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16.07.2014

19:12 Uhr

Iran-Sanktionen

Milliarden-Verluste für deutsche Firmen

ExklusivAus wirtschaftlicher Sicht kann Deutschland kein Interesse an einer Aufrechterhaltung der Sanktionen gegen den Iran haben: Diese sollen deutsche Firmen zwischen 2010 und 2012 über 70 Milliarden Dollar gekostet haben.

Die deutschen Exporte in den Iran nehmen wieder zu. dpa

Die deutschen Exporte in den Iran nehmen wieder zu.

Berlin/WienDie Iran-Sanktionen haben Deutschland wirtschaftliche Verluste in Höhe von bis zu 73 Milliarden Dollar zwischen der Verhängung 2010 und 2012 beschert. Nur die USA hätten mit bis zu 175,3 Milliarden Dollar noch höhere Verluste zu verzeichnen, allerdings über einen von 1995 bis 2012 deutlich längeren Zeitraum. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Washingtoner Think Tanks National Iranian American Council, die dem Handelsblatt (Donnerstagausgabe) vorliegt.

Deutsche und andere westliche Firmen versuchen momentan, in Iran wirtschaftlich wieder Fuß zu fassen, wenn die Sanktionen im Zuge des für den 20. Juli geplanten Atom-Kompromisses fallen sollten. Der Iran und seine sechs internationalen Verhandlungspartner wollen aber ihre Gespräche über das Atomprogramm Teherans über das Zieldatum, den 20. Juli, hinaus verlängern. Beide Seiten hätten sich grundsätzlich darauf geeinigt, die derzeitigen Verhandlungen in Wien aufgrund der großen Differenzen bereits am Freitag vorzeitig zu beenden, aber planten, zu einem späteren Zeitpunkt weiterzusprechen, sagten zwei mit den Verhandlungen vertraute Diplomaten der Nachrichtenagentur AP.

Die Rolle des Iran im Irak-Konflikt

Wie eng sind die Beziehungen zwischen Iranern und Irakern?

Mehr als 90 Prozent der Iraner sind Schiiten und auch im Irak gehören 60 Prozent der Bevölkerung dem schiitischen Glauben an. Täglich pilgern tausende Iraner zu den heiligen Stätten im irakischen Nadschaf und Kerbela. Doch trotz der gemeinsamen Religion unterscheiden sich Iraner und Iraker durch ihre Sprache, Kultur und Identität. Im Iran-Irak-Krieg der 1980er Jahre blieben die meisten irakischen Schiiten Bagdad treu, die iranischen Sunniten Teheran.

Wo liegen die gemeinsamen Interessen beider Länder?

Der Iran hat ein starkes Interesse daran, dass der Irak nicht erneut zur Bedrohung für ihn wird. Er verfolgt das Ziel, dass die Schiiten in Bagdad an der Macht bleiben. Eine Spaltung des Landes in einen schiitischen, einen kurdischen und einen sunnitischen Teil lehnt er ab. Radikale sunnitische Gruppen wie Isis sind sowohl für die Schiiten im Irak wie für Teheran eine Bedrohung. Diese betrachten die Schiiten als Ketzer und trachten danach, deren Heiligtümer zu zerstören.

Wird der Iran Soldaten schicken?

Irans Präsident Hassan Ruhani hat dem Irak „volle Unterstützung“ im Kampf gegen den „Terror“ versprochen. Sein Außenministerium hat aber die Entsendung von Bodentruppen ausgeschlossen; Medienberichte über iranische Truppen im Irak bestätigten sich nicht. Allerdings gehen Experten davon aus, dass die iranischen Al-Kuds-Brigaden an der Ausbildung schiitischer Milizen im Irak beteiligt sind. Auch hat der Iran eingestanden, dass seine „Militärberater“ im Nachbarland tätig sind.

Liefert der Iran Waffen an die Iraker?

