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23.10.2016

18:03 Uhr

Irans Wasserkrise

Ein Land vertrocknet

VonMartin Gehlen

Iran betreibt Raubbau an der Natur. Die ökologischen Verhältnisse in der Islamischen Republik sind katastrophal, ganze Regionen drohen unbewohnbar zu werden. Zehntausende Farmer müssen um ihre Existenz fürchten.

In vielen Regionen im Iran herrscht völlige Trockenheit – das wird zum ernsthaften Problem für Bauern und Bürger. Katharina Eglau

Ausgedörrte Landschaft

In vielen Regionen im Iran herrscht völlige Trockenheit – das wird zum ernsthaften Problem für Bauern und Bürger.

KairoHier ist sein Paradies. Stolz steht Mehdi Anjou Shoaa zwischen den Pistazienstöcken und mustert seine Lieblinge. Einige sind mehr als 200 Jahre alt, zwölf Jahre braucht eine Jungpflanze, bis sie die volle Ernte gibt. Ein ganzes Leben lang haben die zähen Wundergewächse ihn und seine Familie ernährt. 40 Hektar gehören dem 65-Jährigen, andere im Dorf Abbad-e-Robat bewirtschaften auch das Doppelte.

Säuberlich und in langen Reihen stehen die Bäumchen mit den gelb-roten ovalen Früchten, deren Nüsse neben dem Rohöl das wichtigste Exportprodukt der Islamischen Republik sind. Von Ferne schnauft eine Wasserpumpe, zwischen dem Blattwerk tummeln sich lärmend ein paar Vögel. „Ich werde meine Plantage wohl verlieren“, murmelt er, streichelt zärtlich über die Zweige und erzählt, wie er sich jeden Abend beim Essen mit seinen beiden Söhnen den Kopf über die Zukunft zerbricht. Doch eine Lösung, um die Apokalypse abzuwenden, haben sie nicht.

Der eine Tiefbrunnen, der ihre Plantage bewässert, wird schwächer und salziger. Früher erntete Mehdi Anjou Shoaa acht Tonnen der Sorte Kalleghoochi, heute ist es noch die Hälfte, die ihm pro Jahr 20.000 Euro einbringt. Die 120.000 Euro für eine moderne Tröpfchen-Bewässerung, mit der er seinen geliebten Pflanzen wieder eine Zukunft geben könnte, hat er nicht und kann er nicht erwirtschaften. „Wir haben jahrelang viel zu viel Grundwasser verbraucht“, sagt er. „Und jetzt bekommen wir die Quittung.“

Kostbares Gut: Das Geschäft mit dem Wasser

Kostbares Gut

Das Geschäft mit dem Wasser

Wasser wird immer knapper - davon profitieren Technologieanbieter wie General Electric. Der Konzern macht Milliardenumsätze rund ums Wasser. Auch GE-Rivale Siemens mischt mit.

Mehdi Anjou Shoaa ist kein Einzelfall. Zehntausende Farmer fürchten um ihre Existenz. In der Provinz Kerman mussten bereits ein Drittel aller Pistazienbetriebe aufgeben. Ganze Regionen des Iran drohen zu veröden und unbewohnbar zu werden, denn die Islamische Republik lebt seit langem weit über ihre ökologischen Verhältnisse. Mit den jährlich verfügbaren 100 Milliarden Kubikmetern Wasser wird rücksichtloser Raubbau getrieben.

International empfehlen die Vereinten Nationen, 20 Prozent der erneuerbaren Wassermenge zu nutzen, die ökologisch rote Linie liegt bei 40 Prozent. 60 Prozent Verbrauch bedeutet Wasserstress, 80 Prozent kritische Wasserkrise. Iran dagegen entnimmt seinen Reservoirs 110 Prozent, dreimal mehr als das gerade noch verkraftbare Maximum, eine Ausbeutung, für die es in der internationalen Klassifikation gar keine Kategorie mehr gibt.

Bevölkerung hat sich mehr als verdoppelt

Bei den Ursachen der Katastrophe kommt vieles zusammen. Experten, wie der Botaniker Hossein Akhani, nennen vor allem den Boom bei den Staudämmen. Existierten am Ende der Schahzeit 1979 nur 18, sind es mittlerweile 647 – plus weitere 680 in Bau oder in Planung. Jeder Fluss in Iran ist inzwischen x-mal gestaut. Parks und Alleebäume im „grünen Teheran“ werden aus fünf künstlichen Becken gespeist. „Wir sind ein Land ohne fließende Gewässer mehr“, sagt der 51-jährige Wissenschaftler. Zusätzlich saugen landesweit 780.000 Brunnen die unterirdischen Grundwasserspeicher leer, deren Pumpen zur Hälfte illegal sind.

Atomdeal mit Iran: Milliardengeschäfte für „Made in Germany“?

Was erwartet die deutsche Wirtschaft?

