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10.01.2015

13:59 Uhr

„Islam beleidigt“

Saudischer Blogger in Jeddah ausgepeitscht

VonMartin Gehlen

Das Pariser Attentat auf „Charlie Hebdo“ verurteilte Saudi-Arabien noch, nun veranlasste das ultrakonservative Königreich eine Strafe von 1000 Peitschenhieben gegen einen Blogger. Er soll den Islam beleidigt haben.

Die Vereinigten Staaten hatten zuvor vergeblich an Saudi-Arabien, ihren engsten Verbündeten in der arabischen Region, appelliert, diese inhumane, brutale und erniedrigende Körperstrafe auszusetzen. Foto: Katharina Eglau

Die Vereinigten Staaten hatten zuvor vergeblich an Saudi-Arabien, ihren engsten Verbündeten in der arabischen Region, appelliert, diese inhumane, brutale und erniedrigende Körperstrafe auszusetzen.

Foto: Katharina Eglau

Noch am Donnerstag hatte Saudi-Arabien das Attentat in Paris „als feigen Terrorakt, der gegen den wahren Islam verstößt“ verurteilt. 24 Stunden später bereits statuierte das ultrakonservative Königreich seine eigene Version des wahren Islam und ließ den Blogger Raif Badawi vor Al-Jafali-Moschee in Jeddah öffentlich auspeitschen.

Auf dem Vorplatz des Gotteshauses nahe der Altstadt werden normalerweise Hinrichtungen vollzogen und die Verurteilten mit dem Schwert enthauptet. Nach Berichten von Augenzeugen wurde Badawi nach dem Freitagsgebet gefesselt in einem Polizeiauto vorgefahren. Er habe mit dem Rücken zu den Zuschauern gestanden, während er die 50 Hiebe erhielt. Während der 15-minütigen Tortur habe der Geschlagene keinen Schmerzensschrei von sich gegeben.

Insgesamt ist Badawi zu 1000 Peitschenschlägen verurteilt, die nun in den nächsten 20 Wochen alle acht Tage vollzogen werden sollen – was einem Todesurteil auf Raten gleichkommt.

Das Gericht warf ihm vor, den Islam beleidigt und sich gegen die rechtmäßigen Autoritäten aufgelehnt zu haben.

Salafisten – radikale Islamisten mit Verbindung zum Terror

Wer sie sind

Die Salafisten sind eine religiöse und politische Bewegung des Islam, die nur von einer kleinen Minderheit der Muslime getragen wird. Sie lehnen westliche Demokratien ab und sehen eine „islamische Ordnung“ mit islamischer Rechtsprechung (Scharia) als einzig legitime Staats- und Gesellschaftsform an.

Was sie wollen

Salafisten vertreten einen rückwärtsgewandten Ur-Islam und lehnen jede theologische Modernisierung ab. Das arabische Wort „Salaf“ steht für: Ahnen, Vorfahren. Viele Salafisten tragen lange Bärte und weite Gewänder. Sie vertreten diskriminierende Positionen gegen Frauen und bestehen auf deren Vollverschleierung.

Wie viele Anhänger sie haben

In Deutschland zählen die Salafisten oder Neosalafisten knapp 6300 Anhänger, bis Ende des Jahres sieht der Verfassungsschutz die Zahl bei 7000. 1800 seien bereits nach Syrien oder in den Irak gezogen, um mit dem Islamischen Staat (IS) zu kämpfen. Teile der Bewegung stehen beim Verfassungsschutz im Verdacht, ein Sammelbecken für gewaltbereiten Islamismus zu sein und Verbindungen zu Terrornetzwerken zu pflegen.

Wen sie beeinflussen

Aus der größten Terrorvereinigung Algeriens, der „Salafistischen Gruppe für Predigt und Kampf“ ging die Terrororganisation „Al-Kaida im islamischen Maghreb“ hervor. In der Bundesrepublik stand die terroristische Sauerland-Gruppe unter salafistischem Einfluss. Fast alle Islamisten in Deutschland, die den Dschihad (Heiligen Krieg) befürworten, sind laut Verfassungsschutz mit dem Salafismus in Berührung gekommen.

Die Vereinigten Staaten hatten zuvor vergeblich an ihren engsten Verbündeten in der arabischen Region appelliert, diese inhumane, brutale und erniedrigende Körperstrafe auszusetzen. Badawi habe lediglich von seinem Recht auf Meinungsfreiheit und auf Religionsfreiheit Gebrauch gemacht, erklärte die Sprecherin des US-Außenministeriums, Jen Psaki.

„Reporter ohne Grenzen“ prangerte die Auspeitschung als barbarisch an. Amnesty International sprach von einem „Akt bösartiger Grausamkeit“ und nannte Badawi einen „Gefangenen aus Gewissensgründen“.

Der Beauftragte Deutschlands für Menschenrechtspolitik, Christoph Strässer, erklärte, das Vorgehen widerspreche den internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen, die Saudi-Arabien eingegangen sei.

Die schwedische Außenministerin Margot Wallstrom twitterte, dieser „grausame Versuch, moderne Formen der Meinungsäußerung zum Schweigen zu bringen, muss gestoppt werden“.

Mit der öffentlichen Auspeitschung nimmt das Vorgehen der saudischen Herrscher gegen Bürgerrechtler und interne Kritiker immer krassere Formen an. Denn die Nervosität in dem ölreichen Königreich auf der Arabischen Halbinsel wächst. Der reformoffene 90-jährige Monarch Abdullah liegt schwer erkrankt im Hospital. Erzfeind Iran versucht einen Neuanfang mit den Vereinigten Staaten.

Und mehr als 2500 junge Saudis kämpfen in Syrien und Irak als Gotteskrieger für das „Islamische Kalifat“, dessen Brigaden inzwischen im Westirak de facto vor der Türe des Königreiches stehen.

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