Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.08.2016

01:30 Uhr

IS-Nachwuchs

Am liebsten ahnungslos

Wer bei der Terrormiliz IS-anheuern will, muss erst einmal einen Fragebogen ausfüllen. Abgefragt werden die Islamkenntnisse der Bewerber. Wer keine Ahnung hat, hat die besten Chancen. Aus einem einfachen Grund.

Öffentlich beruft sich der IS ständig auf den Islam, doch tatsächlich ist den meisten Mitglieder die Religion irrelevant. dpa

Religion spielt kaum eine Rolle

Öffentlich beruft sich der IS ständig auf den Islam, doch tatsächlich ist den meisten Mitglieder die Religion irrelevant.

ParisAuf einem Fragebogen werden neue Rekruten aufgefordert, ihre Islamkenntnisse auf einer Skala von eins bis drei einzustufen. Wie sich herausstellt, haben die meisten von ihnen wenig Ahnung. Und das ist genau das, was sich der Islamische Staat wünscht.

Als die Terrormiliz in den Jahren 2013 und 2014 die Anheuerung von Fußsoldaten massiv vorantrieb, zielte sie nicht auf ausgeprägte Islamkenner, also Menschen, die sich in die Religion versenkt haben. Es waren Leute wie die Gruppe von Franzosen, die in ihrer Heimat mit ihrem Anwerber durch die Kneipen zogen; der kürzlich konvertierte Europäer, der sich jetzt zögernd als schwul beschreibt; und zwei Briten, die zur Vorbereitung auf den Dschihad in Syrien bei Amazon den „Koran für Dummies“ bestellten.

In einem geheimen Unterschlupf machten sich dann zahlreiche IS-Imame daran, die Wissenslücken zu füllen – im Sinne der Ziele der Extremistengruppe. Das geht aus gerichtlichen Zeugenaussagen und Interviews der Nachrichtenagentur AP hervor. Diese analysierte außerdem Tausende von IS-Dokumenten, die nach außen gelangten.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Der 32-jährige europäische Konvertit ging 2014 nach Syrien. Wie er der AP schilderte, wurden neuen Rekruten IS-Propaganda-Videos über den Islam gezeigt. Die Imame hätten wiederholt das Märtyrertum gepriesen. Fern der Heimat und mit wenig Religionskenntnissen hätten die Rekruten wenig Urteilsvermögen besessen.

„Ich habe erkannt, dass ich am falschen Ort war, als sie auf dem Fragebogen solche Sachen wissen wollten wie ‚wenn du stirbst, wen sollen wir informieren?‘“, sagt der junge Mann. Aus Furcht vor Vergeltung möchte er lieber anonym bleiben.

In den Dokumenten, die der syrischen Oppositionellen-Webseite Saman al-Wasl zugespielt und von AP eingesehen wurden, bescheinigte der IS 70 Prozent von Rekruten gerade mal „Grundwissen“ über das islamische Scharia-Recht. Ungefähr 24 Prozent besaßen der Auflistung zufolge „mittlere“ Kenntnisse, und nur fünf Prozent wurden als fortgeschrittene Studenten des Islam eingestuft.

Strategie gegen den IS: Kann uns der Staat gegen Terror schützen?

Strategie gegen den IS

Premium Kann uns der Staat gegen Terror schützen?

Anschläge wie der in Nizza lassen einen ratlos zurück. Wie sollen wir uns dagegen wappnen? Die nächste Attacke ist nur eine Frage der Zeit, auch Deutschland könnte es treffen. Es braucht einen Masterplan. Eine Analyse.

Unter den Dokumenten waren die Fragenbögen von neun der zehn jungen Franzosen aus Straßburg, die – wie der europäische Konvertit – von einem Mann namens Murad Fares rekrutiert wurden. Einer von ihnen, Karim Mohammad-Aggad, beschrieb später in Vernehmungen seine Kneipentouren in Deutschland mit Fares. Die IS-Anwerber seien bei ihren Überzeugungsversuchen sehr geschickt gewesen.

Der Franzose reiste Ende 2013 zusammen mit seinem jüngeren Bruder und Freunden nach Syrien. Zwei von ihnen kamen dort ums Leben, sieben kehrten innerhalb weniger Monate nach Frankreich zurück und wurden festgenommen. Auch der 23-jährige Bruder Foued kam zurück in seine Heimat – als einer der Männer, die am 13. November 2015 die Konzerthalle Bataclan in Paris stürmten. In dieser Terrornacht gab es in der französischen Hauptstadt 130 Tote.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×