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08.10.2014

03:57 Uhr

IS belagert Kobane

Kurden drängen Türkei zur Intervention

Die Kurdenbastion Kobane in Nordsyrien steht kurz vor dem Fall. Die Türkei könnte mit Bodentruppen eingreifen, hält sich allerdings zurück. Das führt zu gewalttätigen Protesten - auch in Deutschland.

Trotz heftiger Gegenwehr

IS kontrolliert Teile Kobanis

Trotz heftiger Gegenwehr: IS kontrolliert Teile Kobanis

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Istanbul/Kobane/Berlin/HamburgBei Protesten gegen den Vormarsch der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) auf die Kurdenbastion Kobane in Nordsyrien sind in der Türkei nach Medienangaben mindestens 14 Menschen getötet worden. Wie die Zeitung „Hürriyet“ in der Nacht zum Mittwoch weiter schrieb, seien zudem zahlreiche Menschen verletzt worden.

In mehreren türkischen Provinzen sei eine Ausgangssperre verhängt worden. In Ankara habe die Polizei gegen Demonstranten Tränengas und Wasserwerfer eingesetzt.

Tausende Kurden hatten in der Türkei gegen die Belagerung von Kobane protestiert. Sie forderten die türkischen Regierung auf, mehr zum Schutz der überwiegend kurdischen Bevölkerung in der Grenzstadt zu tun. Die Proteste am Dienstag konzentrierten sich in den überwiegend von Kurden bewohnten Provinzen im Osten und Südosten der Türkei. Aber auch in der Metropole Istanbul und in der Hauptstadt Ankara kam es zu Kundgebungen.

Die US-Regierung ist nach den Worten eines Washingtoner Regierungsbeamten besorgt wegen des bislang zögerlichen Verhaltens der Türkei im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). „So sollte sich ein Nato-Verbündeter nicht verhalten, während einen Steinwurf von seiner Grenze entfernt die Hölle los ist“, sagte ein nicht namentlich genannter Regierungsvertreter der „New York Times“.
Trotz Luftangriffen der USA und arabischer Verbündeter und massiver Gegenwehr kurdischer Kämpfer sind IS-Milizen am Dienstag weiter in die strategisch wichtige Stadt Kobane an der Grenze zur Türkei eingerückt. Bislang hat die Regierung in Ankara trotz eines Parlamentsmandats militärisch nicht gegen den IS eingegriffen.

Uno-Vermittler warnt vor Sieg für IS

Unterdessen forderte der Uno-Syrienvermittler Staffan de Mistura die Weltgemeinschaft eindringlich zur Hilfe bei der Verteidigung der seit Tagen umkämpften syrisch-kurdischen Grenzstadt auf. Kobane stehe kurz vor der Einnahme durch IS, sagte de Mistura laut Mitteilung der Vereinten Nationen in Genf. Es brauche nun „konkrete Handlungen“.

„Die internationale Gemeinschaft kann keine weitere Stadt mehr unter die Herrschaft des IS fallen lassen“, sagte de Mistura. „Die Welt, wir alle, werden es zutiefst bereuen, wenn der IS in der Lage ist, eine Stadt zu übernehmen, die sich selbst mit so viel Tapferkeit verteidigt hat, das aber bald nicht mehr kann. Wir müssen jetzt handeln.“

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Der Vormarsch der extremistischen Kämpfer des Islamischen Staates (IS) in Kobani erhöht den Druck auf das Nato-Mitglied Türkei, sich in den Konflikt einzuschalten. So warfen kurdische Politiker der Regierung in Ankara Untätigkeit vor und riefen zu Protesten auf.

Der stellvertretende Ministerpräsident Yalcin Akdogan verwahrte sich dagegen. "Es ist eine massive Lüge, dass die Türkei nichts im Fall Kobani tut", schrieb er auf Twitter. In humanitären Belangen unternehme sein Land alles, was es könne.

Kommentare (9)

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Herr Günther Schemutat

08.10.2014, 08:17 Uhr

Die Kurden in Deutschland übernehmen die Bekämpfung der radikalen Saladisten und Isis Anhänger in Deutschen Städten was eigentlich unsere Aufgabe ist. Selbst die Rechten sehen nicht mal auf wenn sie wieder einen Rollstuhlfahrer verprügeln.

In Hamburg griffen radikale Salafisten einen Kurdischen Verein an und darauf hin kammen hunderte Kurden und radikale Salafisten zusammen und bekämpften sich. Der Hamburger Senat
unfähig diese Stadt vor diesen radikalen Elementen zu befreien die sie selber mehr oder weniger gezüchtet hat durch unfähigkeit und tatenlosigkeit. Man denkt an 2001.! Die Kurden werden zur Ersatzpolizei und es schmerzt das keine einzige Kerze für die ermordeten Kurden in Syrien und Irak auf Deutschlands Strassen brennt.

Dazu eine filtive Geschichte:

Als es in Hamburg zu Strassenschlachten zwischen ISIS Kämpfern und Kurden kam griff die Polizei ein.

Als auf der anderen Strassenseite ein Rechter den HG zeigte, musste die Polizei den Einsatz abbrechen um dieses Verbrechen zu ahnden. Der Staatsschutz wurde gerufen und am anderen Tag standen tausende Deutsche mit Kerzen auf den Strassen.

Übrigends scheint Claudia Roth Angst um ihr Anwesen in Bodrum zu haben, dass sie mit einmal sich für Kurden einsetzt und die Türkei heute morgen im MOma angriff. Natürlich steht sie weiter zur Türkei und deren Beitritt zur EU. Das wissen auch die Kurden liebe Frau Roth!

Herr Cenk Deutschland

08.10.2014, 08:58 Uhr

Wo leben wir denn hier, dass Selbstjustiz gefordert wird. Die Türken in Deutschland, schlachten die PKK Anhanger doch auch nicht ab, weil die 30.000 unschuldige Menschen abgeschlachtet haben und die skrupellosesten Terroristen weltweit sind. Gut, dass es in Deutschland, Recht und Gerechtigkeit gibt.

Herr Hartmut W. Gloeckner

08.10.2014, 09:17 Uhr

Recht und Gesetz? Beide werden gebogen, wie es gerade passt. Herr Erdogan hat doch im Stillen gar kein ernsthaftes Interesse daran, den Kurden beizustehen. Man denke mal an die kurze Vergangenheit. Und, dass Frau Roth ihr "Schäfchen im Trockenen" nun bedroht sieht, ist auch nachvollziehbar. Erst wenn`s den Politikern ans eigene Fell geht, denken sie auf einmal anders über Begrüßungskultur nach.

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