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02.01.2016

13:41 Uhr

IS und seine Macht

Die neue Strategie der Terroristen

Die internationalen Luftangriffe in Syrien und Irak setzen dem Islamischen Staat zu. Daher wendet sich die Miliz dem „fernen Feind“ im Ausland zu. Propaganda und Terroranschläge ersetzen militärische Erfolge.

Der Islamische Staat betreibt eine Gewaltherrschaft in den von ihm kontrollierten Gebieten. Polizei, Justiz und Bildungssystem – alle Bereiche unterliegen den Regeln der Islamisten. Reuters

Die IS-Hochburg Rakka

Der Islamische Staat betreibt eine Gewaltherrschaft in den von ihm kontrollierten Gebieten. Polizei, Justiz und Bildungssystem – alle Bereiche unterliegen den Regeln der Islamisten.

IstanbulDer meist gesuchte Terrorist der Welt macht seinem Spitznamen „der unsichtbare Kalif“ alle Ehre. Seit Abu Bakr al-Bagdadis überraschendem Auftritt vor mehr als einem Jahr in einer Moschee der nordirakischen Millionenstadt Mossul ist der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) wieder abgetaucht.

Regelmäßig kursierten 2015 Gerüchte, er sei getroffen, verletzt oder sogar getötet worden. Belege dafür? Fehlanzeige. Vielmehr wächst unter Dschihadisten sein Ruf als mysteriöser Anführer, der seinen Gegnern trotzt und nicht zu fassen ist.

Dabei hat seine Terrormiliz im vergangenen Jahr schmerzliche Niederlagen einstecken müssen. Sie übernahm zwar im Westen des Iraks die Provinzhauptstadt Ramadi und konnte auch syrische Regimetruppen aus der historischen Oasenstadt Palmyra vertreiben – gleichzeitig verlor sie aber strategisch oder symbolisch wichtige Gebiet. Den Kurden etwa gelang es, den IS aus der monatelang umkämpften nordsyrischen Stadt Kobane zu vertreiben. Zudem konnten sie die Hauptverbindungsstraße zwischen den IS-Hochburgen Mossul im Irak und al-Rakka in Syrien unterbrechen.

Doch in den Stunden der Schwäche beweist die Terrormiliz ihre Wandlungsfähigkeit und Flexibilität, die sie schnell an neue Situationen anpassen lässt. Der IS lebt von seinem Expansionsdrang. Seine Popularität zieht er aus dem Ruf, eine starke, rücksichtslose Macht zu sein. Fehlen militärische Erfolge, um das zu untermauern, müssen sie ersetzt werden – durch Propaganda oder Terroranschläge.

Die Gegner des Islamischen Staates

USA

Die mächtigste Militärmacht der Welt führt den Kampf gegen den IS an. Seit mehr als einem Jahr bombardiert die US-Luftwaffe die Extremisten in Syrien und im Irak. An ihrer Seite sind auch Jets aus Frankreich und anderen westlichen Staaten sowie aus arabischen Ländern im Einsatz. Washington hat zudem US-Militärberater in den Irak entsandt, die Bagdad im Kampf am Boden unterstützen.

Russland

Moskaus Luftwaffe fliegt seit Ende September Luftangriffe in Syrien. Sie sollen nach Angaben des Kremls den IS bekämpfen. Der Westen und syrische Aktivsten werfen Russland jedoch vor, die meisten Luftangriffe richteten sich gegen andere Rebellen, um so das Regime von Präsident Baschar al-Assad zu unterstützen.

Deutschland

Deutschland liefert seit mehr als einem Jahr Waffen an die Kurden im Norden des Iraks, darunter die Sturmgewehre G3 und G36 und die Panzerabwehrwaffe Milan. Die Bundeswehr bildet zudem kurdische Peschmerga-Kämpfer für den Kampf am Boden aus.

Arabische Staaten

Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Katar und Jordanien unterstützen die USA bei den Luftangriffen. Vor allem Saudi-Arabien und Jordanien sehen den IS als Gefahr, weil die Extremisten bis an ihre Grenzen herangerückt sind.

Kurden

Sowohl im Norden Syriens als auch im Nordirak gehören die Kurden zu den erbittertsten Gegnern des IS. Die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) im Syrien und die Peschmerga im Irak konnten den Extremisten empfindliche Niederlagen beibringen. Unterstützt werden sie von mehreren westlichen Staaten.

