Saladin binnen Stunden vor angreifenden Gotteskriegern Reißaus. Zurück ließen sie Waffen und Ausrüstung für 50.000 Mann, Geschütze und gepanzerte Fahrzeuge, die dem „Islamischen Kalifat“ in die Hände fielen.

Der spektakuläre Zusammenbruch von einem Drittel der irakischen Armee, von den Vereinigten Staaten in den zurückliegenden zehn Jahren mit 25 Milliarden Dollar aufgebaut, kam nicht aus heiterem Himmel. Korruption, mangelnde Disziplin, schlechte Kampfmoral, inkompetente Führung und schlampige Wartung des Geräts trugen zu diesem Desaster bei.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Zusätzlich offenbarte jetzt ein erstes Gutachten, welches der neue Premierminister Haider al-Abadi dem Parlament in Bagdad vorlegte, dass mindestens 50.000 der 200.000 Rekruten lediglich auf dem Papier existierten. Weitere Untersuchungen würden folgen und definitiv noch „erheblich mehr“ Missstände zu Tage fördern, schimpfte der Regierungschef unter dem Applaus der Volksvertreter. Diese „Geister-Soldaten“ erhielten zwar Sold und standen auf den Mannschaftslisten, wurden jedoch in den Kasernen teilweise seit Jahren nicht mehr gesehen oder waren einfach erfundene Personen.

Das System funktionierte so einfach wie effizient. Junge Wehrwillige ließen sich von dem verhältnismäßig guten Monatsgehalt von 600 Dollar anlocken. Dann bestachen sie ihre Kommandeure mit monatlichen Zahlungen von 300 Dollar, um weiter einen Teilsold zu beziehen und gleichzeitig irgendwo anders zu arbeiten. So verdienten alle dabei, nur der Staat hatte das Nachsehen, dem durch diese Praktiken jährlich mindestens eine halbe Milliarde Dollar verloren gingen. „Wahrscheinlich liegt die Summe sogar drei Mal so hoch“, erklärte Salah Hamid al-Mutlaq, Mitglied des Verteidigungsausschusses. Für die Moral und Kampfbereitschaft der Kompanien hatten die „Aliens“, wie sie im Rekrutenjargon hießen, verheerende Auswirkungen.

Kommentare (1)

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Herr J� Jacob

08.12.2014, 11:01 Uhr

Wenn bitte überrascht das, das dort die Gelder versickern und das Land in Korruption versinkt bzw. sich ein paar die Taschen voll machen.
Weiterhin wird das die Afganistian nicht anders sein.

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