Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

06.11.2014

20:13 Uhr

IS Einnahmen geringer als gedacht

Erneuter US-Angriff auf syrische IS-Stellungen

Erneut nehmen US-Kampfflugzeuge Dschihadisten in Syrien ins Visier. Sie sollen Anschläge im Ausland geplant haben. Bei dem Angriff sterben auch Kinder. Bei der IS-Terrormiliz sinken die Einnahmen.

Ein Büro und ein Fahrzeug der Al-Nusra waren das Ziel von US-Luftangriffen. ap

Ein Büro und ein Fahrzeug der Al-Nusra waren das Ziel von US-Luftangriffen.

AmmanDie US-Luftwaffe hat im Nordwesten Syriens die radikale Al-Nusra-Front bombardiert, die mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida verbunden ist. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte kamen bei den Angriffen in der Nacht zum Donnerstag mehrere Menschen ums Leben, darunter auch zwei Kinder. Das oppositionelle Netzwerk Scham sprach von vier toten Kindern und warf den USA „ein Massaker“ vor. Die Einnahmen der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Erdölschmuggel sind nach Einschätzung des Bundesnachrichtendienstes viel kleiner als bisher gedacht.

Nach Angaben des US-Militärs galten die Angriffe der Terrorgruppe Chorasan, die mit der Al-Nusra-Front verbündet ist. Die USA hätten die Gruppe in der Nähe von Sarmada nahe der türkischen Grenze angegriffen, teilte das Zentralkommandos in Tampa (Florida) mit. Chorasan habe Anschläge in Europa oder den USA geplant.

Den syrischen Menschenrechtlern zufolge nahm die US-Luftwaffe unter anderem ein Hauptquartier der Al-Nusra-Front in der Stadt Harim nahe der Grenze zur Türkei ins Visier. Demnach starben dabei mindestens sechs Al-Nusra-Kämpfer. Die radikale Miliz bestätigte die Angriffe und verbreitete Fotos von Opfern. Laut Aktivisten stürzte in Harim ein Gebäude ein und begrub viele Opfer unter Trümmern.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Die Al-Nusra-Front warf den USA vor, bei den Angriffen keinen Unterschied zwischen Kämpfern und Zivilisten gemacht zu haben. Ein Mitglied der Miliz sagte der Nachrichtenagentur dpa, die Angriffe seien ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Die USA würden dafür einen hohen Preis bezahlen.

„Wir haben entschieden gehandelt, um unsere Interessen zu schützen und ihnen die Handlungsfähigkeit zu entziehen“, hieß es aus Florida. Es werde weiterhin alles getan, um Attacken gegen die USA abzuwenden. Die Angriffe seien aber keine Antwort auf die Zusammenstöße der Al-Nusra-Front mit der gemäßigten syrischen Opposition, die von den USA unterstützt wird.

Bei den neuen Luftschlägen im Nordwesten Syriens griffen die USA erstmals aicj die islamistische Rebellenmiliz Ahrar al-Scham an, wie die Beobachtungsstelle berichtete. Sie gehört zur Islamischen Front, einem Zusammenschluss verschiedener islamistischer Gruppen. Ahrar al-Scham gilt als gemäßigter als die Al-Nusra-Front und der IS. „Von solchen Angriffen profitiert nur das kriminelle (Assad-) Regime“, hieß es in einer Reaktion von Ahrar al-Scham. Die Gruppe rief alle der seit Monaten gegeneinander kämpfenden Rebellengruppen zu einem „sofortigen Waffenstillstand“ auf.

Die Einnahmen des IS seien gesunken, weil die Ölproduktion in den von der Terrormiliz kontrollierten Gebieten im Niedergang begriffen sei, berichteten „Süddeutsche Zeitung“, WDR und NDR unter Berufung auf eine vertrauliche Analyse für die Bundesregierung. Die Exporte würden auch durch Luftangriffe der US-geführten Militärallianz erschwert. Die Einnahmen des IS aus dem Ölgeschäft beziffere der BND auf weniger als hundert Millionen Dollar (80 Millionen Euro) im Jahr. In früheren Berichten war von Einnahmen des IS in Milliardenhöhe die Rede gewesen. Fachleute halten den IS trotz der sinkenden Einnahmen für die reichste Terrororganisation der Welt.

Im benachbarten Nordirak schloss die Bundeswehr ihre Waffenlieferungen an die Kurden ab, wie das Verteidigungsministerium mitteilte. Den Peschmerga-Kämpfern stehen nun unter anderem 16 000 Gewehre, 30 Panzerabwehrwaffen „Milan“ mit 500 Raketen, 240 Panzerfäuste und 10 000 Handgranaten für den Kampf gegen den IS zur Verfügung. Die ersten Waffen waren am 25. September in der Kurden-Hauptstadt Erbil eingetroffen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×