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22.10.2011

10:35 Uhr

Islamische Beerdigung

Familie fordert Herausgabe von Gaddafis Leiche

Noch wird der Körper des getöteten Diktators Gaddafi in einem Kühlraum zur Schau gestellt. Doch seine Familie fordert, den Leichnam schnell nach islamischen Ritus zu beerdigen. Gaddafis genaue Todesursache bleibt unklar.

Der ehemalige libysche Diktator Gaddafi. Reuters

Der ehemalige libysche Diktator Gaddafi.

MisrataDie Familie des getöteten libyschen Machthabers Muammar Gaddafi hat von der Übergangsregierung die Herausgabe seines Leichnams verlangt. Der Körper müsse an Gaddafis Stamm in der Stadt Sirte übergeben werden, um ihn nach islamischem Regeln beerdigen zu können, hieß es in einer Erklärung, die von einem syrischen Fernsehsender veröffentlicht wurde. Die Familie forderte auch den Leichnam von Gaddafis Sohn Motassim, der wie sein Vater am Donnerstag getötet wurde, als Kämpfer der Übergangsregierung die Stadt Sirte einnahmen. Die Nato will unterdessen ihren Einsatz in dem nordafrikanischen Land Ende Oktober offiziell einstellen. 

Nach wie vor ist unklar, wie genau Gaddafi getötet wurde. Er wurde zunächst in einem Wasserrohr unter einer Straße in der Nähe von Sirte entdeckt und lebend gefangengenommen. Nach Darstellung des Übergangsrates starb Gaddafi später in einem Krankenwagen. Der Fahrer des Wagens sagte allerdings der Nachrichtenagentur Reuters, Gaddafi sei bereits tot gewesen, als er den Körper in Empfang genommen habe. Diese Aussage würde die weit verbreitete Annahme stützen, dass der frühere Machthaber gelyncht wurde. Die UN-Menschenrechtsorganisation forderte eine Untersuchung. 

Die halbnackte Leiche Gaddafis mit Einschusswunde am Kopf wurde am Freitag in einem Kühlraum in der Stadt Misrata zur Schau gestellt. Etliche Menschen fotografierten den Körper mit ihren Mobiltelefonen. Ein Kommandeur in Misrata sagte, Gaddafi werde wie jeder Muslim seine Rechte bekommen und würdevoll behandelt. 

Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, verurteilte die weltweite Verbreitung von Fotos und Videos des toten libyschen Ex-Diktators Muammar al-Gaddafi als „moralisch inakzeptabel“. Den Milizionären sei es hier weniger um den „Beweis“ für Gaddafis Ende gegangen als vielmehr um das „sensationalistische Zurschaustellen“, sagte der oberste deutsche Katholik dem Nachrichtenmagazin „Focus“. . Er könne diese Haltung nicht nachvollziehen. Er bete dafür, so Zollitsch, dass „das libysche Volk seinen ersehnten Frieden“ finde. 

Zuvor war bereits dem britischen Fernsehsender BBC Kritik für seine Berichterstattung über den Tod Gaddafis entgegengeschlagen. 200 Fernsehzuschauer hätten sich beschwert, weil die BBC immer wieder ein Handy-Video ausstrahlte, das die letzten Sekunden des Despoten zeigen soll. 

Mary Hockaday, Chefin des BBC-Newsrooms, erklärte, die Bilder seien zweifellos schockierend gewesen. Es sei aber „ein wichtiger Teil der Story“ gewesen. Der Autor und Fernsehmoderator Mark Lawson schrieb dagegen auf der Website des „Guardian“: „Auch Tyrannen haben ein Recht auf Privatsphäre zum Zeitpunkt ihres Todes.“

Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen äußerte wie andere westliche Vertreter kein öffentliches Bedauern über den Tod Gaddafis. Die Nato habe den Einsatz schnell und mit größter Vorsicht durchgeführt. „Ich bin sehr stolz auf das, was wir erreicht haben“, sagte Rasmussen auf einer Pressekonferenz am späten Freitagabend. Der Einsatz, der offiziell mit dem Schutz der Bevölkerung begründet wurde, soll nach seinen Worten am 31. Oktober offiziell beendet werden. 

Die 40-jährige Herrschaft Gaddafis in Libyen

1969

Als 27-Jähriger führt Muammar al Gaddafi einen weitgehend friedlichen Putsch an, mit dem die erst seit 1951 bestehende Monarchie gestürzt wird, und etabliert sich bald als unangefochtener Herrscher im Land.

1970

Gaddafi leitet sozialistische Reformen ein, viele Unternehmen werden verstaatlicht.

1979

Gaddafi tritt vom Amt des Generalsekretärs des Allgemeinen Volkskongresses zurück, als „Revolutionsführer“ bleibt er de facto Staatsoberhaupt.