Irakische Armee

Das irakische Militär geht in mehreren Regionen des Landes gegen den IS vor. Allerdings kann sie nur wenige Erfolge vorweisen. Seit Monaten versucht die Armee erfolglos, die westirakische Provinz Al-Anbar zu befreien. Unterstützt wird sie von schiitischen Milizen, die eng mit dem Iran verbunden sind.

Syrische Rebellen

Sie bekämpfen das Regime und den IS. Das gilt auch für die Nusra-Front, syrischer Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida. Sie teilt die Ideologie des IS, ist aber mit ihm verfeindet.

Syrisches Regime

Auch das syrische Militär geht gegen den IS vor. Kritiker werfen dem Regime jedoch vor, es greife vor allem andere Rebellen an und lassen die Extremisten gewähren. Auffällig ist, dass sich die meisten syrischen Luftangriffe nicht gegen den IS, sondern gegen Regionen unter Kontrolle anderer Gruppen richten.

So tauchten im vergangenen Jahr Videos auf, in denen die Extremisten jahrhundertealte Kulturgüter zerstörten, die unersetzbar sind. Im Norden des Iraks zertrümmerten sie einzigartige Figuren aus altorientalischer Zeit. Im syrischen Palmyra legten sie die bedeutenden Tempel Baal und Baal Schamin in Schutt und Trümmer.

Im Nachhinein wirken diese barbarischen Akte wie ein böses Vorspiel für die Terrorangriffe des IS in Paris oder in Ägypten, wo eine Bombe eine russische Urlaubermaschine zum Absturz brachte. Diese und andere Attentate sind ein deutlicher Hinweis für einen Strategiewechsel der Terrormiliz. Weil im eigenen Herrschaftsgebiet, dem „Kalifat“, Erfolge gegen den „nahen Feinde“ rar werden, wendet sich der IS dem „fernen Feind“ im Ausland zu. Ins Visier der Miliz geraten dabei die „Kreuzfahrer“, die im Irak und in Syrien gegen sie kämpfen.

Generell trieb der IS 2015 seinen Wandel von einer regionalen Kraft zu einem internationalen Netzwerk voran. Ableger der Extremisten finden sich mittlerweile nicht nur im Jemen, in Ägypten, Libyen oder Tunesien, sondern auch in Südostasien. So hat der IS seinem Konkurrenten Al-Kaida den Rang als mächtigste Terrororganisation abgelaufen. Dazu trägt auch das riesige Herrschaftsgebiet in Syrien und im Irak bei, in dem die Miliz zwar keinen vollwertigen Staat hat, aber doch ein „dschihadistisches Staatsbildungsprojekt“, wie es der Nahost-Experte Volker Perthes in seinem Buch „Das Ende des Nahen Ostens“ nennt.

Terrorexperte Matthew Olsen: „Die anti-islamische Rhetorik ist verwerflich“

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Matthew Olsen war oberster Terrorbekämpfer der USA. Im Interview spricht er über Sicherheitslücken in Europa, Edward Snowden, den Schandfleck Guantanamo – und die richtige Strategie im Kampf gegen den IS.

Denn der IS hat dort nicht nur ein Gewaltmonopol mit Polizei und Geheimdienst errichtet, sondern kassiert auch Steuern. Er betreibt eine eigene Justiz, die der radikalsten Lesart des islamischen Rechts folgt. Die Extremisten beherrschen das Bildungssystem, organisieren Sozialunterstützung und verteilen Saatgut an Bauern. Mit Gegnern kennt der IS keine Gnade: „Er muss vor allem als totalitäres und gleichzeitig expansives und hegemoniales Projekt verstanden werden“, urteilt Perthes.

Sogar Gerüchte über eine eigene Währung kursieren immer wieder. Ein aufwendig produzierter Film mit dem Titel „Die Rückkehr des Gold-Dinars“ zählt unter den Dschihadisten zu den populärsten Videos. Darin droht der IS, das „satanische Finanzsystem“ des Westens zu zerstören. Bislang ist eine eigene Währung nur ein Hirngespinst. Eigene Münzen aber will der IS schon geprägt haben.

Von

dpa

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