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24.06.2014

13:18 Uhr

Irak-Krise

„Ich habe schon neun Kugeln im Körper“

VonDésirée Linde

Isis-Kämpfer rücken vor: Nicht nur im Irak, auch im Libanon wächst die Sorge vor einem Flächenbrand. Der Geschäftsmann Aboul Bache reist in den Irak, war selbst Soldat. Er berichtet aus einer Stadt zwischen den Fronten.

Die Kämpfe im Irak gehen weiter: Freiwillige bereiten sich in Najaf auf ihren Einsatz gegen Isil vor. dpa

Die Kämpfe im Irak gehen weiter: Freiwillige bereiten sich in Najaf auf ihren Einsatz gegen Isil vor.

Beirut/DüsseldorfDas Handy ist Aboul Baches persönlicher Terror-Seismograph. Je häufiger es vibriert, desto sicherer kann der Geschäftsmann sein, dass die blutigen Konflikte im Irak und Syrien auch seine Heimat erschüttern. So ist es auch an diesem Morgen.

Wie ein Lauffeuer verbreitet sich am späten Vormittag die Nachricht, dass ein Selbstmordattentäter nicht mal 30 Kilometer von Beirut entfernt in der Ortschaft Dahr al-Baidar im Osten des Landes an einem Kontrollposten der Sicherheitskräfte eine Person mit in den Tod gerissen hat. Nach Polizeiangaben sprengte sich der Mann in seinem Fahrzeug in die Luft.

Mitarbeiter des Roten Kreuzes meldeten später 34 Verletzte. Getötet wurde demnach neben dem Attentäter tatsächlich auch ein Angehöriger der Sicherheitskräfte. Der Anschlag ereignete sich in der Bekaa-Region an der Hauptstraße von der Hauptstadt Beirut nach Syrien.

Radikale Islamisten: Kampf im Namen Gottes

„Gotteskrieg“

In vielen muslimisch geprägten Staaten bestimmen radikalislamische Gruppierungen unterschiedlicher Ausprägung oft im Verbund mit dem jahrelang dominierenden Terrornetzwerk al-Qaida zunehmend das politische Geschehen. Instabile und korrupte Regierungen werden der Lage vielerorts nicht mehr Herr, während die selbst ernannten Gotteskrieger sich ausbreiten und Vermögen anhäufen.
Quelle: afp

Syrien

Der Staat wurde seit dem Beginn des Aufstands gegen Staatschef Bashar al-Assad im März 2011 mehr und mehr zum Tummelplatz radikaler Islamisten. Im daraus entstandenen Bürgerkrieg sind mit dem Terrornetzwerk al-Qaida verbundene Kämpfer ebenso aktiv wie die libanesische Hizbollah-Miliz und die Gruppe Islamischer Staat im Irak und in Großsyrien (Isis). Wer an welcher Stelle gegen wen kämpft, ist vielfach kaum zu durchschauen.

Irak

In dem Land, das vielen Beobachtern nach langjährigem US-Engagement zuletzt als leidlich stabil galt, zeigte sich in den vergangenen Tagen, über welche enormen Mittel Isis verfügt. Innerhalb weniger Tage eroberten die Dschihadisten weite Gebiete im Norden des Landes und rückten auf die Hauptstadt Bagdad vor. Inzwischen wurden sie zwar gestoppt. Isis könnte aber angesichts eines geschätzten Milliardenvermögens noch lange durchhalten.

Libyen

Seit dem Sturz des langjährigen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Frühjahr 2011 kommt in dem Land vor allem der Osten nicht zur Ruhe. Radikalislamische Gruppen wie die Ansar-al-Scharia-Miliz kämpfen dort gegen Regierungstruppen - und seit einiger Zeit auch gegen Einheiten des abtrünnigen Generals Chalifa Haftar, der die Islamisten auf eigene Faust bekämpft.

