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20.05.2015

01:24 Uhr

Irak

IS erbeutet US-Waffen in Ramadi

Irakische Soldaten auf der Flucht lassen Panzer und Artillerie stehen: Auf diese Weise kommt die Terrormiliz IS an Waffen, die eigentlich gegen sie gerichtet werden sollten. Nun steht eine neue Schlacht um Ramadi bevor.

Ein Panzer der irakischen Armee am Rande von Falludscha: Bei ihren Rückzug aus Ramadi ließen die Soldaten viele schwere Waffen zurück. Reuters

Panzer im Irak

Ein Panzer der irakischen Armee am Rande von Falludscha: Bei ihren Rückzug aus Ramadi ließen die Soldaten viele schwere Waffen zurück.

Washington/BagdadDie Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hat bei der Einnahme Ramadis von den irakischen Truppen US-Panzer, Artillerie und andere Waffen erbeutet. Das bestätigte das US-Verteidigungsministerium am Dienstag.

Pentagonsprecher Steve Warren sagte, es handele sich um ein halbes Dutzend Panzer, ebenso viele Artillerie, einer größeren Zahl Schützenpanzer und rund 100 Fahrzeuge wie dem Geländewagen Humvee. Einige der Fahrzeuge seien einsatzbereit, andere nicht, weil sie seit Monaten nicht bewegt worden seien.

IS auf dem Vormarsch

Tausende fliehen aus Ramadi

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Die Flucht der irakischen Regierungstruppen aus Ramadi unter Zurücklassung schwerer Waffen folgt dem Muster vom vergangenen Jahr, als dem IS auf seinem Siegeszug durch Nordirak viele Waffen in die Hände fielen. Die USA sahen sich veranlasst, diese in Luftangriffen zu zerstören. Warren sagte, die fliehende Soldaten hätten am Sonntag die Waffen zerstören sollen, die sie zurücklassen. „Das ist in diesem Fall nicht geschehen.“

Warren, ein Oberst, äußerte sich auch zu den Chancen der Regierungstruppen, Ramadi zurück zu erobern: „Das wird schwierig.“

Vorbereitung auf Schlacht um Ramadi

Dennoch bereiten sich sowohl die Soldaten als auch IS-Kämpfer auf eine neue Schlacht um die strategisch wichtige Stadt vor. Während die Armee am Dienstag Panzer und Artillerie-Geschütze um den Ort in der Provinz Anbar in Stellung brachte, legten die Islamisten nach Angaben von Augenzeugen Minenfelder an und errichteten Verteidigungsanlagen.

Ein Vertreter der örtlichen Regierung rief die Bevölkerung auf, sich während der Kämpfe gegen den IS zu erheben. Aufseiten der Armee stehen auch Tausende schiitische Milizionäre bereit, die Stadt zurückzuerobern. Sie sprachen von einer bevorstehenden "Schlacht um Anbar".

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die große Mehrheit...

... nämlich etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und damit zwischen deren Schutzmächten Saudi-Arabien und dem Iran zu entwickeln. Die Auseinandersetzung lenkt das Augenmerk auf diese beide größten Glaubensrichtungen des Islam.

Eine Frage des Propheten...

... ist die Entstehung der beiden Glaubensrichtungen Sunniten und Schiiten. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden "Schiat Ali", Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.

Konfliktlinien...

... ergeben sich entsprechend. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.

Als Schutzmacht...

... der Sunniten sieht sich das Königreich Saudi-Arabien. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen und die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.

Im Jemen...

... ist der Islam ist Staatsreligion. Im Süden leben vor allem sunnitische Schafeiten, im Norden schiitische Zaiditen und eine ismailitische Minderheit. Viele Sunniten im Jemen befürchten, dass die Huthi-Rebellen die Revolution von 1962 rückgängig machen und das saiditische Imamat wiederaufbauen wollen, das das jemenitische Hochland 1000 Jahre lang beherrschte.

Die Huthis hatten sich ursprünglich zusammengefunden, um die Interessen der Zaiditen zu verteidigen. Ihre Anhänger fühlten sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bedroht, obwohl dieser selbst den Zaiditen angehört.