80er Jahre

Gaddafi unterstützt zunehmend Gruppen, die im Westen als terroristisch eingestuft werden, einschließlich der nordirischen IRA sowie radikaler Palästinenserorganisationen. Nach einem Anschlag auf die bei Amerikanern beliebte Diskothek „La Belle“ in Berlin, hinter der das libysche Regime vermutet wird, greifen US-Flugzeuge 1986 Ziele in Libyen an und töten dabei nach Angaben des Regimes die neugeborene Adoptivtochter Gaddafis.

1988

Bei einem Anschlag auf ein Flugzeug über der schottischen Kleinstadt Lockerbie werden 270 Menschen getötet, die meisten von ihnen Amerikaner. Der Verdacht fällt schnell auf Mitarbeiter des libyschen Geheimdienstes. Das Land gerät international zunehmend in die Isolation.

1992

Der UN-Sicherheitsrat verhängt Sanktionen gegen Libyen, weil das Land sich weigert, zwei wegen des Attentats verdächtigte Männer auszuliefern.

1999

Erste Zeichen einer Annäherung an den Westen: Gaddafi schwört dem Terrorismus ab und liefert die beiden Männer aus, die für den Lockerbie-Anschlag verantwortlich gemacht werden.

2001

Einer der beiden wegen des Lockerbie-Anschlags Angeklagten wird in Schottland zu lebenslanger Haft verurteilt, der andere kommt wieder frei.

2003

Libyen übernimmt offiziell die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag. Gaddafi verspricht großzügige Entschädigung für die Angehörigen der Opfer. Zudem erklärt er sich zum Verzicht auf Massenvernichtungswaffen bereit. Der UN-Sicherheitsrat hebt die Sanktionen auf. Gründung der Afrikanischen Union, als deren Initiator Gaddafi gilt.

2004

Mehrere westliche Regierungschefs besuchen Libyen - unter anderen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Gaddafi besucht die EU-Kommission in Brüssel.

2008

Fünf bulgarische Krankenschwestern und ein Arzt palästinensischer Abstammung werden nach achtjähriger Haft in Libyen freigelassen. Sie waren beschuldigt worden, Kinder vorsätzlich mit dem HI-Virus infiziert zu haben. Sie gestanden die Tat unter Folter und wurden zum Tode verurteilt.

2009

Nachdem zunehmend Migranten aus ganz Afrika von Libyen aus mit Booten nach Europa übersetzen, tritt ein erstes Abkommen mit Italien über gemeinsame Meerespatrouillen in Kraft. Der 40. Jahrestag des Putsches wird in Libyen groß gefeiert. Der verurteilte Lockerbie-Attentäter wird wegen einer schweren Erkrankung in Schottland aus der Haft entlassen und in der Heimat als Held empfangen.

2010

Nach fast zwei Jahren Haft in Libyen kommen zwei Schweizer frei. Die beiden Männer waren wegen angeblicher Verstöße gegen Visa-Vorschriften und illegaler Einreise verurteilt worden, nachdem die Schweizer Polizei im Jahr 2008 einen Sohn von Gaddafi festgenommen hatte. Libyen zog außerdem Investitionen aus der Schweiz ab.

Februar 2011

Wie in anderen Ländern der arabischen Welt gehen in Libyen Demonstranten mit Forderungen nach politischen Reformen auf die Straße. Regimetreue Kräfte gehen gewaltsam gegen die Proteste vor und schießen auf friedliche Demonstranten. Wenige Tage später warnt ein Sohn Gaddafis, Saif al Islam, angesichts der Proteste gegen seinen Vater vor einem Bürgerkrieg.

17. März

Der UN-Sicherheitsrat verabschiedet eine Resolution zur Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen. Für den Entwurf stimmen zehn Mitglieder des Gremiums, fünf enthielten sich, darunter Deutschland, Russland und China. Die Resolution ermächtigt die Mitgliedsstaaten, „alle notwendigen Maßnahmen zu treffen“, um die Zivilbevölkerung in dem nordafrikanischen Land vor den Truppen von Machthaber Mummar al Gaddafi zu schützen. Eine Bodenoffensive wird jedoch ausgeschlossen.

18. März

Nur wenige Stunden nach der Verhängung einer Flugverbotszone über Libyen durch den Sicherheitsrat ruft die libysche Regierung nach Aussage von Außenminister Mussa Kussa eine Waffenruhe aus und erklärt die Kampfhandlungen für beendet.

19. März

Beginn der Luftangriffe auf libysche Truppen. Französische Kampfjets fliegen bei Bengasi Einsätze, um ein weiteres Vorrücken der Regierungskräfte auf die Rebellenhochburg zu verhindern.

