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08.12.2014

14:51 Uhr

Islam und Islamismus

Wer hat Angst vor dem Islam?

VonDésirée Linde

Im Namen des Islams verüben junge Männer Gräueltaten. Dagegen demonstrieren Menschen in Deutschland. Doch es geht ihnen nicht nur um die Gewalt, sondern um die Verteufelung einer ganzen Religion. Warum das falsch ist. Eine Analyse.

Der Neubau der Moschee in Köln: Die Gräueltaten des Islamischen Staats sorgen für eine Anti-Islam-Stimmung in Deutschland. dpa

Der Neubau der Moschee in Köln: Die Gräueltaten des Islamischen Staats sorgen für eine Anti-Islam-Stimmung in Deutschland.

DüsseldorfEin Schreckgespenst geht um in der westlichen Welt: Es ist der böse Islam, der die Jugend radikalisiert und dazu bringt, vermeintlich im Namen Gottes Gräueltaten zu verüben. Im Namen des Islams brennt der Nahe Osten und von den USA bis Deutschland wächst die Angst vor Anschlägen. Gegen die Gräueltaten der Terrormiliz IS in Syrien, Irak und anderen Ländern gehen die Menschen in Deutschland auf die Straße – zum Beispiel in Dresden oder an diesem Montag in Düsseldorf. Doch den Demonstranten geht es nicht nur um die Gewalt, sondern um die Verteufelung einer ganzen Religion. Der Islam wird zum Schreckgespenst.

Wie Schreckgespenster es so an sich haben, sind sie schwer zu fassen. Viel weiß man nicht über sie. Nur, dass man Angst vor ihnen hat. So viel, dass man nicht dazu kommt, überhaupt die komplexen und nicht einheitlich verwendeten Begriffe des islamischen Fundamentalismus, des politischem Islams und des Islamismus zu unterscheiden. Geschweige denn die vielen meist länderspezifischen Spielarten des Islams (Schiismus, Sunnismus, Wahhabismus, Alawismus…). Und die Frage zu stellen, ob wir nicht vor etwas ganz anderem Angst haben sollten.

Glossar – der politische Islam

Einen einheitlichen Islam...

… gibt es nicht. Die Religion hat etwa 1,6 Milliarden Anhänger weltweit. Doch die regional unterschiedlichen Spielarten des Glaubens variieren stark. Die meisten Muslime leben beispielsweise nicht etwa in einem Land auf der arabischen Halbinsel, sondern in Indonesien. Dort sind mit knapp 13 Prozent aller Muslime der Welt so viele Gläubige beheimatet wie in keinem anderen Staat.

Die Verwendung...

… von Begriffen wie Islamismus, politischem Islam, Fundamentalismus, radikalem Islam und Dschihadismus erfolgt in der Debatte oft nicht trennscharf. Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 werden sie oftmals synonym und wenig trennscharf verwendet. Meist sollen mit „Islamismus“ solche fanatischen und gewalttätigen Gruppen mit terroristischer Ausrichtung erfasst werden, die sich auf den Islam beziehen.

Islamismus...

… bzw. Islamisten stehen für für alle politischen Auffassungen und Handlungen, die im Namen des Islams die Errichtung einer allein religiös legitimierten Gesellschafts- und Staatsordnung anstreben.

Problematisch ist,...

… dass gerade späteren Strömungen die Absicht eigen ist, den Islam nicht nur zur verbindlichen Leitlinie für das individuelle, sondern auch für das gesellschaftliche Leben zu machen. Oft geht das einher mit einer Ablehnung der Trennung von Religion, was ein Spannungsverhältnis schafft zu den Prinzipien von Individualität, Menschenrechten, Pluralismus, Säkularität und Volkssouveränität.

Friedliche Islamisten...

… sehen die Gewaltanwendung zur Durchsetzung ihres Ziels – der Errichtung eines islamischen Staats - nicht als ihr vorrangiges politisches Instrument.

Als Mittel des Widerstands...

… haben sich islamistische Strömungen allerdings in vielen Staaten entwickelt. Grobe Faustregel: Je stärker sie unterdrückt wurden, desto eher neigten sie zur Radikalisierung und einer Fokussierung auf den bewaffneten Kampf. So etwa in Syrien und in Ägypten.

Terrorismus...