Ägypten

In dem Land haben sowohl die Hamas als auch die Hizbollah Verbündete. Zudem greifen auf der Sinai-Halbinsel und in Großstädten Dschihadisten immer wieder Sicherheitskräfte an. An den neuen Staats- und Ex-Armeechef Abdel Fattah al-Sisi, der die Muslimbruderschaft seines Vorgängers Mohammed Mursi verbieten ließ, richtet sich die Erwartung, dass nun vorerst wieder Ruhe einkehrt.

Nigeria

Im mehrheitlich muslimischen Norden des Landes kämpft die Gruppe Boko Haram für einen islamistischen Staat. Bei zahllosen Anschlägen auf Polizei, Armee und Behörden, aber auch auf Kirchen und Schulen wurden seit dem Jahr 2009 tausende Menschen getötet. Für internationale Empörung sorgte zuletzt vor allem die Entführung von fast 300 Schülerinnen durch Boko Haram im April.

Somalia

In dem Bürgerkriegsland führt die Shebab-Miliz seit Jahren einen blutigen Kampf gegen die Regierung. Eine funktionierende Staatsgewalt im gesamten Land gibt es nicht. Auch im benachbarten Kenia, dessen Armee sich am Kampf gegen die Shebab beteiligt, häufen sich Anschläge der Islamisten. Sie bekannten sich etwa zu einem Angriff auf ein Einkaufszentrum in der Hauptstadt Nairobi mit 67 Toten im September und erst am Montag zu dem Angriff auf den Küstenort Mpeketoni mit 49 Todesopfern.

Pakistan

Vor allem in der unwegsamen Bergregion im Nordwesten des Landes an der Grenze zu Afghanistan sorgt die Gruppe Tehreek-e-Taliban Pakistan (TTP) für Angst und Schrecken. Zuletzt griffen TTP-Kämpfer den Flughafen in der südlichen Metropole Karachi an und töteten 38 Menschen. Die Armee startete daraufhin eine Großoffensive gegen Stellungen von Taliban- und Al-Kaida-Kämpfern.

Afghanistan

Seit der Entmachtung der dort herrschenden Taliban im Herbst 2001 sind in dem Land ausländische Soldaten unter Nato-Führung stationiert. Regelmäßig verüben die Islamisten dennoch blutige Anschläge mit vielen Toten. Der internationale Kampfeinsatz läuft zum Jahresende aus, danach soll es Unterstützungsmissionen geben. Viele Beobachter zweifeln allerdings an langfristiger Stabilität für das Land.

Allgemein

In der Region sorgen vor allem die Palästinenserorganisation Hamas und die Hizbollah für Unruhe, die allerdings nicht als klassische Terrororganisationen zu betrachten sind, sondern als politische Gruppen mit handfesten territorialen Interessen. Die Hamas wurde in als von internationalen Beobachtern recht freien Wahlen im Gaza-Streifen stärkste Kraft, wurde aber international nicht anerkannt. In der jüngsten Bildung einer Einheitsregierung sieht Israel einen neuen Schlag für die Friedensgespräche. Die vom Libanon aus agierende schiitische und mutmaßlich vom Iran finanzierte Hizbollah bedroht dort das multireligiöse politische System.

Aboul Baches weiß das längst, bevor Fernsehen, Radios, Zeitungen und Nachrichtenagenturen die Schreckensmeldung über ihre klassischen Kanäle in die Welt hinausjagen. Die informellen Informationswege sind bei ihm schneller als die offiziellen. Er ist näher dran. Aber er wäre es lieber nicht. Wie die meisten Menschen in Beirut.

Der 76 Jahre alte, schlanke Mann mit dem schütteren grauen Haar arbeitet für verschiedene europäische Unternehmen, darunter auch deutsche, die etwa im Schiffsbau oder in der Logistik in der Region tätig sind. Er reist viel, spricht mehrere Sprachen, auch ein wenig Deutsch. Er hat als Soldat die Schlachtfelder des libanesischen Bürgerkriegs gesehen, als Geschäftsmann bereiste er die Welt. In den vergangenen zwei Monaten war er viermal im Irak, vornehmlich im Süden des Landes, in der Region der größten Ölfelder nahe der Stadt Basra und der Hafenstadt Umm Qasr. Derzeit ist er in Beirut.

