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29.01.2015

13:20 Uhr

IS-Chefideologe

Der geistige Führer der Terrormiliz

Unter altgedienten Dschihadisten stößt die Terrormiliz Islamischer Staat zunehmend auf Ablehnung. Doch Ideologen wie Turki al-Binali wollen ohnehin vor allem die junge Generation ansprechen – mit Erfolg.

Turki al-Binali, Chef-Ideologe der Terrormiliz IS. Der oberste Hassprediger will vor allem junge Menschen für das Dasein als Terrorist begeistern. ap

IS-Prediger Turki al-Binali

Turki al-Binali, Chef-Ideologe der Terrormiliz IS. Der oberste Hassprediger will vor allem junge Menschen für das Dasein als Terrorist begeistern.

BeirutTurki al-Binali ist kreuz und quer durch das von der Terrormiliz Islamischer Staat ausgerufene Kalifat in Syrien und dem Irak gereist. Überall hat der 30 Jahre alte Geistliche aus Bahrain in seinen glühenden Predigten den blutigen Kampf im Namen der Religion gerechtfertigt, die Pistole stets griffbereit im Halfter.

Al-Binali, mit seinem langen Haar und dem dunklen Bart, ist nicht der höchste Geistliche der IS - dieser Titel wird dem verschlossenen Iraker Abdullah Abdul-Samad zugeschrieben. Doch Al-Binali ist derjenige, der wahrscheinlich am häufigsten zu sehen ist, wie Hischam al-Haschimi sagt, ein irakischer Wissenschaftler, der die Aktivitäten der Dschihadisten verfolgt. „Er ist ein sehr wichtiger Teil des religiösen Rats der Daesch“, sagt Al-Haschimi, der für den IS das arabische Wort verwendet. „Er ist wie der Zaun, der die Ideologie der Daesch vor Penetration schützt.“

Al-Binali ist Autor der offiziellen Biografie des IS-Führers Abu Bakr al-Baghdadi. Der junge Prediger hält Vorlesungen und setzt sich online mit Kritikern und Sympathisanten auseinander. Seine Erlasse und Statements werden in den Gebieten verbreitet, die unter IS-Kontrolle stehen, heißt es.

Al-Binali stammt aus einer prominenten bahrainischen Familie. Früh stieg er zu einer bekannten Figur in der ultrakonservativen Salafistenbewegung des kleinen Golfstaats auf. Er studierte in Dubai Islamische und Arabische Wissenschaften, wurde dort jedoch ausgewiesen, wie sein österreichischer Biograf Mohammed Mahmud schreibt. Al-Binali setzte sein Studium in Bahrain und Beirut fort, bevor er im vergangenen Jahr nach Syrien reiste und sich der IS-Terrormiliz anschloss.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

In ihrem Kampf, den sie mit der Religion rechtfertigen, haben die Extremisten Hunderte von Gefangenen niedergemetzelt. Meist waren es syrische und arabische Soldaten, oft wurden ihre abgeschlagenen Köpfe an öffentlichen Plätzen zur Schau gestellt - alles mit Verweis auf den Koran.

Al-Binali hat zudem die religiöse Rechtfertigung für die Versklavung Hunderter Frauen der Minderheit der Jesiden im Irak geliefert. In einem Online-Forum erklärte er: „Es gibt keinen Zweifel, dass die Versklavung der Frauen von untreuen Kämpfern gerechtfertigt ist.“ Dabei berief er sich auf einen Kleriker aus dem 13. Jahrhundert.

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