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15.04.2015

20:20 Uhr

Iran und sein General Suleimani

Umjubelter Schlächter, gehasster Retter

VonDésirée Linde

Der Westen braucht Irans Top-Strategen Qassem Suleimani im Kampf gegen die Terrormiliz IS. Dafür schauen die USA bei anderen Gräueltaten des Generals weg – und lassen ihn die Strippen ziehen. Seine Macht wächst.

Die Idole für viele Schiiten: Der Quds-Brigaden-Kommendeur Qassem Suleimani (linkes Plakat) und der Führer der jemenitischen Huthi-Rebellen Abdulmalik al-Huthi. AFP

Anti-saudische und anit-US-Demos im Irak

Die Idole für viele Schiiten: Der Quds-Brigaden-Kommendeur Qassem Suleimani (linkes Plakat) und der Führer der jemenitischen Huthi-Rebellen Abdulmalik al-Huthi.

DüsseldorfSeine Auftritte in der Öffentlichkeit sind rar, seine Worte und Gesten sorgsam gewählt: Teetrinkend mit Soldaten zeigt er sich kurz hinter der Frontlinie im Irak oder kniend in der Moschee, unauffällig in der zweiten Reihe. Bei der Beerdigung einer seiner Männer rinnen Tränen über sein Gesicht. Qassem Suleimani, der iranische General, ist kein Mann vieler Worte. Doch die wenigen, die er spricht, verfehlen selten ihre Wirkung.

„Die IS-Kämpfer nähern sich dem Ende – ihres Lebens“, ließ er sich etwa im Februar zitieren. Vor zwei Wochen eroberten irakische Einheiten tatsächlich gemeinsam mit Kurden – und eben Suleimanis schiitischen Einheiten – Tikrit zurück und vertrieben den Islamischen Staat (IS) aus der strategisch wichtigen und lang als verloren gegoltenen Stadt.

Möglich gemacht hat das der Mann mit dem mittlerweile ergrautem, akkurat gestutzten Vollbart. Suleimani, der auf Bildern deutlich größer wirkt als er tatsächlich ist, ist das Gesicht des schiitischen Kampfes gegen die sunnitische Terrormiliz auf dem Boden des Iraks. Aber das ist nur eines seiner vielen Gesichter.

Suleimani: Der Schattengeneral des Irans

Der Kommandeur

Seit 1998 kommandiert Qassam Suleiman die al-Quds-Einheiten. Dabei handelt es sich um eine iranische Eliteeinheit innerhalb der Revolutionsgarden. Er selbst wurde je nach Quelle 1955 oder 1957 geboren, verfügt über einen mittleren Bildungsabschluss, ist verheiratet und hat fünf Kinder.

Seine Männer

Die Spezialeinheit hat ihren Namen vom persischen Wort für Israel (quds). Damit soll deutlich gemacht werden, dass der Iran sich als Befreier Jerusalems von den Israelis betrachtet.

Der Auftrag

Laut Verfassungsartikel 152-154 ist Iran zu einer revolutionären Außenpolitik verpflichtet, die al-Quds-Brigade ist das Mittel dazu. Der Erhalt der Revolution von 1979 soll auch im Äußeren verteidigt werden.

Die Stärke

Mit ihrer Basis in Teheran wird die Einheit auf zwischen 10.000 und 20.000 Mann geschätzt, aufgeteilt in Kämpfer und solche, die sich um das Vermögen, die Verwaltung und das Training kümmern.

Seine Überlegenheit

„Niemand in Teheran hatte ursprünglich vorgehabt, eine Achse des Widerstands (gegen die USA und die Unterstützer-Staaten wie Saudi-Arabien und Baharain) aufzubauen“, zitiert der amerikanische „New Yorker“ einen westlichen Diplomaten. „Suleimani aber war smarter, schneller und ausgestattet mit besseren Ressourcen als jeder andere in der Region. Er ergriff die Möglichkeiten, die sich boten, er baute das Ding auf, langsam aber sicher.“

Ende des Pragmatismus

Als der damalige US-Präsident George W. Bush den Iran zur Achse des Bösen zählte, obwohl man hinter den Kulissen gemeinsam gegen die Taliban gearbeitet hatte, war Suleimani vor den Kopf gestoßen. Ryan Crocker, hochrangiger Beamter aus dem US-Außenministerium und damals in Kabul, erinnert sich, dass sich Suleimani damals „kompromittiert“ gefühlt habe. „Er war außer sich vor Wut.“

Die SMS an Petraeus (1)

Dem damaligen ISAF-Kommandeur David Petraeus machte er unmissverständlich klar, wer im Iran das Sagen hatte. 2008 ließ er den damaligen irakischen Präsidenten Jalal Talabani dem US-General ein Handy überreichen – mit einer Textnachricht von Suleimani.

