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29.01.2015

16:20 Uhr

IS-Miliz

Erneutes Geiselultimatum läuft ab

Nach dem erneuten Ultimatum der Terrormiliz für einen Gefangenenaustausch wird Jordanien misstrauisch. Die Regierung verlangt einen Beweis dafür, dass ihr Pilot noch lebt.

Der jordanische Militärpilot befindet sich immer noch in Gewalt des Islamischen Staates. ap

Geiseldrama dauert an

Der jordanische Militärpilot befindet sich immer noch in Gewalt des Islamischen Staates.

BeirutUnmittelbar vor dem Ablauf eines weiteren Ultimatums der Terrormiliz Islamischer Staat hat Jordanien ein Lebenszeichen des von ihr festgehaltenen Militärpiloten Mu'ath al-Kasseasbeh gefordert. „Wir wollen einen Beweis dafür, dass der jordanische Pilot noch am Leben ist, dann können wir über einen Austausch reden“, sagte Regierungssprecher Mohammed al-Momani am Donnerstag.

Zuvor hatte der IS in einer angeblich von der japanischen Geisel Kenji Goto stammenden Nachricht gefordert, Jordanien müsse die irakische Gefangene Saidscha al-Rischawi bei Sonnenuntergang an der türkischen Grenze präsentieren. Ansonsten werde Al-Kasseasbeh getötet. Was der IS mit Goto vorhat, falls Al-Rischawi nicht freikommt, blieb offen. Weniger als eine Stunde vor Ablauf der Frist sagte Al-Momani, Al-Rischawi sei noch in Jordanien.

IS-Chefideologe: Der geistige Führer der Terrormiliz

IS-Chefideologe

Der geistige Führer der Terrormiliz

Unter altgedienten Dschihadisten stößt die Terrormiliz Islamischer Staat zunehmend auf Ablehnung. Doch Ideologen wie Turki al-Binali wollen ohnehin vor allem die junge Generation ansprechen – mit Erfolg.

Die jordanische Führung hatte bereits am Mittwoch erklärt, sie sei bereit, Al-Rischawi gegen Al-Kasseasbeh auszutauschen. Die Irakerin soll enge Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida haben. Sie wurde in Jordanien wegen der Beteiligung an den tödlichen Anschlägen auf Hotels in der Hauptstadt Amman zum Tode verurteilt. Dabei starben 60 Menschen.

Jordanien beteiligt sich an den von den USA geführten Luftangriffen gegen den IS, der große Teile Syriens und des Irak kontrolliert. Al-Kasseasbeh wurde im Dezember nahe der syrischen Stadt Rakka abgeschossen und gilt als erster ausländischer Pilot, der der Terrormiliz in die Hände gefallen ist.

Das Ultimatum, das in der Nacht zu Donnerstag über IS-nahe Twitter-Konten verbreitet wurde, erschien hastiger als zwei vorherige, die angeblich ebenfalls von Goto stammten. Ob die Nachricht echt ist, konnte zunächst nicht einwandfrei verifiziert werden.

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Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Japans Regierungschef Shinzo Abe sagte am Donnerstag, seine Regierung analysiere die jüngste Audiodatei. Einen Kommentar zu dem Inhalt gab er nicht ab, verurteilte aber das Vorgehen des IS erneut vehement. „Der abscheuliche terroristische Akt ist absolut unverzeihlich“, sagte er im Parlament in Tokio.

Im Anschluss versammelten sich einige Dutzend Japaner vor dem Amtssitz von Abe, um auf Bannern ihre Hoffnung auf Gotos Freilassung zum Ausdruck zu bringen. Unter ihnen waren auch Freunde der Geisel. Ein weiterer japanischer Gefangener, Haruna Yukawa, wurde angeblich bereits von den Milizen getötet.

Von

ap

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