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15.01.2007

19:00 Uhr

Irakdeserteure bitten um Asyl

Flucht nach Kanada

VonGerd Braune

Immer mehr US-Soldaten, die nicht im Irak kämpfen wollen, bitten in Kanada um Asyl. Ehemalige Verweigerer des Vietnamkriegs, die sich in Toronto organisiert haben, helfen ihnen dabei. Auch wenn dabei nicht von einer Massenflucht gesprochen werden kann, so wird deutlich, wie sehr sich in den Reihen der GIs Unzufriedenheit und Enttäuschung breitmachen.

OTTAWA. Der 20. Januar ist für Lee Zaslofsky ein besonderer Tag. An jenem Tag vor 37 Jahren kam er nach Kanada. Der gebürtige US-Amerikaner kehrte seiner Heimat den Rücken, weil er nicht in den Vietnamkrieg ziehen wollte. Das damals von dem linksliberalen Pierre Trudeau regierte Kanada nahm junge US-Bürger, die sich dem Krieg verweigerten, mit offenen Armen auf.

Die Vergangenheit hat den heute 62-jährigen Zaslofsky längst eingeholt. Seit zwei Jahren leitet er in Toronto das Büro der „War Resisters Support Campaign“ (Kampagne zur Unterstützung von Kriegsverweigerern), die US-Soldaten unterstützt, die nicht in den Irak geschickt werden wollen, sich nach Kanada absetzen und dort Asyl suchen. „Es ist schlimm, dass 30 Jahre nach Vietnam erneut eine junge Generation dies mitmachen muss. Aber ich bin froh, dass ich helfen kann.“

In diesen Tagen hat der dunkelhaarige Mann mit dem Schnauz- und Kinnbart, der seit 1975 die kanadische Staatsangehörigkeit besitzt, besonders viel zu tun. Täglich treffen in seinem kleinen Büro zwischen Torontos Chinatown und dem Universitätsdistrikt Anfragen aus den USA ein.

Die Entscheidung von Präsident George Bush, weitere 21 000 Soldaten in den Irak zu schicken, „hat zu einem beträchtlichen Anstieg der Anrufe und E-Mails von Leuten geführt, die sich mit dem Gedanken tragen, nach Kanada zu kommen“, sagt Zaslofskys Mitarbeiterin Michelle Robidoux.

„Wir geben den Soldaten den Rat, sich zunächst um Rechtshilfe in den USA zu bemühen, etwa bei der ,GI Rights Hotline’“, erzählt Zaslofsky. „Aber manchmal fahren sie einfach los, und dann stehen sie vor unserer Tür.“ Und Garett Reppenhagen von der Organisation „Iraq Veterans Against The War“ in Philadelphia will nicht ausschließen, dass nach der Bush-Entscheidung „noch mehr nach Kanada gehen“.

Es gibt keine Massenbewegung von US-Soldaten in Richtung Kanada. Aber die Flucht zum nördlichen Nachbarn offenbart das Ausmaß der Unzufriedenheit, der Enttäuschung und der Verärgerung vieler GIs. Bisher haben nach Angaben der „War Resisters Support Campaign“ etwa 35 US-Soldaten bei den „Refugee Boards“, die für die Anerkennung von Flüchtlingen in Kanada zuständig sind, Anträge gestellt. Zaslofsky schätzt aber, dass sich in Kanada weitere 150 bis 180 US-Soldaten aufhalten, die abwarten, wie sich die Verfahren entwickeln – und welche Wendungen Irakkrieg und US-Politik nehmen.

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