Medienberichten zufolge landen seit Beginn der Offensive der Dschihadisten im Irak täglich Flugzeuge mit iranischen Waffen, um die bedrängten irakischen Streitkräfte mit Nachschub zu versorgen. Irans Vize-Außenminister Hossein Amir-Abdollahian bot dem Irak an, Waffen „für den Kampf gegen den Terrorismus“ zu schicken, wenn der Irak dies wünsche. Nach seinen Angaben hat Bagdad bisher aber im Iran keine Rüstungsgüter angefragt.

Wie ist das Verhältnis Teherans zu al-Maliki?

Der Schiit Nuri al-Maliki verbrachte in der Opposition gegen den irakischen Machthaber Saddam Hussein mehrere Jahre im iranischen Exil. Als er 2006 zum Regierungschef ernannt wurde, galt er jedoch nicht als ausgesprochener Iran-Freund, sondern als Kompromisskandidat, der auch für die Sunniten tragbar war. Erst als sich das Verhältnis zu den Sunniten verschlechterte, da sie ihm die systematische Ausgrenzung ihrer Volksgruppe vorwarfen, rückte er näher an den Iran heran.

Wie weit wird der Iran al-Maliki unterstützen?

Nach Einschätzung des iranischen Experten Amir Mohebian unterstützt der Iran grundsätzlich „die Wahl der Iraker“, die bei den jüngsten Parlamentswahlen al-Maliki erneut das Mandat zur Regierungsbildung gaben. Zugleich hat Teheran al-Maliki aber wiederholt gedrängt, die Sunniten stärker in die Politik einzubinden. Seit der Eskalation des Konflikts wächst auch aus Teheran der Druck auf ihn, eine Einheitsregierung zu bilden.

Wie wirkt sich der Konflikt auf Irans Stellung in der Region aus?

Die gemeinsame Bedrohung durch die Dschihadisten hat zu einer Annäherung zwischen dem Iran und den USA geführt. Die beiden Länder teilten das „Interesse an der Stabilität und Einheit des Irak“, sagt der US-Experte Ramzy Mardini. Er sieht in der aktuellen Krise daher eine Chance für den Iran, sich wieder als zentraler Akteur in der Region zu etablieren.

Bis zum 20. Juli hätte eigentlich ein dauerhaftes Abkommen über eine Beschränkung der iranischen Atomaktivitäten stehen sollen. Im Gegenzug sollten die internationalen Sanktionen gegen Teheran aufgehoben werden. Ein vorübergehendes Abkommen war im vergangenen November geschlossen worden und sollte von der neuen Vereinbarung ersetzt werden.

Hauptstreitpunkt ist, wieviel Uran Teheran weiterhin anreichern darf. Die Regierung hatte noch vergangene Woche darauf beharrt, dass sie die Urananreicherung in den kommenden acht Jahren auf ein Niveau ausbauen wolle, für das sie rund 190.000 Zentrifugen benötigen würde. Derzeit hat der Iran 20.000 Zentrifugen, davon ist rund die Hälfte in Betrieb. Teheran signalisierte, dass es bereit sei, vorerst keine mehr zu bauen. US-Außenminister John Kerry sagte am Dienstag aber, dass auch 10.000 Zentrifugen noch zu viele seien.

Das Interesse der deutschen Wirtschaft an einem Wiederbeleben ihres Engagements in Iran scheint groß zu sein. „Ich habe sehr vielversprechende Signale bekommen“, sagte der iranische Industrieminister Mohammad Reza Nematzadeh dem Handelsblatt.

Das belegt das deutliche Wachstum der deutschen Exporte in das Land: Sie lagen bei gut einer Milliarde Euro von Januar bis Mai, was einem Anstieg um 28 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres entsprach. Die EU-Ausfuhren insgesamt nach Iran legten um vier Prozent auf 2,4 Milliarden Euro zu. Deutsche Importe aus Iran stiegen laut Eurostat-Zahlen um zehn Prozent auf 129 Millionen Euro.

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