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10.01.2012

18:00 Uhr

Iran und Lateinamerika

Verbündete Außenseiter

VonAlexander Busch, Mathias Brüggmann

Ahmadinedschad sucht in Lateinamerika Verbündete gegen Irans zunehmende Isolierung. Wegen des offen antiamerikanischen Kurses der befreundeten Präsidenten fällt ihm das nicht schwer.

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschadn (li.) und sein venezolanischer Amtskollege Hugo Chavez. dpa

Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschadn (li.) und sein venezolanischer Amtskollege Hugo Chavez.

São Paulo / BerlinMit markigen Worten haben die erklärten Gegner der USA, Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad und sein venezolanischer Amtskollege Hugo Chávez, ihr Bündnis besiegelt: "Wir knien nicht nieder vor den Yankees", sagte Chávez gestern zum Auftakt von Ahmadinedschads Visite in Caracas. Zuvor hatte das US State Department Staaten vor engen Bündnissen mit Iran gewarnt. Doch Chávez ließ das kalt: "Obama, kümmere dich um dein eigenes Land, du hast genug Sorgen."

Irans Präsident will in Lateinamerika angesichts der zunehmenden außenpolitischen Isolierung seines Landes für Unterstützung werben. Das fällt ihm wegen des offen anti-amerikanischen Kurses der befreundeten Präsidenten leicht.

Todesurteil gegen US-Bürger

Doch Ahmadinedschad sucht nicht nur in Venezuela dringend nötige Verbündete: "Die Lateinamerikaner sind Pioniere im Kampf gegen den Kolonialismus und die Expansion des Imperialismus", lobte er seine Gastgeber. Auf seiner einwöchigen Lateinamerika-Reise besucht er auch Nicaragua, Kuba und Ecuador, die alle von linken Staatschefs regiert werden.

Irans umstrittene Atomanlagen

Natans

In der unterirdischen Fabrik südöstlich von Teheran wird schwach angereichertes Uran produziert. Es wird für die Stromgewinnung, aber in hoch angereicherter Form auch für Atomwaffen benötigt. Für den Bau einer Atombombe müsste Uran auf 80 Prozent und mehr angereichert werden.

Ghom

2009 gab Teheran die Existenz einer weiteren, lange geheim gehaltenen Anreicherungsanlage südlich von Teheran zu, die noch nicht in Betrieb ist. Die Fabrik in einem Tunnelsystem auf einem früheren Militärgelände nahe der Schiiten-Hochburg Ghom bietet Platz für 3000 Zentrifugen zur Urananreicherung.

Buschehr

Nach der islamischen Revolution von 1979 zog sich die deutsche Kraftwerk Union (KWU) aus dem Projekt zurück. Später stiegen die Russen in Buschehr ein. In den beiden Atomreaktoren im Südwesten des Landes wurden im Oktober 2010 die ersten aus Russland gelieferten Brennelemente geladen - 35 Jahre nach Baubeginn. Im September 2011 ging Irans erstes Atomkraftwerk offiziell in Betrieb.

Isfahan

Im Zentrum der iranischen Kernforschung gibt es eine Anlage zur Produktion von Kernbrennstäben. Auch das in Zentrifugen zur Urananreicherung benötigte Hexafluoridgas wird südlich von Teheran hergestellt.

Arak

Den USA ist seit 2002 die Existenz des unfertigen Schwerwasserreaktors im Westen des Landes bekannt. Hier fällt Plutonium an, das für die Bombenproduktion verwendet werden könnte.

Teheran

Der kleine Leichtwasserreaktor in der Hauptstadt wurde noch zu Zeiten des 1979 gestürzten Schahs mit US-Hilfe gebaut. Er soll Material für medizinische Zwecke produzieren. Dazu benötigt er angereichertes Uran.

Karadsch

Seit den 1990er Jahren arbeitet nahe der Hauptstadt ein Nuklearforschungszentrum, das vor allem medizinischen Zwecken dienen soll.

Irans Verhältnis zum Erzfeind USA wurde gestern durch zwei Nachrichten zusätzlich belastet: So verurteilte ein iranisches Gericht den angeblichen US-Spion Amir Mirsa Hekmati, der neben der iranischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft hat, zum Tode, was von Washington scharf verurteilt wurde. Außerdem bestätigte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA), dass Iran begonnen hat, in der Nuklearanlage Fordo auf 20 Prozent angereichertes Uran herzustellen. Hochangereichertes Uran ist Voraussetzung für den Bau einer Atombombe.

Ob der seit 2005 amtierende Ahmadinedschad auf seiner sechsten Lateinamerika-Reise aber die erhoffte Unterstützung für seine antiamerikanische Politik finden wird, ist fraglich. Er trifft außer Chávez auf weitgehend unwichtige Präsidenten. Die wirtschaftlichen und politischen Schwergewichte wie Brasilien und Mexiko, aber auch mittlere Regionalstaaten wie Argentinien, Kolumbien oder Chile besucht er nicht.