„Deutschland wird zusammen mit Frankreich und Italien zu den Ländern gehören, die mehr von der Einigung profitieren als andere“, sagt Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik. Deutsche Wirtschaftsverbände halten mittelfristig eine Vervierfachung des Exportvolumens von heute knapp 2,5 Milliarden auf über 10 Milliarden für möglich. „Das Land hat einen Riesennachholbedarf“, sagt DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier, der am Dienstag in diesem historischen Moment passenderweise in Teheran ist, der Deutsche Presse-Agentur. Derzeit seien im Iran 80 deutsche Firmen mit eigenem Geschäft tätig, dazu kämen etwa 1000 Repräsentanten und Vertriebsleute.

Sind jetzt alle Probleme gelöst?

Nein, denn die Sanktionen sollen schrittweise abgebaut werden. „Das Embargorecht für das Irangeschäft weiterhin bleibt damit relevant. Das kann im Detail viele Hemmnisse bedeuten“, erklärt der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Hinzu kommt: Auch wenn das Abkommen in den USA angenommen wird, muss US-Präsident Barack Obama dem Kongress alle 90 Tage bescheinigen, dass der Iran keine Terrororganisationen unterstützt. Andernfalls dürfte der Kongress schnell neue Sanktionen erlassen. „Der US-Kongress wird versuchen, die Unsicherheit zu bewahren“, sagt Perthes.

Welche Rolle spielen deutsche Banken?

Wie teuer Ärger mit den USA werden kann, erlebte jüngst die Commerzbank. Das Institut musste für einen Vergleich mit US-Behörden insgesamt 1,45 Milliarden Dollar hinblättern, um ein Verfahren wegen Geldwäsche und Geschäften mit „Schurkenstaaten“ wie dem Iran beizulegen. Wirtschaftsverbände wie der VDMA fordern nach dem Durchbruch von Wien, dass die Banken jetzt rasch reagieren: „Wenn die Finanzinstitute trotz des klaren Politikwechsels ihre eigene Geschäftspolitik weiterhin nicht anpassen, lassen sie die produzierende Industrie im Regen stehen“, warnt VDMA-Exportchef Ulrich Ackermann.

Wie stark sind die Wettbewerber in dem Land?

Insbesondere die Konkurrenz aus China profitierte von den Sanktionen, die die USA und die EU verhängt hatten. Gerade einmal 6,3 Prozent der Importe stammen derzeit noch aus Deutschland, Chinas Anteil liegt nach Angaben des Kreditversicherers Euler Hermes mit 15 Prozent etwa doppelt so hoch. Aber: „Iraner haben chinesische Produkte nicht gekauft, weil sie das wollten, sondern weil Alternativen fehlten“, sagt Perthes.

Welche Branchen könnte besonders von der Einigung profitieren?

„Die Modernisierung der Ölindustrie und anderer Branchen ist ein spannender Markt vor allem für den Maschinenbau“, sagt Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Gefragt sind nach Einschätzung Perthes vor allem Turbinen, Kraftwerke, Lastwagen und Technologien zur Ölexploration „Made in Germany“. Nach Berechnungen von Euler-Hermes-Chefvolkswirt Ludovic Subran fehlen Iran von 2011 bis heute Importe in Höhe von 30 Milliarden Euro. „Ausländische Waren wie zum Beispiel Haushaltswaren sind derzeit sehr schwer zu bekommen, ganz zu schweigen von Autos oder Maschinen“, sagt Subran.

Wie stark ist die Konkurrenz inzwischen in dem Land?

Deutlich haben sich zum Beispiel die Verhältnisse im Maschinen- und Anlagenbau verschoben. Einst lag die deutsche Schlüsselindustrie mit einem Marktanteil von 30 Prozent auf Rang eins. Inzwischen dominieren chinesische Exportunternehmen. Maschinen im Wert von gut 5 Milliarden Euro wurden im vergangenen Jahr in den Iran exportiert. Davon entfielen 630 Millionen Euro auf Deutschland und 2,3 Milliarden Euro auf China. „Selbst im Optimalfall wird der chinesische Maschinenbau bei mehr als 10 Prozent Marktanteil bleiben, Korea wird seine neu gewonnenen Prozente hart verteidigen, und nicht zu vergessen - die USA sind wieder im Spiel“, sagt VDMA-Experte Klaus Friedrich. Ein Marktanteil von 15 bis 20 Prozent für den deutschen Maschinenbau wäre daher ein großer Erfolg.

Quelle: dpa

Fließendes Quellwasser und lauschige Gärten gehören zum persischen Selbstbild, genauso wie die nicht versiegenden Wasserhähne zu Hause, obwohl sich Iran das längst nicht mehr leisten kann. 90 Prozent des Wassers geht in die Landwirtschaft, zehn Prozent werden zum Trinken und für die Industrie gebraucht. Die Bevölkerung hat sich seit der Islamischen Revolution 1979 von 33 auf 80 Millionen mehr als verdoppelt, die landwirtschaftliche Produktion vervierfacht. Und die Verschwendung ist astronomisch, weil Wasser praktisch nichts kostet.

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