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03.08.2016

06:05 Uhr

IS in Libyen

Krieg der Teilzeitkämpfer

Vor einigen Wochen war die Sorge angesichts der schnellen Ausbreitung des IS in Libyen noch groß. Jetzt scheint die Niederlage der Terroristen nah – doch wie es danach in dem Krisenland weitergehen soll, ist noch unklar.

Ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung in Tripolis nahezu machtlos. Reuters

Gefecht in Sirte

Ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung in Tripolis nahezu machtlos.

SirteMohammed Ghasri schaut nach links, stutzt und gibt Anweisung, das Auto zu stoppen. Er hat seinen Sohn im Kampfgewirr entdeckt. Der Militärsprecher steigt aus seinem gepanzerten Geländewagen. Ein Kuss links. Ein Kuss rechts. 2500 Meter hinter ihm steht das belagerte Konferenzzentrum von Sirte. Das Hauptquartier der Terrormiliz Islamischer Staat in Libyen.

Es ist ein Ort der rastlosen Anspannung. Der Unsicherheit und der Furcht. Hier, an einer halb zerschossenen Mauer, endet die Zivilisation. Dahinter beginnt die fanatische Gewaltherrschaft einer Terrorgruppe, so gefürchtet wie keine andere auf der Welt.

Kämpfer – von Soldaten einer Armee kann keine Rede sein – ducken sich hinter der Wand. Als könnte sie Schutz bieten vor dem Abgrund, der sich auf der anderen Seite auftut. Die Sonne brennt fast senkrecht auf ihre Köpfe. Doch die Sommerhitze Nordafrikas, die trockene Luft, die den Wüstensand in Nasenlöcher und Kehlen treibt, ist hier an der Westfront Sirtes das geringste Problem.

Es sind die heftigsten Kämpfe seit Wochen. Schüsse fallen. Dumpfe Schläge abgefeuerter Mörser erschüttern den Boden und wirbeln staubige Schleier durch die Gassen der Pick-ups und Jeeps. Auf einer sandigen Heckscheibe hat jemand mit dem Finger auf Arabisch „el mansur“ – „siegreich“ – geschrieben.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Der Triumph scheint nah. Doch die Scharfschützen des IS lauern immer noch. In einer Kerbe, die ein Projektil in die Mauer gerissen hat, steckt ein Fernglas. Es ist auf das Konferenzzentrum gerichtet. „Wir gehen jetzt rein“, sagt Ghasris Sohn. Der junge Mann mit dem dunklen Haar nestelt an seinem Camouflagehelm. Eine kurze Verabschiedung vom Vater. Er geht.

Berlin, Paris, London und Washington. Alle waren sie vor einigen Wochen noch in Sorge angesichts der schnellen Ausbreitung des Islamischen Staates in Libyen. Ohne massive Luftschläge westlicher Militärmächte würde niemand den Vormarsch aufhalten können. Das nahe Handelszentrum Misrata könnte fallen. Danach die Hauptstadt Tripolis. So schien es.

Dann machten die Milizen Misratas ernst. An der Überlandstraße nach Sirte, wo vor kurzem noch der IS herrschte, umweht heute Wüstensand ausgebrannte Autowracks. Die Wagen waren randvoll mit Sprengstoff, als die Selbstmordattentäter der Terrormiliz den Zünder drückten. Die gewaltigen Explosionen rissen viele vorrückende Kämpfer in den Tod. Doch die Milizen der Operation Bunjan Marsus drängten die Extremisten zurück bis nach Sirte.

Einen solchen Gegner habe er noch nie gehabt, sagt ein Milizen-Führer. Er sitzt im Hinterzimmer eines verrauchten Cafés und zieht an seiner Shisha. „Wir kämpfen gegen Personen, die sterben wollen. Das macht sie unmenschlich.“

Doch einige von ihnen werden versuchen, dem Tod zu entgehen und sich unter die Zivilisten zu mischen. Ein Video aus einem eroberten Haus zeigt eilig abrasierte, dunkle Dschihadistenbärte. Schläferzellen gibt es im gesamten Land. Misrata fürchtet blutige Vergeltung.

Soldaten in Incirlik: Bundeswehr verstärkt Sicherheitsmaßnahmen

Soldaten in Incirlik

Bundeswehr verstärkt Sicherheitsmaßnahmen

Einsatz gegen die IS-Terrormiliz: Seit Januar sind über 200 deutsche Soldaten auf der Nato-Basis Incirlik stationiert. Doch seit dem Putschversuch ist es für die Soldaten selbst in der Türkei gefährlich.

Die Schlacht gegen die internationale Terrorgruppe wird offiziell von der UN-vermittelten Einheitsregierung geleitet, die das gespaltene Land einen soll. Am Boden jedoch rücken Teilzeitkämpfer Dutzender Milizen vor. Ein bunter Haufen. Einige tragen sandfarbenen Tarn, andere T-Shirt und Jeans. Einige haben Helme, andere berichten von jungen Männern, die unbewaffnet in den Kampf ziehen wollten. Es scheint so, als habe fast jede Familie in Misrata einen Sohn an der Front.

Ein Sieg über den IS wäre ein großer Erfolg für die Einheitsregierung in Tripolis. Doch ohne das Wohlwollen der Milizen ist die Regierung nahezu machtlos. Es war das Chaos, die Rivalität, die ein Machtvakuum schuf und den IS in Libyen erst groß machte. „Iss ihn zu Mittag, bevor er dich zum Abendessen verspeist“, sagen sie in Libyen heute. Töte die Dschihadisten, bevor sie dich töten.

Von

dpa

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