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14.06.2014

10:22 Uhr

Isis-Terrormiliz

Furcht vor Isis schweißt Bagdad und Teheran zusammen

Der Iran ist besorgt über den Vormarsch der Isis im Irak, ganz ungelegen kommt ihm die Krise nicht. Denn der Iran warnt seit Ausbruch des Syrien-Kriegs vor den sunnitischen Extremisten, wurde aber ignoriert.

Irans Präsident Hassan Ruhani: Die traditionellen Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten will Ruhani eher zweitrangig angesichts der aktuellen Bedrohungslage. dpa

Irans Präsident Hassan Ruhani: Die traditionellen Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten will Ruhani eher zweitrangig angesichts der aktuellen Bedrohungslage.

TeheranDen Einmarsch der islamistischen Isis-Terrormiliz in Mossul und anderen irakischen Städten wertet die iranische Regierung als logische Konsequenz aus der – aus ihrer Sicht grundfalschen – US-Politik. Präsident Hassan Ruhani hat in den vergangenen Monaten zudem mehrmals gewarnt, die Unterstützung etwa Saudi-Arabiens und Katars für dubiose Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg befördere den Extremismus insgesamt und könne die Region dauerhaft destabilisieren. „Wir haben immer davor gewarnt“, stellte nun Außenamtssprecherin Marsieh Afcham fest - nicht ohne Genugtuung.

Im Ringen um eine gemeinsame Front gegen Isis könnten sich die USA und der Iran nun sogar annähern, meinen Beobachter. Wegen der Unterstützung Teherans für das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad war der Iran stes von allen Friedensverhandlungen ausgeschlossen. „Ironie des Schicksals ist jedoch, dass beide jetzt in der Irak-Krise zu Verbündeten werden könnten“, sagt ein Politologe in Teheran. Ruhani zumindest würde das begrüßen, auch mit Blick auf eine Einigung im zähen Atomstreit mit den USA. „Wir haben immer gesagt, dass wir in der Region für alle Seiten eine effektive Rolle spielen könnten“, sagte der Präsident in dieser Woche.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Die traditionellen Differenzen zwischen Schiiten und Sunniten nennt will Ruhani eher zweitrangig angesichts der aktuellen Bedrohungslage. Isis habe gezeigt, dass Terrorismus keine Schiiten und Sunniten kenne. Für Ruhani wären beide Glaubensrichtungen gleichermaßen betroffen - schlimmer noch als bei den Taliban und Al-Kaida. Ein iranischer Journalist, der einige Wochen in Syrien stationiert war, greift zu drastischen Bildern: „Im Gegensatz zu Isis sind die Al-Kaida-Leute Pfadfinder.“

Dem irakischen Regierungschef Nuri al-Maliki will Teheran nun in der Krise helfen. Nicht nur, weil er Schiite ist, hat ihn Ruhani uneingeschränkte Solidarität versprochen. Iran sieht seine Sicherheit eng verbunden mit der irakischen - was nicht nur eine diplomatische Floskel ist. Die beiden Länder haben eine 1450 Kilometer lange gemeinsame Grenze, die unmöglich zu hundert Prozent kontrollierbar ist. „Besonders an der Grenze zu den Kurdengebieten in Nordirak kann man nachts mit einem Esel rein- und rausreiten“, sagt ein iranisch-kurdischer Journalist. Daher wäre Isis für den iranischen Gottesstaat zumindest eine potenzielle Gefahr.

Ob Irans Solidarität nur diplomatischer Natur ist oder doch mehr geplant ist, wird in Teheran nicht öffentlich diskutiert. Aber für heimliche militärische Spezialmissionen gibt es bei den Revolutionsgarden seit langem die „Ghods“-Brigade. Ihr Auftrag: Den wenigen Verbündeten des Landes bei Konflikten schnell auszuhelfen. Die Truppe um den Kommandeur Ghassim Sulejmani soll Gerüchten zufolge in Syrien gewesen sein - und nun auch im Irak.

Von

dpa

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