7. Juni

Der libysche Machthaber kündigt an, „bis zum Tod“ kämpfen zu wollen. In einer im nationalen Fernsehen ausgestrahlten Rede teilt er mit, er werde nicht kapitulieren.

27. Juni

Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag erlässt Haftbefehl gegen Gaddafi, seinen Sohn Saif al Islam und den libyschen Geheimdienstchef Abdullah al Sanussi. Ihnen werden Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen.

1. Juli

Gaddafi droht mit Anschlägen in Europa, sollte die NATO ihre Luftangriffe gegen sein Regime fortsetzen. Wenn die Angriffe nicht eingestellt würden, „können wir beschließen, euch ähnlich zu behandeln“, erklärt der Diktator in einer vor tausenden Anhängern in Tripolis veröffentlichten Audiobotschaft. „Wenn wir es beschließen, können wir ihn (den Kampf) auch nach Europa bringen.“

22. August

Nach sechsmonatigem Krieg bringen die Rebellen weite Teile der Hauptstadt Tripolis unter ihre Kontrolle. Noch am Vortag hatte Gaddafi die Bewohner von Tripolis zur Verteidigung der Hauptstadt aufgerufen. „Jetzt ist es an der Zeit, für eure Politik, euer Öl, euer Land zu kämpfen“, rief er in einer vom staatlichen Fernsehen gesendeten Audiobotschaft.

10. September

Nach Ablauf eines Ultimatums beginnt der Sturm auf die Gaddafi-Hochburgen Sirte und Bani Walid.

21. September

Die NATO-Staaten verlängert das Mandat für den Libyen-Einsatz bis zum Jahresende.

17. Oktober

Libysche Revolutionsstreitkräfte erobern den Großteil von Bani Walid.

20. Oktober

Nach zunächst unbestätigten Berichten wurde Gaddafi getötet, seine Heimatstadt Sirte wurde erobert.

Am Donnerstag hatten französische Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne Gaddafis angegriffen, als er sich mit Gefolgsleuten aus Sirte absetzen wollte. Seitdem gibt es keine Angriffe auf libysche Ziele mehr. Im UN-Sicherheitsrat begannen bereits Gespräche, die Flugverbotszone über dem Land aufzuheben. Sie wurde im Rahmen der Resolution 1973 vom 17. März eingerichtet, um nach offizieller Darstellung die Bevölkerung zu schützen.

Von

rtr

Kommentare (4)

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MaDHild

22.10.2011, 11:30 Uhr

Zivilisiertes, christliches Abendland, was ist aus Dir geworden? Die Hilfeleistung beim Abschlachten früherer Freunde, es ist ein öffentliches Verbrechen gegen die Menschlichkeit MH

nordwind

22.10.2011, 11:52 Uhr

die nato ist ohne legitimität als kriegspartei aufgetreten und hat sich in angelegenheiten eingemischt,die sie nichts angehen.

erneut haben die usa und ihre europäischen vasallen aus eigeninteresse ihre hände mit fremden blut beschmutzt.

wer die souveränität anderer länder nicht respektieren will, hat seine politische existenzberechtigung verspielt.

deutschland raus aus der nato , us kernwaffen und truppen raus aus deutschland.

Osterwelle

22.10.2011, 13:30 Uhr

Es ist sonderbar, wie sich die "christliche Gesellschaft" immer nur dann auf ihre "christlichen Wurzeln" beruft, wenn es um Humanität für irgendwelche dubiösen Mörder und Verbrecher geht. Insbesondere um jene, die vorher mit den kommunistischen Mathabern im osten Europas paktierten und selbst sehr blutige Hände hatten. Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendein christliches Oberhaupt deutlich und explizit sich mit dem Unglück und Tod und der Darstellung desselben von Millionen von toten Opfern verschiedenster Diktatoren und Menschenschlächtern der Welt befasste. Insbesondere die Opfern von Gadaffi sind in der Themenbereich der Kirchen fast unbekannt. Natürlich wurde die Massakrierung (unter Gaddf.)in den libyschen Medien gezeigt, um die Wirkung zu erzeugen. Öffentliche Hinrichtungen in Iran oder früher auch in Afghanistan wurden immer stillschweigend übergangen. Auf die spektakuläre Schlachtung am 11.09.2001 antwortet die Kirche nach 10 Jahren: (Zitat aus einer kath. Predigt.) "Die Reaktion war falsch, wir sollten inne halten und uns fragen, was wollten DIE (verstehe Al Quaida) uns damit sagen."

Natürlich verstehe ich, dass die unchristliche Schmah, kaum Akzeptanz bei den Kirchen finden sollte. Wenn man jedoch auch sonst immer nur schweigt, sollte man jetzt besser auch.

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