Rund um Aboul Baches Büro im Herzen der libanesischen Hauptstadt spüren die Menschen einmal mehr, dass die Konflikte in der Region, in Syrien und wie jetzt im Irak ihr Land mitzureißen drohen. Die Läden, Geschäfte und Büros schließen nach dem Anschlag.

Ungewöhnlich ist das nicht. „Das tun sie immer“, sagt Aboul Bache. Er ist bisher bis auf zwei, drei Ausnahmen stets in seinem Büro geblieben und hat weitergearbeitet. So ist es auch an diesem Morgen. Er kehrt schnell wieder an den Schreibtisch zurück. „Gott, ich habe schon neun Kugeln im Körper gehabt“, sagt der 76-Jährige wie zur Erklärung und lacht.

Es ist das Lachen eines Mannes, der in seinem Leben viel gesehen hat und der Wunden verschiedenster Art davongetragen hat. Deren Narben ihn aber nicht haben verbittern lassen. Bevor er Geschäftsmann wurde, war er Soldat und kämpfte im libanesischen Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1992.

Kommentare (3)

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24.06.2014, 13:35 Uhr

Dass man NICHTS gegen die die ISIs (ägyptischer Name) machen kann, glaubt eh keiner.

Könnte es sein, man macht das alles, um dem IRAN den Isalmismus ab zu gewöhnen? Wie man weiß, ist Thearan ja der Hydra Kopf des Islamismus.

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24.06.2014, 15:28 Uhr

Das ist so nicht ganz richtig. Das eigentliche und mit Abstand größte Übel ist Saudi-Arabien. Es ist der Hauptgeldgeber, Unterstützer und Ausrüster des aggressiven, militanten, intoleranten, expansiven und menschenverachtend grausamen islamischen Fundamentalismus in seiner konservativsten Ausprägung auf der ganzen Welt. Nur zur Erinnerung sämtliche Attentäter des 11.September waren wie Osama bin Laden saudiarabische Staatsbürger. Jedem (nichtislamischen) demokratisch gesonnenen Europäer, der mal einen Blick auf die Verhältnisse dort wirft, muß bei Dingen wie Religionspolizei, nicht gleichberechtigte Stellung von Frauen in der Gesellschaft, fehlende bürgerliche Rechte und Freiheiten, religiöse Intoleranz, undemokratisches Staatswesen, drakonische und unmenschliche Strafen durch Anwendung der Scharia als Rechtsordnung usw. geradezu übel werden. Das mit solch einem Land überhaupt wirtschaftliche und politische Beziehungen unterhalten werden ist nicht zu begreifen. Eigentlich müßten sofort scharfe Sanktionen gegen dieses Land erlassen werden. Aber im Ernst; natürlich ist dies alles zu begreifen, schließlich ist es der größter Erdölexporteur der Welt, dabei noch politisch wesentlich stabiler (da diktatorische Monarchie) als alle anderen Ölexporteure in der Region sowie der engste und treueste Verbündete der USA in der Region. Außerdem kann man ja schließlich nicht gegen alle noch halbwegs lieferfähigen Ölexporteure Sanktionen verhängen. Denn wer bleibt denn dann noch übrig, wenn man vom Iran und Rußland kein Öl kaufen will und Irak (bald) sowie Libyen nicht mehr liefern können? Schließlich braucht man ja im Westen das Öl. Also bleibt Saudi-Arabien ungeschoren. Ach ja, natürlich ist auch der enorme Reichtum des saudischen Königshauses sehr hilfreich bei der Durchsetzung eigener politischer Interessen.

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24.06.2014, 15:51 Uhr

Kopf = Intelligenz, nicht das Geld

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