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07.10.2014

17:56 Uhr

IS-Kämpfer fallen in Grenzstadt ein

Türkei zögert mit Hilfe für Kobane

Der türkische Präsident ist überzeugt: Die Grenzstadt Kobane steht vor der Übernahme durch die Terroristen-Gruppe IS. Doch noch hat kein türkischer Soldat die nahe Grenze zu Syrien überschritten – doch der Druck wächst.

Kämpfe um Grenzstadt

IS-Kämpfer hissen Fahne im Osten von Kobane

Kämpfe um Grenzstadt: IS-Kämpfer hissen Fahne im Osten von Kobane

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Mursitpinar/Beirut/IstanbulDie Milizen des Islamischen Staats stehen drei Wochen nach Beginn ihrer Offensive offenbar kurz vor der Einnahme Kobanes im Norden Syriens. Die noch von Kurden gehaltene Stadt drohe bald zu fallen, warnte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Dienstag beim Besuch eines Flüchtlingslagers für Syrer.

Die radikalislamischen Kämpfer könnten nicht mit Luftangriffen aufgehalten werden. Milizen der sunnitischen Extremisten-Gruppe haben Randbezirke der Stadt in unmittelbarer Nähe zur türkischen Grenze unter ihre Kontrolle gebracht. Nach Angaben der syrischen Opposition versuchen die Kämpfer des Islamischen Staats (IS) weiter in Richtung Zentrum vorzustoßen. Seit Beginn der Kämpfe seien mehr als 400 Menschen getötet worden. Angesichts der immer aussichtsloseren Lage der kurdischen Truppen in der Stadt rief Frankreich den Nato-Partner Türkei zur Hilfe auf.

Am Dienstag stiegen über den östlichen und zentralen Vierteln Kobanes weiße Rauchwolken auf. Am Morgen waren Luftangriffe und Schusswechsel zu hören. Die USA und ihre Verbündeten unterstützen die Kurden in ihrem Abwehrkampf aus der Luft. Von der Grenze aus waren zwei schwarze IS-Flaggen über den östlichen Außenbezirken Kobanes auszumachen. Der IS habe in der Nacht mehrere Gebäude im südwestlichen Stadtrand eingenommen, berichtete der Chef der Syrischen Beobachterstelle für Menschenrechte, Rami Abdulrahman. Dort hätten sich die IS-Milizen ungefähr 50 Meter weit in die Stadt vorgekämpft.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

Die Vertreterin der kurdischen Verwaltung, Asya Abdullah, bestätigte der Nachrichtenagentur Reuters, es gebe heftige Kämpfe in den Randgebieten der Stadt. Abdullah, die von Kobane aus telefonierte, sagte, die IS-Kämpfer hätten die Stadt mit schweren Waffen und Artilleriegranaten angegriffen. Rund 2000 Kurden, darunter viele Frauen und Kinder, flüchteten auf die türkische Seite der Grenze. Insgesamt sind nach Expertenschätzungen rund 180.000 Menschen aus der Region Kobane vor den vorrückenden IS-Kämpfern geflohen.

Das Auswärtige Amt in Berlin warnte vor Reisen an die türkisch-syrische Grenze. Im Bereich Kobane seien wiederholt Granaten auf türkischem Gebiet niedergegangen. Außerdem könnten Anschläge und Entführungen im Grenzgebiet nicht ausgeschlossen werden. Der IS hat vor Monaten einen Gottesstaat im Irak und Syrien ausgerufen und kontrolliert mittlerweile größere Gebiete in beiden Ländern. Mit Enthauptungen westlicher Geiseln und anderen Gräueltaten sorgt er weltweit für Entsetzen. Millionen von Schiiten, moderaten Sunniten und Nicht-Muslimen hat der IS zur Flucht gezwungen.

Kommentare (55)

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Herr Woifi Fischer

07.10.2014, 08:33 Uhr

IS-Milizen und Kurden liefern sich erbitterte Schlacht um Kobane

Wie kann so etwas geschehen?
Die großen USA die IS geschaffen haben, bombardieren alles und konnten dies nicht verhindern?
Ich hoffe nur, es wird kein NATO-Bündnisfall von den USA und der Türkei heraufbeschworen?
Die Türkei hat kräftig mit den IS-Kämpfern kollaboriert.

Herr Alfred Werner

07.10.2014, 08:52 Uhr

Und schon besetzen Kurden in ganz Europa alles mögliche, in Bonn stürmen sie einen Fernsehsender, in Den Haag besetzen sie kurzzeitig das Parlament, in Hamburg werden Autos und ein türkischer Imbiss (!) angezündet. Usw. usw. Das Verhalten dieser fröhlichen Fachkräfte mit ihrer herzlichen Kultur nimmt mich immer wieder sofort für sie ein.

Herr Georg Kwiecinski

07.10.2014, 09:14 Uhr

Nennen wir doch diese IS, oder ISIS ganz ehrfurchtsvoll "Den Schwarzen Tod", oder The Black Dead.
Denn ähnlich wie im Mittelalter stechen diese todbringenden Blutsauger und Vernichter wahllos Leben aus. Denn sie wissen nicht was sie tun.Oder doch?

Es ist an der Zeit, dass die internationale Weltengemeinschaft (gibt es die überhaupt?)geschlossen gegen diese, hoffentlich nicht lange währende emotional aufgepeitschte Krankheit ankämpft.
Ratsam und hilfreich wäre es, wenn gerade die Muslemische Welt mehr tun würden, als der "Böse Westen". Dies würde ihnen mehr Glaubwürdigkeit im Sinne ihres Propheten Allah bescheren, der sich ganz bestimmt momentan genauso im Grabe umdreht, wie diese gewalt-und-metzel-bereiten "Gotteskrieger" die Worte und Weisheiten des Propheten verdrehen, missbrauchen, vergewaltigen.

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