Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.02.2016

17:33 Uhr

IS-Terror

Das Trauma junger Mädchen

„Uns sicher zu fühlen, müssen wir erst wieder lernen“, schreibt die junge Jesidin Shirin. Sie hat unter der IS-Miliz ein Martyrium durchlebt: Folter, Vergewaltigung, neun Ehemänner. Sie will, dass die Welt davon erfährt.

Die Jesidin und Kurdin, die ihr Buch unter dem Pseudonym Shirin veröffentlicht, wurde im Nordirak von IS-Terrormilizen verschleppt, gequält und vergewaltigt, dann gelang ihr die Flucht. dpa

Jesidin schreibt über ihre Flucht vor IS-Terror

Die Jesidin und Kurdin, die ihr Buch unter dem Pseudonym Shirin veröffentlicht, wurde im Nordirak von IS-Terrormilizen verschleppt, gequält und vergewaltigt, dann gelang ihr die Flucht.

MünchenSie war jung, klug und gern mal etwas vorlaut. Sie wollte Jura studieren. Und vielleicht den angehenden Lehrer Telim heiraten. Die Welt schien ihr offen zu stehen. Da überfielen IS-Terroristen ihr Dorf Hardan im Nordirak nahe der syrischen Grenze. Shirin, damals 17, wurde entführt, misshandelt, verkauft und als Sex-Sklavin gehalten. Auf abenteuerliche Weise gelang ihr die Flucht.

Jetzt ist die junge Kurdin jesidischen Glaubens 19 Jahre alt, lebt in Deutschland und berichtet unter dem Pseudonym „Shirin“ über ihren Leidensweg und den ihrer Schicksalsgenossinnen. „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“, heißt das Buch, in dem sie, aufgeschrieben von der Journalistin Alexandra Cavelius, ihre Geschichte erzählt.

3. August 2014, gegen 7 Uhr. „Wir waren so blind, wir haben die Gefahr nicht erkannt“, schreibt sie über diesen Tag, der das Leben ihrer Familie und der anderen Jesiden im Sindschar-Gebiet zerstörte. Sie hatten geglaubt, was die IS-Kämpfer sagten: Wenn ihr Muslime werdet, geschieht euch nichts. Zu spät brachen sie zur Flucht auf, das Dorf war eingekesselt – es gab kein Entrinnen. Zusammen mit mehreren Hundert anderen Frauen und Kindern werden Shirin, ihre Mutter, der jüngere Bruder und die beiden Schwestern verschleppt.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Shirin wird von ihnen getrennt, als Sklavin verkauft, gequält und immer wieder zu Sex gezwungen. „Erst nach zwei Monaten haben sie ihre Masken abgenommen. Da haben wir in die Gesichter all unserer arabischen Nachbarn geblickt“, schreibt sie. Ein Selbstmordversuch. Eine Abtreibung. Mit neun Männern wird sie in diesen Monaten „verheiratet“. Der letzte verhilft ihr zur Flucht.

Mehr als 7000 Frauen und Kinder gerieten nach dem Massaker in IS-Geiselhaft, rund 2500 kamen dem Zentralrat der Jesiden in Deutschland zufolge bislang frei. Die Schicksale ähneln dem Shirins. „Mädchen gelten ab sieben Jahren als vollwertige Frau“, sagt Holger Geisler vom Zentralrat. Männer werden ermordet, Jungen zu IS-Kämpfern gemacht, Mädchen verkauft und vergewaltigt.

Shirin kam nach Deutschland. Baden-Württemberg hat ein Projekt gestartet, um bis zu tausend schutzbedürftige Frauen und Kinder aufzunehmen und zu behandeln. Der Traumaexperte Jan Kizilhan betreut Shirin und andere Frauen. Er kommentiert das Buch, liefert Hintergründe. Immer wieder reist er in den Nordirak, kümmert sich um Opfer. „Hinter den Vergewaltigungen steckt eine perfide Strategie der IS-Milizen. Streng konservativ organisierte Teile der Jesiden sehen den Verlust der Jungfräulichkeit der jungen Mädchen als Entehrung für sie und die gesamte Familie. Erschwerend dazu kommt, dass die Männer den Eindruck haben, beim Beschützen ihrer Familie versagt zu haben.“ Vergewaltigung als Mittel der Kriegsführung.

Nun sitzt Shirin in München, ein heller Raum in Uni-Nähe. Blass, die dunklen Haare zurückgebunden. Helle Bluse, dunkle Hose, brauner Schal. Erschöpft. Interviews. Immer wieder Fragen. Ihre Dolmetscherin Nalin Farec, auch sie Jesidin, hält unter dem Tisch ihre Hand. Shirins Familie, so weit am Leben, wäre in Gefahr, wenn ihre Identität bekannt würde. „Ich mache das für mein Volk.“

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×