Das angespannte Verhältnis zwischen USA und Iran

1979

Nach der Vertreibung des US-Verbündeten Schah Mohammed Reza Pahlavi ruft Ajatollah Khomeini die Islamische Republik Iran aus. Am 4. November besetzen Studenten die US-Botschaft in Teheran, nehmen 52 Amerikaner als Geiseln und fordern die Auslieferung des Schahs. Als Reaktion verhängt Washington Sanktionen gegen den Iran.

1980

Die Geiselnahme endet nach 444 Tagen. Ein Militäreinsatz zur Befreiung der Amerikaner war gescheitert. Im September greift Irak den Iran an. Im achtjährigen Golfkrieg beliefern die USA beide Länder mit Waffen und schlagen sich schließlich auf die Seite des Iraks.

1984

Nach Terroranschlägen auf US-Soldaten und die Botschaft im Libanon erklärt US-Präsident Ronald Reagan Irans Regime zum „Sponsor des internationalen Terrorismus“ und verschärft die Sanktionen.

1985-1986

In Geheimgesprächen verspricht Washington Teheran Waffenlieferungen, im Gegenzug sollen amerikanische Geiseln im Libanon befreit werden. Mit den Gewinnen finanzieren die USA Rebellen in Nicaragua. Der Iran-Contra-Skandal bringt die US-Regierung in Bedrängnis.

1988

Ein US-Kriegsschiff schießt einen iranischen Airbus über dem Golf ab, alle 290 Passagiere sterben.

1995

Wegen angeblicher Terrorunterstützung und dem Streben nach Massenvernichtungswaffen verhängt US-Präsident Bill Clinton ein umfassendes Handelsembargo gegen den Iran.

2001

Washington beschuldigt Teheran, direkt in einen Anschlag auf US-Soldaten in Saudi-Arabien verwickelt zu sein. Der US-Geheimdienst CIA bezichtigt den Iran, ein Atomwaffenprogramm zu verfolgen.

2002

Präsident George W. Bush bezeichnet den Iran, den Irak und Nordkorea als „Achse des Bösen“. Washington würde nicht tatenlos zusehen, wenn diese Länder versuchten, die USA mit Massenvernichtungswaffen zu bedrohen.

2004

Auf Drängen der EU verzichtet der Iran auf sein Programm zur Urananreicherung. Die USA bleiben misstrauisch.

2005

Die USA beschuldigen Irans Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, Kopf der Geiselnahme von 1979 in Teheran gewesen zu sein.

2007

US-Behörden erklären, im Irak festgenommene Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden hätten sich aktiv am Krieg gegen US-Truppen beteiligt. Man habe zudem Beweise dafür, dass mit von Teheran gelieferten Waffen US-Soldaten im Irak getötet wurden.

2008

Der Iran droht für den Fall eines Angriffs auf seine Atomanlagen mit militärischen Gegenschlägen und testet bei einem Großmanöver Raketen. Im Persischen Golf gibt es mehrere Zwischenfälle von US-Schiffen mit iranischen Schnellbooten. Es fallen Warnschüsse.

2009

Iranische Militärs nehmen im Grenzgebiet zum Irak drei US- Touristen fest. Nach einer Verurteilung wegen Spionage zu acht Jahren Haft kommt der erste 2010 frei, die beiden anderen im September 2011.

2010

US-Präsident Barack Obama setzt im Streit um das iranische Atomprogramm neue umfangreiche Sanktionen gegen Teheran in Kraft.

2011

Im Oktober werfen die USA dem Iran ein Mordkomplott vor: Für das geplante Attentat an einem saudischen Diplomaten macht US-Justizminister Eric Holder den militärischen Arm der iranischen Revolutionsgarden, Al-Kuds, verantwortlich. Ende des Jahres verschärfen die USA ihre Sanktionen wegen des umstrittenen iranischen Atomprogramms. Im Dezember kündigt der Iran eine Reaktion auf die angebliche Verletzung seines Luftraums durch ein US-Aufklärungsflugzeug an. Am 4. Dezember vermeldet der Iran, die Armee habe in einer östlichen Provinz eine unbemannte Drohne des Typs RQ170 abgeschossen.

Kommentare (2)

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Linues

12.01.2012, 06:04 Uhr

Soso der Iran greift 1980 den Irak an. Das widerspricht meinen bisherigen Kenntnissen aber grundlegend.

Propaghandi

12.01.2012, 10:48 Uhr

Psst!!! Bitte die Geschichtsklitterung und Michels schlaf nicht stören!

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