Auf die Wiederkehr...

... des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll, wartet die große Mehrheit der Schiiten. Sie werden daher Zwölfer-Schiiten genannt. Ajatollah Ruhollah Chomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.

Weitere Strömungen des Schiismus...

... sind die Ismailiten, die Drusen, die Alawiten. Die Ismailiten werden auch als Siebener-Schiiten bezeichnet. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon. Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt. Die meisten Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben in der Türkei, wo die Mehrheit der Muslime allerdings sunnitisch ist.

Konservative Strömungen...

... gibt es vor allem bei den Sunniten. Anhänger des Salafismus etwa streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.

In Deutschland...

... und vielen anderen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.

Islamistenorganisationen...

... sind häufig im sunnitischen Islam zu finden. Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.

Bekannter...

... ist die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation al-Qaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Ihr syrischer Ableger heißt Dschabhat al-Nusra (Nusra-Front). Im Jemen hat al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AKAP), die als aggressivster Arm der Organisation gilt, ihren Sitz. Die radikale Gruppe bekannte sich zuletzt zu dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und betrachtet alle Schiiten als ihre Feinde.

Die Miliz Islamischer Staat...

... ist besonders im Irak und Syrien aktiv und sorgt dort seit über einem Jahr für Terror. Sie wurde 2003 unter dem Namen al-Qaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkaui gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen al-Qaida die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Der IS gilt als derzeit radikalste Islamistengruppe.

Die bekannteste schiitische Extremisten-Organisation...

.. ist die libanesische Hisbollah. Sie wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah kämpfen in Syrien auf Seiten von Assads Truppen.

Der IS hatte am Sonntag Ramadi eingenommen und damit der irakischen Regierung und ihren US-geführten Verbündeten eine deutliche Niederlage zugefügt. Insbesondere in den USA ist der Einsatz der schiitischen Milizen gegen den sunnitischen IS umstritten, da sie vom Iran unterstützt werden.

Zudem wird befürchtet, dass aus dem Kampf gegen den IS ein offener Konflikt zwischen den beiden islamischen Glaubensrichtungen werden könnte. Allerdings ist die irakische Armee nicht stark genug, um allein gegen die Islamisten bestehen zu können.

Ein Sprecher der US-Regierung betonte am Dienstag, die schiitischen Kämpfer stünden unter dem Kommando der irakischen Regierung. Die USA unterstützten in dieser Konstellation ihren Einsatz. Nach dem Fall von Ramadi war aus amerikanischen Regierungskreisen verlautet, der Irak habe keine wirkliche Alternative dazu. "Man muss mit der Armee kämpfen, die man hat", sagte ein Insider. "Und das ist die Armee, die sie haben."

Kommentare (5)

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Herr Peter Noack

20.05.2015, 07:37 Uhr

Toller Deal!
Über den Umweg der irakischen Armee rüstet man die IS Terroristen aus. Werden jetzt amerikanische Waffen gegen Amerikaner gerichtet? Ist doch auch reichlich Munition in die Hände der IS gefallen, oder? Die irakische Armee hat zumindest nicht bis zur letzten Patrone gekämpft. Wer hat die denn ausgebildet? Waren das Taliban oder doch Huthi? Sollen jetzt Iraner helfen?

Herr Josef Schmidt

20.05.2015, 09:00 Uhr

Einfach nur peinlich nach der monatelangen Propaganda mit den übermächtigen US Luftangriffen.

Jetzt sieht man was die Folgen der US Aussenpolitik mit der Destabilisierung von Länder und Austauch von nicht US-NATO konformen Regierungen. In Europa Jugoslawien und jetzt die Ukraine und demnächst Mazedonien im Nahen Osten Syrien und Irak in Afrika Libyen usw. überall nur Zerstörung, Flüchtlingsströme, Hass und Leid. Und das alles nur weil das Imperium am Ende ist.

Herr Fred Meisenkaiser

20.05.2015, 09:58 Uhr

Das wird die USA mächtig stören. Am Anfang habe sie ja gerne Waffen an die IS verkauft. US-Politiker haben sich ja sogar mit der Zusammenarbeit mit der IS gebrüstet.

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