… ist daher eines von mehreren Mitteln und Handlungsstilen, die Islamisten benutzen. Andere Beispiele sind Parteipolitik und Sozialarbeit.

Der Dschihad...

… bedeutet wörtlich „Anstrengung, Kampf, Bemühung, Einsatz“ für Gott, nicht Gotteskrieg. Man muss unterscheiden zwischen dem „großen Dschihad“ als Kampf gegen sich selbst, also umgangssprachlich gesagt Überwindung des eigenen „inneren Schweinehundes“ und dem „kleinen Dschihad“, dem Kampf im militärischen Sinne. Die Übersetzung von Dschihadisten als „Gotteskrieger“ verzerrt den Begriff daher, weil es einen einseitigen Fokus auf den bewaffneten Kampf legt.

Die Welt erscheint uns immer komplizierter, im Konflikt mit Russland, bei den Kriegen in Syrien und im Irak, im Kampf gegen Ebola oder gegen Wirtschafs- und Finanzkrisen. Das letzte Aufgebot gegen diese wachsende Unsicherheit sind simple Formeln. Früher waren die Kommunisten schuld, dann die Kapitalisten und heute wird eine ganze Religion in Sippenhaft genommen.

Schreckgespenster kommen jedem Freund der Schwarz-Weiß-Malerei gerade recht. Jeder kann darin die eigenen Ängste unterbringen und die der anderen weiter schüren, wie zuletzt etwa Hamed Abdel-Samad, Autor des Buches „Der islamische Faschismus“ und deutsch-ägyptischer Politologe. Er bezeichnete in der „Zeit“ den Islam als „Zeitbombe“: „Ob die militanten Islamisten ihn nun richtig auslegen oder nur für ihre Zwecke missbrauchen, ändert nichts an der Gefahr, die derzeit vom Islam ausgeht“, schrieb er.

Was für ein Unsinn. Genau das macht den Unterschied.

Es lässt sich darüber streiten, ob dem als Religion noch vergleichsweise jungen Islam noch eine Art Reformation fehlt wie dem Christentum. Nebenbei bemerkt: Auch mit der Reformation hat das Christentum längst nicht alle hierarchischen und autokratischen Elemente überwunden. Wir sollten um die Frage ringen: Welchen Platz hat der Glaube in der Politik?

Doch das geschieht nicht auf breiter Ebene. Dem (politischen) Islam wird jede positive Wirkung abgesprochen. Denn wo immer moderate Muslime für einen Einfluss von religiösen Grundsätzen auf die Politik plädieren, wittern wir gleich reflexhaft die Einführung der Scharia.

Doch ein Einfluss des Islams auf Politik bedeutet nicht das Ende des Abendlandes. Es nicht das Ende des laizistischen Prinzips, es bedeutet nicht den Kopftuchzwang für Frauen und den Bartzwang für Männer und vor allem bedeutet es nicht, dass Hadithen, Suren und Imame über dem (Grund)Gesetz stehen.

Kommentare (39)

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Herr Michael Müller

08.12.2014, 13:35 Uhr

Nur noch eine Frage der Zeit, bis sich in unserem doch so liberalen Land eine "Islamische Partei Deutschlands" bildet! Wird dann noch in den Moscheen zur Wahl derselben aufgerufen, schaffen die aus dem Stand locker ein zweistelliges Ergebnis. Angesichts der Einbürgerungspolitik und Geburtenentwicklung dürfte die IPD dann innerhalb weniger Generationen (!) die stärkste Kraft im Deutschen Bundestag sein!
QUO VADIS DEUTSCHLAND!

Herr Quasi Modo

08.12.2014, 13:41 Uhr

Oh ja, die schreckliche Islamisierung ist im Anmarsch! Wir sollten Bunker bauen, ich glaube die fressen Menschen!!

PS: Dann gehen sie doch weniger arbeiten und machen sie als "Deutscher" mehr Kinder, aber Nein, anscheinend ist "den Deutschen" die Karriere wichtiger als die Kinder und die Zukunft des Landes.
Selber schuld würde ich sagen, auch wenn ihre Prognose rein evaluatorisch betrachtet völlig daneben ist...

Herr Thomas Melber

08.12.2014, 13:42 Uhr

Adolf Hitler hat man seinerzeit auch nicht ernst genommen - "das wird doch alles nicht so schlimm". Das Ende ist bekannt.

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