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13.06.2014

17:28 Uhr

Irak-Konflikt

Was kostet uns ein Flächenbrand im Irak?

Der Krieg im Irak ist eine menschliche Katastrophe. Er könnte auch zu einem wirtschaftlichen Problem für den Rest der Welt werden. In der wichtigsten Ölregion droht ein Flächenbrand. Das hätte schwere Folgen.

dpa

Die schweren Unruhen im Irak alarmieren die arabischen Nachbarländer. Die Türkei, der Iran und auch Saudi-Arabien haben ihre eigenen Interessen in dieser Situation. Die Türkei bangt um das Schicksal von 80 türkischen Geiseln, die von den Radikalislamisten festgehalten werden. Sie muss fürchten, dass das direkte Nachbarland zur Basis für islamische Terroristen wird.

Das schiitische Mullah Regime im Iran unterhält enge Verbindungen zur mehrheitlich schiitischen irakischen Regierung. Irans Präsident Hassan Ruhani hat dem Irak bereits die uneingeschränkte Solidarität im Kampf gegen die radikalislamische Terrorgruppe Isis zugesagt. Das saudische Königshaus wiederum gehört der sunnitischen Glaubensrichtung des Islams an.

Aufständische der radikal-sunnitischen Organisation Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) hatten in den vergangenen Tagen zunächst die nördliche Millionenstadt Mossul und dann die gesamte Provinz Ninive sowie weitere Städte und Regionen im Norden des Landes erobert. Sie rückten am Freitag weiter auf die Hauptstadt Bagdad vor. Im Irak treffen mit Sunniten, Schiiten und Kurden drei große Glaubensrichtungen aufeinander. Deshalb könnte ein Bürgerkrieg im Irak den gesamten Nahen Osten destabilisieren.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Dies hätte auch wirtschaftliche Konsequenzen. „Der Konflikt im Irak könnte die Angst vor einem Flächenbrand im Nahen Osten schüren. Dies würde den Ölpreis stark beeinflussen,“ sagt Sylvain Broyer, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis. Er geht davon aus, dass es ab einem kurzfristigen Ölpreisanstieg von 10 Euro pro Barrel stärkere Effekte für die Weltkonjunktur geben würde.

Und noch ist es nicht so weit. Im Juni ist der Ölpreis bislang um rund vier Dollar gestiegen. Der Preis für ein Barrel (159 Liter) der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juli erreichte am Freitag zeitweise mit 114,69 Dollar den höchsten Stand seit neun Monaten. Der Ölmarkt reagiert seit Tagen mit großer Nervosität auf die Kämpfe im Irak, einem Mitglied der Organisation erdölexportierender Länder (Opec).

Auch die Investoren an den Devisen- und Aktienmärkte zeigten sich besorgt. Die Unruhen im Irak trieben Anleger in als sicher geltende Währungen wie den US-Dollar. Auf den Aktienmärkten in Europa kam es zu Verlusten. Aus Sicht von Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer sind die westlichen Länder zwar wirtschaftlich kaum von der Tragödie im Irak und Syrien betroffen. Doch auch er warnt: „Wenn die Situation weiter eskaliert, würde der Ölpreis massiv steigen.“

Der Irak ist nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. Die irakische Ölförderung liegt bei rund 3,5 Millionen Fass Rohöl. Krämer erwartet: „Wenn die weltweit geförderte Menge um eine Millionen Fass sänke, würde sich der Ölpreis um fünf bis zehn Dollar verteuern.“

Noch hat es keine dramatischen Ausfälle in der irakischen Ölproduktion gegeben. Der Großteil der irakischen Ölexporte läuft über den sicheren Süden des Landes. Die entscheidende Frage ist deshalb: Wie lange bleibt der Süden von den Konflikten verschont? „Wenn sich die Lage weiter zuspitzt und die Ölproduktion im Süden des Landes Schaden nimmt, dürfte der Ölpreis deutlich anziehen,“ sagt Jörg Krämer. Der rasche Vormarsch der radikal-islamischen Milizen zeige, wie labil die Staaten in der Region seien. Die wirtschaftlichen Fortschritte im Norden und im Süden des Irak seien bedroht. Welche wirtschaftlichen Folgen der Irak-Konflikt hat, hängt davon ab, ob sich die Unruhen in andere Landesteile ausweiten und wie die Nachbarstaaten reagieren.

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

13.06.2014, 17:48 Uhr

Die menschliche Katastrophe geht uns ja seit Jahren am Arsch vorbei,aber wenn´s jetzt vielleicht ums eigene Portemonnaie geht,weil die Ölkonzerne den Zustand wieder benutzen um an der Preisschraube zu drehen,ja dann ....
Der Westen hat dieses Land ohne einen anderen Grund als den des Profites mit einem Krieg überzogen und in Trümmern zurückgelassen.Was der Westen dafür verdient?
So viele World Trade Center könnten die Amis gar nicht bauen.

Account gelöscht!

13.06.2014, 18:01 Uhr

"Der Irak ist nach Saudi-Arabien der zweitgrößte Ölproduzent der Welt. "

Nein, ist er nicht.

Account gelöscht!

13.06.2014, 18:44 Uhr

"Warum berichten die Systemmedien nicht über diese Söldnerkriege?"

Es ist heutzutage allgemein üblich, einen auf doof zu machen, obwohl man moralisch oder funktionell Verantwortung und optimale Erfüllung seiner Aufgabe gegen Entgelt übernommen hat. Besonders "gut" ist dieses Verhalten bei Politikern und Systemmedien ausgeprägt. Erst mal auf Tauchstation und wenn keine Gefahr mehr droht, da weiter zu machen, was vorher ebenso unwichtig war.
Warum hat der Herr nicht bei solchen Kreaturen die Geißeln der Menschheit zunächst angesetzt?

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