Die SMS an Petraeus (2)

Darin schreibt er unter anderem: „Sie sollten wissen, dass ich, Qassam Suleimani, die Politik des Irans kontrolliere (…). Und in der Tat ist unser Botschafter in Bagdad ein Mitglied der Quds-Brigade. Und wer immer ihm nachfolgt, wird es auch sein.“

Kampf im Irak

Bestätigt ist Suleimanis Engagement im Irak immerhin in Teilen. Dass er als Militärberater die irakischen Milizen in Amirli unterstützt, hatte ein Vertrauter von Chamenei dem Iran-Korrespondenten der New York Times bestätigt. Doch schiitische Milizen waren ebenfalls an ethnischen Säuberungen beteiligt.

Suleimanis Männer der Quds-Brigade, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden für exterritoriale Einsätze, sind nicht nur an der Seite der US-geführten Allianz gegen den IS in den Kampf gezogen, in dessen Verlauf der Veteran des Iran-Irak-Kriegs sogar selbst irakische Einheiten kommandiert. Während dieser Einsätze führten schiitische Milizen auch ethnische Säuberungen in sunnitischen Dörfern durch. Und die USA schauten weg.

Suleimani kämpft ebenfalls an der Seite von Syriens Diktator Baschar al-Assad gegen die syrischen Rebellen und die letzten Reste der versprengten syrischen Opposition – und damit indirekt gegen den Westen, der Assad ächtet. Die USA belegten Suleinmani deshalb mit Sanktionen.

Seine Hilfe gegen den IS nehmen sie dagegen gern an – so lange darüber nicht zu laut gesprochen wird. Offiziell will Suleimani kaum jemand bei den irakischen Einheiten gesehen haben. Von einem britischen BBC-Journalisten vor laufender Kamera auf den berüchtigten General angesprochen, verneinen die Irakis die Anwesenheit des Generals. Sie lächeln nur unsicher und werden unruhig, als der Name des gefürchteten Kommandeurs fällt.

Andere Staaten betrachten die Unterstützung des Irans für die schiitische Regierung im Irak im Kampf gegen die sunnitische Terrormiliz mit Sorge. „Die Situation vor Tikrit ist ein Paradebeispiel dafür, was uns gegen den Strich geht“, polterte jüngst der saudische Außenminister Saud al-Faisal. „Iran ist dabei, den Irak zu übernehmen.“

Arabische Liga: Gemeinsame Eingreiftruppe

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Premium Gemeinsame Eingreiftruppe

Die Mitglieder des Staatenbundes beschließen eine enge militärische Zusammenarbeit und möchten damit ein „klares Signal“ aussenden. Erstes Einsatzgebiet ist der Konflikt im Jemen.

Doch der Irak ist nur eines von vielen Kampffeldern für Suleimani und seine Männer. Er unterstützt mit einem weit verzweigten Netzwerk mehrere schiitische Organisationen im Nahen Osten – etwa die Hisbollah im Libanon und die Huthi-Rebellen im Jemen. Kämpfen ließ er schiitische Milizen vor dem Afghanistan-Einmarsch der USA 2001 auch gegen die Taliban. In fast allen regionalen Konflikten mischte und mischt er als verlängerter Arm Teherans mit.

Die Tatsache, dass Suleimani im Irak mit den USA-geführten Allianz kooperiert und die USA erfolgreich auf eine Beilegung des Atomstreits mit dem Iran hingearbeitet haben, „lässt es für die Syrer so aussehen, als habe Suleimani von der internationalen Gemeinschaft einen Freibrief dafür erhalten, Sunniten abzuschlachten und zu vertreiben“, urteilt Syrien-Expertin Petra Becker von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Kommentare (2)

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Herr peter Spirat

16.04.2015, 09:58 Uhr

Umjubelter Schlächter, gehasster Retter
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Das dürfte ja wohl mehr auf die Amis und ISraeliten zutreffen.

Tatsache ist, dass der IRAN seit über 300 Jahren keinen Krieg begonnen hat. Alles andere ist billige agiation und wirft ewin mieses Bild auf den Autor Désirée Linde.

Sergio Puntila

16.04.2015, 11:43 Uhr

... "Da es in jeder Republik mächtige Männer und ohnmächtiges Volk gibt, kann man zweifeln, in wessen Hände man am besten den Schutz der Freiheit legen soll."...
Niccoló Machiavelli (1469 - 1527)

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